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Bisher keine schweren Folgen Wie sicher sind die Turbo-Impfstoffe?

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Können in aller Eile entwickelte Impfstoffe sicher sein?

(Foto: dpa)

Im Rekordtempo bringen Pharmafirmen Corona-Impfstoffe auf den Markt. Viele Menschen sind skeptisch, ob sie sich damit impfen lassen sollen. Experten versichern: "Es gibt einen Unterschied zwischen schnell und zu schnell." Bisher deute alles auf bedenkenlose Stoffe hin.

Die britischen Gesundheitsbehörden haben eine Notfallzulassung für den Corona-Impfstoff des Mainzer Pharmaunternehmens Biontech und seines US-Partners Pfizer erteilt. Nach Angaben der Regierung in London wird der Impfstoff bereits ab der kommenden Woche zur Verfügung stehen.

Auch in anderen Ländern könnten noch im Dezember Impfkampagnen beginnen und das Ende der Pandemie einläuten. Viele Menschen sind dennoch skeptisch: Wie sicher sind die in Rekordgeschwindigkeit entwickelten Impfstoffe?

Nebenwirkungen treten in aller Regel früh auf

Die Statistik zeigt, dass fast alle Nebenwirkungen von Impfungen in den ersten sechs Wochen auftreten. Die Teilnehmer der groß angelegten Studien für die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und des US-Unternehmens Moderna wurden mindestens zwei Monate nach Gabe der zweiten Dosis beobachtet - wie es etwa die US-Zulassungsbehörde FDA für eine Notfallzulassung verlangt.

"Es gibt einen Unterschied zwischen schnell und zu schnell", sagt Saad Omer, Leiter des Instituts für Globale Gesundheit der US-Elite-Universität Yale. Ein Beobachtungszeitraum von zwei Monaten decke tatsächlich die "überwältigende Mehrheit" unerwünschter Nebenwirkungen ab, sagt er.

Normalerweise schreibt die FDA sechs Monate Beobachtung vor. Verlaufen die ersten acht Wochen nach der Impfung problemlos, ist es jedoch sehr unwahrscheinlich, dass in den darauffolgenden vier Monaten noch Nebenwirkungen auftreten.

Bisher keine ernsten unbeabsichtigten Folgen

Biontech/Pfizer und Moderna versichern, dass bei keinem Probanden in den zwei Monaten nach der zweiten Spritze ernste Nebenwirkungen aufgetreten seien - also lebensbedrohliche Folgen, die eine Klinikbehandlung notwendig machen, oder dauerhafte Beeinträchtigungen. In diese Kategorie fallen etwa allergische Schocks oder neurologische Probleme sowie schlimmstenfalls der Tod.

Ein geringer Anteil der Probanden litt nach Angaben der Unternehmen unter Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Kopf- und Gelenkschmerzen und einer geröteten und schmerzenden Einstichstelle, besonders nach der zweiten Dosis. Die Zulassungsbehörden werten weit mehr und detailliertere Daten aus, als die Konzerne in ihren Presseerklärungen bekannt gaben.

Große Zahl an Testpersonen

Um die Seriosität der aktuellen Studien zu unterstreichen, wird auf deren großen Umfang verwiesen: 44.000 Freiwillige sind es bei Biontech/Pfizer und 30.000 bei Moderna. Den Zulassungsbehörden stehen also die Gesundheitsdaten Zehntausender Probanden zur Verfügung. In den vergangenen zehn Jahren umfassten Studien für Impfstoffe im Schnitt nur 6700 Testpersonen.

Weitere Überwachung der Impfstoff-Wirkung

Auch nach der Zulassung wird die Wirkung der Impfstoffe weiter überwacht. In den USA und Europa gibt es gut etablierte Systeme, um eine mögliche Zunahme von gesundheitlichen Beschwerden der Geimpften statistisch zu erfassen und Ursache und Wirkung in Zusammenhang zu setzen. Bei den Grippeimpfstoffen etwa hat die US-Gesundheitsbehörde CDC einen möglichen minimalen Anstieg der Fälle des Guillain-Barré-Syndroms festgestellt, einer heilbaren neurologischen Krankheit mit Lähmungserscheinungen.

Die Überwachung nach der Zulassung führte 1999 dazu, dass der erste in den USA eingesetzte Rotavirus-Impfstoff neun Monate nach Genehmigung wieder zurückgezogen wurde. Zwei Wochen nach der Impfung litten einige wenige Kleinkinder unter Darmverschluss. Meist führten bei der breiten Anwendung beobachtete Nebenwirkungen aber nicht dazu, dass ein Impfstoff vom Markt genommen werde, sagt der Infektiologe Omer. Es werde lediglich die Anwendung für bestimmte Gruppen eingeschränkt.

Wenn doch was schiefgeht, zahlt die EU

Trotz allen positiven Signalen sichern sich die Impfstoffhersteller für mögliche Risiken ab. Wie das "Handelsblatt" berichtete, beinhalten die Verträge mit den Pharmaunternehmen Klauseln, die die Hersteller unter "bestimmten und strengen Bedingungen" für Verbindlichkeiten entschädigen, wie es demnach die EU-Kommission ausdrückt - also zum Beispiel, wenn eine Firma wegen unvorhergesehener Nebenwirkungen schadenersatzpflichtig wird. Laut Kommission ist dies das finanzielle Risiko, das die EU-Mitgliedsstaaten für einen schnellen Impfstoff bereit seien zu übernehmen.

Quelle: ntv.de, Ivan Couronne, AFP

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