Politik
Ein Drache reißt am Frankfurter Märchenbrunnen auf dem Willy-Brandt-Platz das Maul auf.
Ein Drache reißt am Frankfurter Märchenbrunnen auf dem Willy-Brandt-Platz das Maul auf.(Foto: imago/Steinach)
Mittwoch, 09. August 2017

Auf Systemschelte in Frankfurt: "Deutschland ist eine Diktatur der Gedanken"

Von Julian Vetten, Frankfurt am Main

Rund ein Viertel aller Deutschen hat wenig oder kein Vertrauen in die Medien, nicht wenige Bundesbürger glauben sogar an eine Zensur durch Politik und Wirtschaft. Dass selbst das Establishment Angst vor dem Establishment hat, beweist Banker Murat.

In Deutschland leben mehr als 82 Millionen Menschen - und doch kommen viel zu oft nur die üblichen Verdächtigen oder die mit den lautesten Parolen zu Wort. Um das zu ändern, reisen wir bis zur Bundestagswahl am 24. September durch Deutschland und bitten Menschen um ihre Meinung, die sonst damit hinter dem Berg halten würden. Die Artikel erscheinen immer mittwochs. Diese Woche sind wir zu Gast in Frankfurt am Main.

Wo ist das Gesicht zur Geschichte?

Politik ist für die meisten Menschen eine Privatangelegenheit, abseits vom Stammtisch darüber zu sprechen noch immer ungewöhnlich. Unsere Gesprächspartner in dieser Serie sagen ihre Meinung frei heraus, manche von ihnen befürchten aber, deswegen zum Thema für den Nachbarschaftstratsch zu werden - und bitten uns, auf Fotos zu verzichten. Wir respektieren diesen Wunsch.

Wer die bestangezogenen Pendler Deutschlands finden möchte, tut gut daran, seine Suche an der Frankfurter U-Bahn-Haltestelle Willy-Brandt-Platz zu beginnen. Jeden Morgen strömen Tausende Angestellte in schicken Anzügen und Kostümen aus der Peripherie in die Innenstadt, um in einem der umliegenden Hochhäuser den Reichtum der deutschen Finanzwirtschaft - und ihren eigenen - zu mehren. Mit dem marineblauen Anzug samt Einstecktuch, den zurückgegelten Haaren und der obligatorischen Designeruhr wirkt Murat auf den ersten Blick wie der perfekte Vertreter jenes Finanz-Establishments - bis er den Mund aufmacht.

"Unser System ist von innen verfault: Wer Kritik äußert, wird zerstört", antwortet der Banker mit dem breiten Kreuz auf die Frage, wie es um unsere Demokratie bestellt ist. "Es gibt bestimmte Themen, die sind Mainstream, andere Meinungen werden dagegen gar nicht erst zugelassen. Woher wollen wir denn zum Beispiel wissen, ob Putin wirklich unser Feind ist? Die Medien bestimmen den Kurs und wir sollen folgen? Nein, danke!"

"Naidoo ist nicht rechtsradikal"

Seine Eltern seien damals aus den Bürgerkriegswirren in Jugoslawien geflüchtet, um ihrem Sohn ein besseres Leben fernab von Unterdrückung zu ermöglichen, "und jetzt das: Deutschland ist eine Diktatur der Gedanken. Nehmen Sie doch nur mal Xavier Naidoo und Eva Herman: zwei Menschen, die sich getraut haben, den Mund aufzumachen und dafür ans Kreuz genagelt wurden." Sowohl der Sänger als auch die ehemalige Nachrichtenmoderatorin werden immer wieder mit rechtem Gedankengut in Verbindung gebracht - für Murat lediglich ein Vorwand, um die beiden kaltzustellen: "Naidoo ist nicht rechtsradikal, bloß weil er sagt, was eh alle denken. Ich sag' Ihnen mal, was stattdessen los ist: Die Mächtigen haben Angst vor Menschen, die die Wahrheit sagen und sich nichts vorschreiben lassen."

Rund ein Viertel aller Deutschen würde die Ansichten des gutaussehenden Bankers wohl in dieser oder einer ähnlichen Form unterschreiben: So hoch ist mehreren Studien zufolge der Anteil derer, die kein oder wenig Vertrauen in das Establishment im Allgemeinen und in die deutschen Medien im Speziellen haben. "Springer, Bertelsmann und all die anderen werden doch von oben gelenkt", sagt Murat. Stattdessen könne man heute vor allem auf RT vertrauen - die Berichterstattung des staatseigenen russischen Senders müsse gar nicht zwangsläufig immer korrekt sein, wichtig sei nur, "dass es immer auch eine Gegenmeinung gibt".

Murat hebt demonstrativ den rechten Arm und wirft einen Blick auf seine Designeruhr: Seit fast fünf Minuten steht er nun schon tatenlos am Eingang des U-Bahnhofs herum, dabei ist auch für den überzeugten Systemkritiker Zeit gleich Geld - und das muss erstmal verdient werden. Mit einem schraubstockartigen Händedruck verabschiedet sich der Banker und entschwindet in Richtung der nahen Finanztower. Um das Establishment zu füttern, das er so verachtet.

Quelle: n-tv.de

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