Politik
In Saint-Cyr studieren junge Offiziere aus der ganzen Welt. Die Dozenten waren von A.s Rassenkampf-Thesen entsprechend entsetzt.
In Saint-Cyr studieren junge Offiziere aus der ganzen Welt. Die Dozenten waren von A.s Rassenkampf-Thesen entsprechend entsetzt.(Foto: AP)
Dienstag, 02. Mai 2017

Ausflüchte eines Extremisten: Franco A. zieht in den Rassenkampf

Von Max Borowski

Niemand bei der Bundeswehr will etwas von Franco A.s rassistischen Umtrieben geahnt haben. Dabei hat der mutmaßliche Rechtsterrorist bereits vor Jahren eine ausführliche Theorie vom Rassenkampf vorgelegt.

Charles de Gaulle lernte in Saint-Cyr das Militärhandwerk, ebenso wie Phillipe Pétain, der "Held von Verdun" und spätere Chef des Vichy-Regimes: An der École spéciale militaire de Saint-Cyr studierten Frankreichs Militärlegenden - und Franco A. Dass der mutmaßliche Rechtsextremist 2013 als Student und ausgerechnet an der prestigeträchtigen Militärakademie des Nachbarlandes ein offen rassistisches Pamphlet als Abschlussarbeit vorlegte, macht die Affäre noch ein bisschen unangenehmer für die Bundeswehr.

Die französischen Ausbilder äußern sich entsetzt über den von der Bundeswehr entsandten jungen Offizier, lassen ihn durchs Examen fallen und empfehlen seine "Ablösung". Ein Bundeswehr-Gutachter nennt A.s Text einen "rassistischen Appell", von dem "der Schritt zum Rassenkampf nicht groß" sei. Doch die Karriere des Soldaten wird nur ganz kurz gebremst, wie aus Unterlagen hervorgeht, die n-tv vorliegen. Ein gutes halbes Jahr später bekommt A. seinen Abschluss - für eine neue Arbeit mit einem anderen Thema -, wird zum Berufssoldaten ernannt und setzt seine Offizierslaufbahn ungehindert fort - inklusive wiederholter Sicherheitsüberprüfungen durch den Bundeswehrgeheimdienst MAD.

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Nun hat der Generalbundesanwalt Ermittlungen gegen den inzwischen inhaftierten Oberleutnant A. übernommen. Er soll ein Doppelleben als angeblicher syrischer Flüchtling geführt und möglicherweise einen Terroranschlag geplant haben. Trotz seiner bereits 2013 offen und ausführlich dargelegten rassistischen Ansichten will niemand in der Bundeswehr A.s rechtsextreme Einstellung bemerkt haben. Wie war das möglich?

"Alle Merkmale einer Verschwörungstheorie"

Ein Historiker des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr begutachtet schon Anfang 2014 A.s erste Masterarbeit. Das eindeutige Urteil: "Bei dem Text handelt es sich nach Art und Inhalt nachweislich nicht um eine akademische Qualifikationsarbeit, sondern um einen radikalnationalistischen, rassistischen Appell, den Vf [der Verfasser] mit einigem Aufwand auf eine pseudowissenschaftliche Art zu unterfüttern versucht." A.s Thesen wiesen "alle Merkmale einer Verschwörungstheorie auf", heißt es weiter.

Unter dem Titel "Politischer Wandel und Subversionsstrategie" breitet A. rund 140 Seiten lang die Theorie aus, dass dunkle Mächte versuchten, die Völker Westeuropas durch "Durchmischung" zu zerstören. Mittel für diesen "Genozid" sind A. zufolge etwa die "zutiefst subversiven" Menschenrechte der UN-Charta, die durch das Diskriminierungsverbot, das Recht auf Freizügigkeit, freie Eheschließung sowie Religions- und Gewissensfreiheit zur "Heterogenisierung" und damit zur Zerstörung der Völker führten.

Daneben beklagt A. den subversiven Einfluss von allgemeinen, gleichen Wahlen, der Gewerkschaften und des Studentenaustauschprogramms Erasmus. Mit Letzterem treibe die EU eine "innereuropäische Vermischung" von "jungen, fruchtbaren Menschen", die auch noch ihre Zeit mit einem "ausschweifenden Leben" verbrächten. Das Gutachten bescheinigt A., sich mehrfach Sprachbildern und Ausdrücken zu bedienen, die an die Propaganda des Nationalsozialismus erinnerten.

Der Gutachter stellt weiter ein "kühl, kalkuliertes Vorgehen" bei A. fest, der versuche, die Radikalität seiner Thesen - etwa durch den harmlos klingenden Titel der Arbeit - zu verschleiern. Der Autor wisse, "dass er geltendes Recht bricht". Eine treffendere Übersetzung des Titels der Arbeit sei etwa "Grundlagen und Mittel des geheimen Rassenkampfes gegen die westliche Welt".

Disziplinarverfahren wird eingestellt

Doch das eindeutige Urteil bleibt ohne nennenswerte Folgen für A. Der junge Offizier wird im Rahmen eines internen Vorermittlungsverfahrens im Januar 2014 beim Streitkräfteamt in Bonn vernommen. Wie aus einem ausführlichen Aktenvermerk des Streitkräfteamtes hervorgeht, erzählt er den zuständigen Beamten, es sei ein Missverständnis, wenn seine Masterarbeit rechtsextrem erscheine.

Der Text, so behauptet A., sei als "misslungener, weil nicht hinreichend erläuterter Versuch" zu verstehen, "die aufgestellten wissenschaftlichen Thesen als jemand zu präsentieren, der lediglich in die Rolle eines Protagonisten subversiver Tätigkeit geschlüpft sei". Was A. mit diesem Rollenspiel bezweckt haben will, geht aus den Akten nicht hervor.

Ersichtlich ist aus den Dokumenten allerdings, dass der junge Offizier, der nach eigenen Angaben bisher zu den Jahrgangsbesten in Saint-Cyr gehörte, seine Vorgesetzten überzeugt: Zwar wird bei A. ein "Dienstvergehen eher am unteren Rand der Pflichtwidrigkeit" festgestellt. Denn A. habe fahrlässig für "Irritationen bei der französischen Akademieführung" gesorgt. Doch das Verfahren wird nach einer mündlichen Ermahnung eingestellt - ausdrücklich, um A.s Übernahme in das Berufssoldatenverhältnis nicht zu gefährden.

Doch nicht nur die deutschen Vorgesetzten kann A. überzeugen. In Saint-Cyr wandte sich der junge Bundeswehrsoldat unter anderem an einen dort bekannten Priester. Der und weitere Vorgesetzte setzten sich bei der Akademie dafür ein, dass er eine zweite Chance bekam. Die nutzte A.: Im Juli erhielt er schließlich den Abschluss. Das Thema seiner neuen Arbeit wird in den Akten nicht genannt.

Quelle: n-tv.de

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