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Ende einer Ära: Fiat sagt Italien ciao

Der traditionsreiche italienische Autobauer Fiat ist der größte privatwirtschaftliche Arbeitgeber des Landes. Doch die Turiner kehren der Heimat den Rücken. Nach dem Kauf des US-Herstellers Chrysler zieht die Führungsriege in die Niederlande.

Es ist ein schwerer Schlag für den Industrie-Standort Italien. Der traditionsreiche Autohersteller Fiat kehrt seinem Stammland den Rücken. Nach der Komplettübernahme des US-Konkurrenten Chrysler siedelt das Unternehmen die neue Holding "Fiat Chrysler Automobiles" (FCA) in den Niederlanden an. Zudem verabschiedet sich das Unternehmen ein Stück weit von der Mailänder Börse - die Papiere sollen künftig hauptsächlich in New York gehandelt werden.

Mit dem Schritt zeigt Konzernchef Sergio Marchionne, dass nun viele Hoffnungen der Firma auf Chrysler ruhen. Nach einem überraschend schwachen Schlussquartal 2013, das unter anderem auf Schwächen in Europa und Südamerika zurückgeht, schraubte Fiat seine Prognose für 2014 zurück. Zudem müssen Aktionäre auf eine Dividende verzichten. Die Aktien stürzten um knapp sechs Prozent ab.

Chrysler-Deal vergangene Woche besiegelt

Über den neuen Hauptsitz und die künftige Börsennotierung hatte es bereits viele Spekulationen gegeben. Marchionne war durchaus zugetraut worden, dass er die Fiat-Zentrale trotz des erwarteten Widerstands in seiner Heimat im Ausland ansiedeln würde. Jetzt betonte Fiat, dass die neue Aufstellung der Gruppe keine Auswirkungen auf Arbeitsplätze in Italien oder anderswo haben werde. Obwohl die Holding künftig in den Niederlanden angesiedelt sein wird, wird ihr Steuersitz in Großbritannien sein. Mit der Konzentration auf den Börsenhandel an der Wall Street, der bis Oktober geplant ist, wird Mailand der Gruppe künftig nur noch als Sekundärmarkt dienen.

Für Fiat beginnt mit dem Umzug eine neue Ära. Nach monatelangen Verhandlungen kaufte Fiat vergangene Woche dem gewerkschaftsnahen Fonds Veba die noch fehlenden knapp 41,5 Prozent Chrysler-Anteile ab. Zusammen mit Chrysler legen die Italiener dafür 3,65 Milliarden Dollar in bar auf den Tisch und überweisen Veba über drei Jahre hinweg weitere 700 Millionen Dollar. Chrysler, gebeutelt von rapide sinkenden  Verkäufen, war durch die Insolvenz gegangen und hatte für den Neuanfang umgerechnet fast neun Milliarden Euro Hilfe vom Staat bekommen.

Die Rechnung für die Shopping-Tour bekamen die Anleger mit der ausbleibenden Dividenden-Zahlung präsentiert. Dies sei nötig, damit Fiat flüssig bleibe, teilte das Unternehmen mit. Italiens Ministerpräsident Enrico Letta sagte, die Sitz der Zentrale sei sekundär. Wichtiger seien der Erhalt der Arbeitsplätze und die Wettbewerbsfähigkeit.

Prognose kassiert

Fiat und Chrysler starten in die neue Verbindung allerdings mit angezogener Handbremse. So begann der Wachstumsmotor Lateinamerika zum Jahresende zu stottern, weil auf dem wichtigen Markt Brasilien staatliche Kaufanreize wegfielen. Zudem wirkten sich Währungseffekte negativ aus. Im krisengeplagten europäischen Markt gab es operativ rote Zahlen. "Die Ergebnisse waren enttäuschend", sagte Gabriele Roghi, Chef-Stratege beim Investmenthaus Invest Banca. Bei der neuen weltweiten Nummer sieben der Branche stünden die Zeichen derzeit ganz auf Konzernumbau. "Das braucht Zeit."

Und so stellte das Unternehmen seine Anleger gleich zum Auftakt auf eine Geduldsprobe, weil es seine Prognose für das Jahr 2014 zurückschraubte. Auslöser waren die Zahlen für das vierte Quartal, die hinter den Markterwartungen zurückblieben. So verzeichnete die gesamte Fiat-Gruppe zwar einen Gewinn vor Zinsen, Steuern und Sondereffekten von 931 Millionen Euro nach 887 Millionen ein Jahr zuvor. Doch Analysten hatten mit 1,15 Milliarden Euro kalkuliert.

Im Gesamtjahr 2014 rechnet der Konzern nun auch nach vollzogener Fusion nur noch mit 3,6 Milliarden bis 4,0 Milliarden Euro statt bisher mit 4,7 Milliarden bis 5,2 Milliarden Gewinn. Auch hier hatten sich Experten mehr versprochen.

Fiat wurde im Jahr 1899 gegründet und hat heute etwa 197.000 Beschäftigte, davon rund 80.000 in Italien. Damit ist der Autobauer der größte privatwirtschaftliche Arbeitgeber des Landes. Chrysler hat etwa 55.000 Mitarbeiter.

Quelle: n-tv.de

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