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Spontanzeugung und Marskanäle Zehn berühmte Irrtümer der Wissenschaft

Kaum etwas wird heutzutage mehr Vertrauen geschenkt als der Wissenschaft. Die Geschichte zeigt jedoch, das viele Theorien grob falsch lagen und dennoch zum Teil sehr lange geglaubt wurden. Hier lesen Sie zehn berühmte Beispiele.

"Wissenschaft ist Irrtum auf den neusten Stand gebracht" - dieses Zitat wird dem zweifachen Nobelpreisträger Linus Pauling zugeschrieben. Und es könnte einen Funken Wahrheit beinhalten: In der Menschheitsgeschichte gab es zahlreiche Theorien zu Naturphänomenen, die zum Teil über Jahrhunderte hinweg unter Gelehrten als wahr galten - bis sie widerlegt wurden. Wir haben die zehn schönsten Beispiele zusammengestellt:

1. Die Existenz des Planeten Vulkan

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Glühend heiß müsste es auf dem sonnennahen Planeten Vulkan sein - sofern es ihn gibt, woran heute keiner mehr glaubt.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Der Hinweis auf einen bisher unentdeckten Planeten sorgte im 19. Jahrhundert für helle Aufregung in der Wissenschaftswelt. Ins Spiel gebracht wurde der Himmelskörper 1859 vom französischen Astronom Urbain Le Verrier. Seinen Berechnungen nach lag der Planet, der den Namen "Vulkan" erhielt, noch innerhalb der Bahn des Merkur - also sehr nah an der Sonne. Le Verrier war nicht irgendein Forscher - er hatte etwa an der Entdeckung des Planeten Neptun 1846 wesentlichen Anteil gehabt. Und seine These zu Vulkan basierte auf derselben Methode, die bei der Neptun-Entdeckung zum Einsatz gekommen war. So begann die Suche nach dem noch nicht gesichteten Planeten, der sich zahlreiche Astronomen anschlossen. Aber Vulkan wurde nie gefunden. Diverse Erfolgsmeldungen und vermeintliche Beobachtungen konnten nicht verifiziert werden.

So wurde sie widerlegt:  Die Vulkan-Hypothese basierte auf einer zunächst unerklärlichen Bahnabweichung des Planeten Merkur, die nicht mit der newtonschen Himmelsmechanik vereinbar war. Erst Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie konnte den Effekt erklären. Übrigens: Die Geschichte von Vulkan könnte in angewandelter Form eine Neuauflage bekommen: Derzeit gibt es einen Hype um einen vermuteten neunten Planeten, der ebenfalls aufgrund der Bewegung anderer Himmelskörper angenommen wird - aber ebenfalls noch nicht direkt beobachtet wurde.

2. Die Spontanzeugung

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Maden entstehen aus verfaulendem Fleisch, glaubten Gelehrte über Jahrhunderte.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Wie entsteht eigentlich Leben? Der seit der Antike über Jahrhunderte populären Theorie der Spontanzeugung liegt die Annahme zugrunde, dass Lebewesen jederzeit - eben spontan - aus unbelebter Materie entstehen können. So glaubten die Gelehrten, dass im Wasser und in der Erde unter der Einwirkung von Wärme und Luft ständig Tiere wie Muscheln, Quallen oder sogar Aale entstünden. Berühmtester Vertreter dieser These war Aristoteles. Auch andere antike Autoren nahmen an, dass etwa Läuse aus Schweiß und Maden aus verfaulendem Fleisch entstünden. Die heute wohl ziemlich absurd klingende Theorie konnte sich bis ins 19. Jahrhundert halten.

So wurde sie widerlegt:  Ende des 17. Jahrhunderts unternahm der italienische Arzt Francesco Redi ein Experiment, das untersuchen sollte, ob Maden aus verfaulendem Fleisch entstehen. Er füllte drei Töpfe mit Fleisch, verschloss einen komplett und einen mit Gaze. Nur in dem offenen Topf fanden sich am Ende Maden. Damit begann der Niedergang der Theorie von der Spontanzeugung. Den Rest gab ihr der französische Chemiker Louis Pasteur mit seinen Experimenten. Allerdings ist bis heute weiterhin ungeklärt, wie Leben zum ersten Mal - aus unbelebter Materie - entstanden ist.

3. Die Expansionstheorie

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Vor Millionen Jahren soll die Erde wesentlich kleiner als heute gewesen sein - und dehnte sich mit der Zeit aus, besagte die Expansionstheorie.

(Foto: Wikipedia/Helge Hilgenberg/gemeinfrei)

Unseren Heimatplaneten Erde macht eine Eigenschaft einzigartig: Seine steinerne Oberfläche ist in ständiger Bewegung. Kontinente entstehen, zerbrechen und wandern seit Millionen Jahren umher. Erkannt wurde das erst zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und führte bald zu Spekulationen über die Ursache. Zu größerer Beachtung schaffte es dabei die sogenannte Expansionstheorie. Sie besagt, dass die Erde in der Frühzeit einmal viel kleiner war als heute und sich mit der Zeit immer weiter ausgedehnt hat. Dadurch sollen sich Risse auf der einst intakten Erdoberfläche gebildet haben - wie bei einem aufgehenden Kuchen. Der einstige Super-Kontinent Pangea zerbrach auf diese Weise in die heutigen Kontinente, so der Gedanke.

So wurde sie widerlegt: Vor allem war es eine andere, weit plausiblere Theorie, welche der Expansions-Idee den Garaus machte: die Plattentektonik. Bei ihr wird das Wandern der Kontinente auf Kräfte im Erdinneren zurückgeführt, wobei der Erdradius mehr oder weniger stabil bleibt. Viele Beobachtungen untermauern die Theorie der Plattentektonik. Bei einer Präzisionsmessung im Jahr 2011 konnte hingegen keine Ausdehnung der Erde gemessen werden - die Expansionstheorie scheint damit endgültig am Ende.

4. Die Äthertheorie

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Wie die Wellen im Wasser breitet sich Licht im Äther aus, glaubte man lange Zeit.

(Foto: imago stock&people)

Dass Licht sich ähnlich ausbreitet wie Wellen auf einer Wasseroberfläche, wurde bereits im 17. Jahrhundert erkannt – und später experimentell bestätigt. Man nahm daher an, dass es auch ein Medium geben muss, in dem sich das Licht ausbreitete: Die Äthertheorie wurde geboren. Der Äther ist dabei ein Stoff von unglaublich geringer Dichte, der den ganzen Raum um uns herum ausfüllt. In ihm sollen sich Lichtwellen ausbreiten wie Wellen auf dem Wasser oder Schallwellen in der Luft. Auch elektrische und magnetische Felder wurden als besondere Zustände des Äthers beschrieben.

So wurde sie widerlegt: Ende des 19. Jahrhunderts machten sich die US-Wissenschaftler Albert A. Michelson und Edward W. Morley daran, den für die Äthertheorie wichtigen Ätherwind experimentell nachzuweisen. Es gelang ihnen jedoch nicht. Die Äthertheorie geriet ins Wanken, spätestens seit Einsteins spezieller Relativitätstheorie gilt die Idee eines Äthers als überflüssig.

5. Das statische Universum

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Gemeinhin anerkannt ist heute die Theorie, dass sich das Universum ausdehnt - allerdings sahen dies einige anders.

(Foto: imago/Westend61)

Wenn man auch angesichts der vorangegangen Beispiele den Eindruck gewinnen könnte, dass Albert Einstein immer richtig lag: Auch das Genie der Wissenschaft irrte sich allem Anschein nach mindestens einmal kräftig. Denn Einstein glaubte, wie er 1917 schrieb, dass das Universum starr ist, sich also weder ausdehnt noch zusammenzieht. Zum ersten Mal vorgeschlagen wurde diese Idee vom englischen Astronomen Thomas Digges im 18. Jahrhundert. Auch noch Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man sich nicht vorstellen, dass das Universum Veränderungen unterworfen ist.

So wurde es widerlegt:  Nach Einstein konnte die Theorie vom statischen Universum nicht lange aufrechterhalten werden. Dazu führte die Beobachtung der Rotverschiebung des Lichts von Galaxien. Diese veranlasste im Jahr 1927 den belgischen Priester Georges Lemaître zu der These von der "Expansion des Weltalls". Diese gilt bis heute als Tatsache und es wird mittlerweile sogar angenommen, dass sich die Expansion beschleunigt.

5. Phlogiston

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Verbrennt Holz, entweicht Phlogiston - und das "wahre" Holz bleibt zurück, dachte man im 17. Jahrhundert.

(Foto: imago/Jochen Tack)

Überraschend gut funktionierte lange Zeit eine Theorie, die heute als überwunden gilt: Die Idee vom Phlogiston, die im 17. und 18. Jahrhundert unter Wissenschaftlern sehr populär war. Beim Phlogiston handelte es sich dabei um eine hypothetische Substanz, die allen brennbaren Stoffen innewohnen soll. Bei der Verbrennung tritt das Phlogiston aus und lässt die "wahre" Substanz zurück, glaubten Wissenschaftler. Ähnlich war es auch beim Rosten von Eisen: Phlogiston trat aus und übrig blieb das "dephlogistonierte" Eisen – eben der Rost. Umgekehrt konnte einem Erz durch Erhitzen jenes wundersame Phlogiston zugeführt und somit wieder glänzendes Metall erzeugt werden. Die Theorie war zwar falsch, konnte aber dennoch einige chemische Vorgänge in Zusammenhang miteinander bringen und leitete daher das Zeitalter der modernen Chemie ein.

So wurde sie widerlegt: Ein Problem der Phlogiston-Theorie war, dass sie keine Antwort auf die Frage der Massenänderungen bei den erwähnten Prozessen gab. Verbrennt etwa Holz, ist die zurückbleibende Asche leichter. Rostet jedoch Eisen, nimmt dessen Masse zu - obwohl in beiden Fällen angeblich Phlogiston entweicht. Diesen Widerspruch löste der französische Chemiker Antoine Laurent de Lavoisier auf - mit seiner Oxidationstheorie. Mit dieser wurde klar, dass das Gas Sauerstoff der entscheidende Part bei Verbrennungen, Rosten und der Herstellung von Metallen aus Erz war.

7. Schädellehre oder Phrenologie

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So stellten sich Anhänger der Phrenologie die Verteilung der einzelnen "Organe" vor, die bestimmte Charaktereigenschaften beinhalteten.

(Foto: Wikipedia/gemeinfrei)

Anfang des 19. Jahrhunderts gelangte eine Theorie zu Weltruhm, die damit warb, dass man den Charakter und die geistigen Fähigkeiten eines Menschen anhand seiner Schädelform ablesen kann. Diese Schädellehre, später Phrenologie genannt, wurde vom deutschen Arzt und Anatom Franz Joseph Gall eingeführt und fand große Verbreitung. Gall ging davon aus, dass das Gehirn aus einer Vielzahl von "Organen" zusammengesetzt war, bei denen jedes gewisse Charaktereigenschaften oder Triebe beinhaltete. Dazu gehörten etwa Mut, Witz, Gewissenhaftigkeit oder Ortssinn. Wies der Schädel eines Menschen an einer bestimmten Stelle eine kleine Delle oder Beule auf, war das darunter liegende "Organ" entsprechend schwächer oder stärker ausgeprägt - und somit die dem Organ eigene Charaktereigenschaft.

So wurde sie widerlegt: Völlig abwegig war die Theorie von Gall nicht. Denn heute gilt es als sicher, dass bestimmten Arealen im Gehirn gewisse Funktionen zukommen. Allerdings sind es nicht jene, die Gall ihnen zugeordnet hatte. Zudem konnte nie ein Zusammenhang zwischen Schädelform und Charaktereigenschaften der Menschen nachgewiesen werden.

8. Die Marskanäle

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Diese Zeichnung fertigte der Astronom Percival Lowell an - sie soll die fast geradlinigen Kanäle auf der Marsoberfläche zeigen.

(Foto: Percival Lowell/Wikipedia/gemeinfrei)

Die Frage nach möglichem Leben auf anderen Planeten elektrisiert die Wissenschaft schon seit Generationen. Einen vermeintlichen Hinweis auf solches lieferte 1877 der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli, der auf dem Planeten Mars Kanäle entdeckt zu haben meinte. Weitere Astronomen machten sich ebenfalls auf die Suche und entdeckten ebenfalls Strukturen, die in fast gerader Linie über die Oberfläche des Mars verliefen. Der US-Astronom Percival Lowell verstieg sich schließlich sogar zu der These, dass es sich um Bewässerungskanäle einer intelligenten außerirdischen Zivilisation handeln könnte. Die Theorie konnte sich lange halten und begründete wohl auch den Mythos von den Marsmenschen.

So wurde sie widerlegt: Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts kamen Zweifel an der Existenz der Marskanäle auf. Andere einflussreichen Astronomen konnten keine Kanäle entdecken und schlossen auf eine optische Täuschung. Endgültig am Ende waren die Marskanäle, als im Jahr 1965 die Nasa-Sonde Mariner 4 erste Nahaufnahmen von dem Planeten zur Erde sandte, auf denen keine Marskanäle zu sehen waren. Allerdings verfügt der Mars über ein gigantisches Canyon-System, die Valles Marineris, das in den 1970er Jahren entdeckt wurde.

9. Miasma-Theorie

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Im Schnabel dieser Pestarztmaske befanden sich duftende Essenzen, die den Arzt vor der "schlechten Luft" schützen sollten.

(Foto: imago stock&people)

Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert hinein war die Vorstellung von Europa bis China verbreitet, dass "schlechte Luft" Seuchen übertragen kann. Es war die Theorie vom Pesthauch oder dem sogenannten Miasma. Das Wort "Miasma" kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet "Verschmutzung". Nach Sichtweise von Gelehrten wurden Seuchen wie Cholera und Pest von einer krankmachenden, verseuchten Luft verursacht, die aus verrottenden organischen Substanzen emporsteigt. Im Mittelalter etwa trugen die Ärzte aus diesem grund bei Untersuchung von Pest-Patienten schnabelähnliche Masken, um sich vor diesen Miasmen zu schützen.

So wurde sie widerlegt:  Erst im 19. Jahrhundert konnte die Miasma-Theorie als falsch überführt werden. Nach mehreren schweren Cholera-Epidemien in Europa erkannt der britische Arzt John Snow im Jahr 1854, dass diese Seuche nicht von Miasmen, sondern von Mikroorganismen übertragen wird. Erst nach und nach jedoch wurden seine Erkenntnisse in der Wissenschaft allgemein anerkannt.

10. Kalte Fusion nach Fleischmann und Pons

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Bisher gelang der Menschheit Kernfusion nur beim Zünden von Wasserstoffbomben - was unglaublich viel Hitze erzeugte.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Es ist ein Traum der Menschheit: über eine schier unerschöpfliche und günstige Energiequelle zu verfügen. Für großes Aufsehen sorgte daher der vermeintliche Nachweis der sogenannten "Kalten Fusion" im Jahr 1989. Die Theorie besagt, dass der in der Sonne unter großem Druck und großer Hitze ablaufende Prozess der Kernfusion auch im Labor mit einfachen Mitteln nachgestellt werden kann. Und zwar ohne auf gewaltige Maschinen wie Fusionsreaktoren zurückgreifen zu müssen, sondern vielmehr im schlichten Glaskolben. Hinter dieser These standen die beiden Forscher Martin Fleischmann und Stanley Pons. Sie lösten mit der Veröffentlichung eine wahre Fusions-Euphorie aus. Selbst staatliche Stellen beschäftigten sich in der Folge mit der Möglichkeit einer unerschöpflichen Energiequelle.

So wurde sie widerlegt:  Nach der Bekanntmachung der Entdeckung von Fleischmann und Pons versuchten Forscher weltweit, das Experiment nachzustellen. Doch niemandem gelang es. Bei genauerer Untersuchung der Veröffentlichung zur "Kalten Fusion" wurden zudem Fehler festgestellt. Die Fleischmann-Pons-Theorie gilt heute als widerlegt. Dennoch arbeiten weiterhin Forscher daran, den Traum einer kalten Fusion doch noch wahr werden zu lassen.

Quelle: n-tv.de