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Dachkonstruktion von Notre-Dame "Zimmerleute waren damals die Ingenieure"

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Vom Dach der Kathedrale sind nur noch verkohlte Reste übrig.

(Foto: REUTERS)

Das Feuer in der Pariser Kathedrale Notre-Dame hat den gesamten historischen Dachstuhl zerstört. Er bestand aus Eichenstämmen, die Zimmerleute vor Jahrhunderten bearbeitet hatten. Für Experten war dies wissenschaftliches Material, das nun unwiederbringlich verloren ist. Thomas Eißing forscht an der Universität Bamberg an historischen Holzkonstruktionen. Er hofft auf eine Teilrekonstruktion des Originaldachstuhls und erinnert an die Pionierleistungen der damaligen Zimmerleute.

n-tv.de: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat angekündigt, in fünf Jahren soll Notre-Dame wieder aufgebaut sein. Ist das aus Ihrer Sicht realistisch?

Thomas Eißing: (lacht) Also, sehen Sie, was passiert ist: Der Dachstuhl ist abgebrannt, der Vierungsturm ist eingestürzt und hat die Vierung durchschlagen. So wie es jetzt aussieht, haben die Gewölbe standgehalten. Die Frage ist, inwieweit der Stein durch das Feuer seine Tragfähigkeit verloren hat. Zudem kann die Sanierung des Innenraums von den Außenarbeiten getrennt werden. Das Dach kann man innerhalb von zwei bis drei Jahren instandsetzen. Für eine historische Rekonstruktion muss man vielleicht mehr Zeit einplanen, es müssen die richtigen Handwerker und das richtige Holz gefunden werden. Das kann dauern. Dennoch sind fünf Jahre kein unrealistischer Zeitraum.

Die Dachkonstruktion von Notre-Dame ist komplett zerstört - warum ist es trotzdem gar nicht so schwierig, sie wiederherzustellen?

Es gibt sehr viel größere Dächer. Die Spannweite bei Notre-Dame betrug nur 13 Meter. Die Konstruktion war ein gleichseitiges Dreieck, deshalb waren die Sparren etwa in der gleichen Länge. Beim Vierungsturm ist es anders, der war hoch und schlank, ein konstruktives Meisterstück der Zimmermannskunst des 19. Jahrhunderts. Von den Bauholzdimensionen ist dies bei Nadelholz nicht so sehr das Problem. Es könnte aber ein Problem sein, entsprechende Eichen zu bekommen, obwohl Frankreich noch sehr viele historische Eichenwälder hat.

Was ist aus Ihrer Sicht der größte Verlust?

Es geht vor allem um den Verlust der historischen Substanz. Die französische Kathedralgotik ist vielleicht die prägendste Architektur, die nicht von den Römern, Griechen oder Ägyptern direkt abgeleitet werden kann. Sie ist eine ureigene Hervorbringung des christlichen Abendlandes. Die Kathedralen wurden nicht nur als Ausdruck des französischen Königtums errichtet, sondern sind gleichzeitig eine christliche Demonstration, man befand sich ja mitten in den Kreuzzügen. Deshalb wurden die Kirchen besonders ausgestattet und dazu gehören auch die Dächer.

Was ist an den Dächern besonders?

Das Dach wurde nun als gleichseitiges Dreieck konstruiert, in der romanischen Zeit waren die Dächer deutlich flacher. In der gotischen Zeit beginnen die Dächer steiler zu werden, oft auch mit farbigen Ziegeln geschmückt. Aus der Ferne ähnelt das Kathedraldach einem Heiligenschrein, dies ist zugleich ein Verweis auf seine Bedeutungsebene. Auf der architektonischen Ebene bedeutet ein steileres Dach Veränderungen in der Konstruktion. Es muss besser gegen Windkräfte stabilisiert und deshalb stabiler konstruiert werden. So wurden die französischen Zimmerleute zu Innovationsträgern für die Tragwerksplanung. Das Dachwerk von Notre-Dame stammte über dem Chor und den Seitenschiffen noch aus dem ersten Drittel des 13. Jahrhunderts. Das ist konstruktionsgeschichtlich von großer Bedeutung, weil hier ein sehr frühes Hängewerk ausgeführt wurde.

Wofür sind diese Hängewerke wichtig?

Hängewerke wurden sozusagen erfunden, um große Spannweiten zu überbrücken. Sie können besondere Lasten tragen. Es werden vertikale Zugstäbe in das Dachdreieck eingebracht, an die zum Beispiel die Deckenbalken angehängt werden können. Zusätzlich können Längsträger zur Unterstützung der Kehlbalken eingebracht werden. Dies verbessert das Tragverhalten.

Kann man das heute nicht einfach nachbauen?

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Henri Deneux baute einen Teil des Dachstuhls von Notre-Dame nach.

(Foto: Patrick Hoffsummer aus "Roof Frames from the XIth to the XIXth Century: Typology and Development in Northern France and in Belgium")

Doch, das geht schon. Es gibt auch Modelle von dem Dachstuhl von Henri Deneux aus den 1930er-Jahren. Außerdem lässt sich der Dachstuhl auch anhand von Dachaufmaßen rekonstruieren. Die Konstruktion können wir nachvollziehen, bestimmte Details, die nicht dokumentiert sind, sind jedoch verloren. Wir können uns beispielsweise nicht mehr über die Art der Balkenbearbeitungstechnik informieren. Auch die Informationen zur Logistik des Aufstellprozesses, worüber die auf jedem Balken eingeschlagenen Abbundzeichen der Zimmerleute informieren könnten, sind verloren. Das kann man nur unmittelbar am Dachwerk ablesen und das ist verbrannt.

Das historische Handwerkerwissen ist also weg?

Ganz genau, der materielle Beleg für die hochentwickelte Handwerkskunst dieser Zeit ist verloren. Damals war Frankreich führend in Bezug auf die Zimmermannskunst. Deshalb gehören die historischen Zimmermannstechniken zum immateriellen Weltkulturerbe Frankreichs. Die sogenannten Compagnonnages, vergleichbar mit den deutschen Zünften, wurden 2010 aufgenommen. Die Konstruktion der Kathedrale wäre ohne die Zimmerleute nicht möglich gewesen. Sie waren auch entscheidend an der Entwicklung der Gewölbetechniken beteiligt, denn sie fertigten die Lehrgerüste für die Gewölbebögen an. Die Zimmerleute waren quasi die Ingenieure der damaligen Zeit.

Experimentelle Historiker haben immer wieder versucht, historische Bauten mit den Techniken der damaligen Zeit nachzubauen. Gibt es von dort Erkenntnisse, die man jetzt nutzen könnte?

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Thomas Eißing ist gelernter Schreiner und Fachmann in der Denkmalpflege für historische Holzkonstruktionen und Holzaltersbestimmungen an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.

(Foto: privat)

Ja, das könnte sein. Ich denke aber, dass die Denkmalbehörden in Frankreich dieses Wissen schon haben. Spezialisierte Holzingenieure, die beispielsweise an Welterbestätten in der Denkmalpflege arbeiten, sind natürlich in der Lage, solche Dächer wieder herzustellen. Auch die Lehrstühle für Bauforschung verfügen über dieses Wissen. Von denen gibt es auch in Deutschland viele mit zum Teil jahrzehntelanger Erfahrung. Man muss keine historischen Gewänder wie in Guiédelon tragen, um einen historischen Dachstuhl zu sanieren. Auch in Notre-Dame wird am Ende nicht mit Seilzügen und Treträdern gearbeitet. Sondern da werden Kräne und Baumaschinen stehen. Es geht hauptsächlich darum, die Wertigkeit wiederherzustellen.

Wie meinen Sie das?

Ich glaube, es ist durchaus eine Überlegung wert, den historischen Dachstuhl zumindest in einem Abschnitt nachzukonstruieren und nicht durch eine moderne Konstruktion beispielsweise aus Stahl oder Beton zu ersetzen. Das ist aber eine denkmalpflegerische Grundentscheidung, die diskutiert werden sollte.

Ist das in erster Linie eine Kostenfrage?

Natürlich ist es einfacher und günstiger, eine heutige Tragwerkskonstruktion draufzustellen. Vor allem hat die Entscheidung aber damit zu tun, welche Bedeutung man dem Dachstuhl beimisst. Wenn ich das als herausragende Konstruktion begreife, wäre eine Rekonstruktion an Ort und Stelle eine angemessene Entscheidung. Dabei müssen aber auch andere Fragen berücksichtigt werden, beispielsweise könnte es schwierig sein, mit der historischen Konstruktion die heutigen Ansprüche an die Statik zu erfüllen. Es könnte aber auch sein, dass Berechnungen ergeben, dass dies auch nach heutigen Bemessungsgrundlagen zulässig ist.

Mit Thomas Eißing sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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