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Fragen und Antworten Wie gefährlich ist die Atom-Katastrophe?

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Drei Reaktorblöcke des Kernkraftwerks Fukushima 1 sind beschädigt.

AP

Japan kämpft gegen den drohenden Super-GAU. Experten gehen allerdings davon aus, dass eine Kernschmelze in den japanischen Reaktoren längst begonnen hat. Wie ernst ist die Lage? Und welche Gefahren drohen? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Atomunfall in Japan.

Gibt es im Atomkraftwerk Fukushima bereits eine Kernschmelze?

Nach mehreren Explosionen und Bränden in den Reaktoren 1 bis 4 gehen die meisten Experten davon aus, dass eine Kernschmelze in mindestens einem Reaktor begonnen hat. Vermutlich hat der Prozess sogar in allen vier begonnen. Kernschmelze bedeutet, dass sich die Brennstäbe derart stark erhitzt haben, dass Schutzhülle, Urankern und Steuerstäbe schmelzen und sich in einen radioaktiven Brei verwandeln. Temperaturen von bis zu 2000 Grad Celsius können bei einer Kernschmelze im Reaktorkern herrschen. Die geschmolzene Masse kann sich dann durch die Hülle des Kerns nach außen fressen. Trifft die Schmelzmasse auf Wasser, entsteht durch die chemische Reaktion Wasserstoff. Dieser kann in Verbindung mit Sauerstoff zu einer Knallgasreaktion führen, bei der radioaktive Partikel weit in die Atmosphäre geschleudert werden. Das wäre der Super-GAU. Wasserstoffexplosionen hat es in Fukushima offenbar schon gegeben. Das ist ein weiteres Indiz für eine laufende Kernschmelze.

Was heißt eigentlich Super-GAU?

Das Wort GAU steht für den "größten anzunehmenden Unfall". Damit ist der schwerste technische Störfall in einem Atomkraftwerk gemeint, für den die Sicherheitseinrichtungen ausgelegt sind. Ein GAU stellt noch keine Gefahr für Umwelt und Bevölkerung dar, weil er von den automatisch arbeitenden Systemen eines Kraftwerks beherrschbar ist. Im Gegensatz dazu wird als Super-GAU ein Störfall bezeichnet, der eben nicht mehr beherrschbar ist und bei dem Radioaktivität freigesetzt wird.

Wie ist die Lage in dem Atomkraftwerk?

Vier von insgesamt sechs Blöcken der Atomanlage Fukushima 1 sind beschädigt. Die Blöcke 1 bis 3 sind praktisch außer Kontrolle, in allen drei Reaktoren kam es zu Explosionen, die mindestens die Außenhüllen beschädigt haben. Die Kühlsysteme sind nach Erdbeben und Tsunami zusammengebrochen. Dadurch erhitzen sich Brennstäbe immer weiter. Als Reaktion hat sich Wasserstoff gebildet, der sich in Verbindung mit Sauerstoff zu hochexplosivem Knallgas vermengt und die Explosion ausgelöst hat. Nach offiziellen Angaben sind dabei zwar die Hüllen der Reaktoren beschädigt worden, die Hüllen der Kerne sollen aber noch intakt sein. Als besonders gefährlich gilt Reaktor 3, weil er hochradioaktives Plutonium enthält. Mit dem Einsatz von Meerwasser wird versucht, die Reaktoren wieder zu kühlen. In Reaktor 4, der ein Abklingbecken für alte Reaktorstäbe enthält, stürzte die Decke ein und ein Feuer brach aus. Dabei stieg kurzzeitig die Radioaktivität im Umkreis des Reaktors bedrohlich an. Das Feuer konnte zwar gelöscht werden, doch im Abklingbecken ist zu wenig Wasser, die Brennstäbe liegen frei und drohen sich zu entzünden.

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So soll es sein: Brennstäbe werden im Kühlwasser auf niedriger Temperatur gehalten. Ragen sie aus dem Wasser, können sie sich erhitzen - eine Kernschmelze droht.

(Foto: dpa)

Der Betreiber Tepco hat 750 von 800 Technikern von dem Reaktor abgezogen. Doch auch die verbliebenen Mitarbeiter müssen wegen des Strahlenrisikos ihre Arbeit immer wieder unterbrechen. Wie können die 50 Techniker denn noch die nukleare Katastrophe verhindern?

Die "Tapferen 50" versuchen, mit allen Mitteln die Reaktorbehälter zu kühlen und etwa die Pumpen und Notstromaggregate am Laufen zu halten. Außerdem räumen sie Schutt beiseite und machen den Weg für die Feuerwehr frei. Da der normale Kühlkreislauf defekt ist, leiten die Techniker Meerwasser in die Reaktoren - etwas, das noch nie vorher probiert wurde. Borsäure im Meerwasser soll zudem den Spaltprozess des Urans bremsen. Versuche, aus der Luft per Hubschrauber Wasser auf das Kraftwerk zu sprühen, musste wieder abgebrochen werden. Die Strahlung über Fukushima ist zu hoch. Nun wird der Einsatz von Wasserwerfern erwogen. Dabei setzen sich die 50 Arbeiter einer hohen Strahlendosis aus. Nach Ansicht von Experten riskieren sie ihr Leben, um den Super-GAU zu verhindern. Ohne ihr Eingreifen drohen eine Überhitzung der Reaktoren und eine Kernschmelze, die auch die Hülle des Kerns beschädigen kann. Die 50 Arbeiter, die in Japan bereits als Helden verehrt werden, versuchen sich so gut es geht mit Schutzanzügen, Masken und Sauerstofftanks vor der Strahlung zu schützen. Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz, bezweifelt allerdings den Erfolg dieses Risikos. "Mit Sicherheit haben die schon erhebliche gesundheitliche Schäden", sagte er n-tv.de. "Die Anlage ist Schrott. Und ob die da noch Leute verheizen oder nicht, das ändert daran wenig."

Was unternimmt die Regierung zum Schutz der Bevölkerung?

Die Region um Fukushima wurde evakuiert. Erst in einem Radius von wenigen Kilometern, mittlerweile wurde die Zone auf 20 Kilometer ausgedehnt. Über 200.000 Menschen mussten bislang ihre Häuser verlassen. Experten halten die Zone im Fall einer Kernschmelze allerdings für viel zu klein. Die Regierung wies Menschen in einem Umkreis von 30 Kilometern an, zuhause zu bleiben und Fenster luftdicht abzuschließen.

Welche Gefahr droht der Bevölkerung?

Das hängt erst einmal davon ab, auf welchen Wegen Radioaktivität freigesetzt wird, weil das für die Verbreitung der Strahlung entscheidend ist. Freigesetzte Gase können sich ausbreiten und etwa durch eine Explosion besonders weit in die Atmosphäre getragen werden. Aber auch als Flüssigkeit kann eine radioaktive Schmelze Boden und Umgebung verstrahlen. In Tschernobyl wurde die Radioaktivität durch eine Explosion und einen Grafitbrand im Reaktor über zehn Kilometer hoch in die Atmosphäre getragen und konnte sich deshalb weit verbreiten. In Fukushima, wo die Reaktoren kein Grafit enthalten, sieht es noch danach aus, dass ein solch schwerer Brand im Kern des Reaktors ausbleibt. Die Radioaktivität werde sich flacher ausbreiten, sagte Strahlenschutz-Experte Pflugbeil. Das ist für die Menschen in Japan allerdings keine gute Nachricht. Denn damit würde sich die Radioaktivität nicht in der Atmosphäre verteilen, sondern Japan umso heftiger treffen. Für ein solch dicht besiedeltes Land eine Katastrophe.

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Immer wieder steigt Rauch auf über dem AKW - Explosionen gab es in vier Blöcken.

(Foto: dpa)

Ist die Strahlung in Japan bereits gefährlich?

Ja. Im Kernkraftwerk wurden bereits mehr als 20 Arbeiter verletzt, fünf starben und zwei werden noch vermisst, berichtet die "New York Times". Dabei ist ausdrücklich von Verstrahlung die Rede. Wie hoch die Strahlung genau ist, lässt sich schwer sagen, zumal die Werte extrem schwanken. So wurden am 15. März nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) erst 11,9 Millisievert in der Stunde gemessen, nur sechs Stunden später waren es nur noch 0,6 Millisievert. Während des Brands in Reaktor 4 wurde mit 400 Millisievert in der Stunde der höchste Wert gemessen. Das ist das 200-fache dessen, was ein Mensch normalerweise in einem Jahr an Strahlung aufnimmt. Eine Strahlenbelastung in Höhe von 350 mSv war bei der Tschernobyl-Katastrophe vor 25 Jahren für die Behörden Anlass, die Menschen aus den betroffenen Gegenden in Sicherheit zu bringen. Erhöhte Strahlenwerte wurden auch schon in Tokio gemessen. Nach Angaben der Behörden sind sie aber gesundheitlich noch unbedenklich.

Ab wann ist die Strahlung für Menschen gefährlich?

Gravierende Strahlenschäden stellen sich ein, wenn ein Mensch in kurzer Zeit einer Strahlung von einem Sievert beziehungsweise 1000 Millisievert ausgesetzt ist. Trifft diese Dosis binnen Minuten, Stunden oder wenigen Tagen konzentriert auf den Körper, entstehe eine Strahlenkrankheit, erklärt Thomas Jung, Leiter der Abteilung Strahlenwirkungen und Strahlenrisiko beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). Es folgen Kopfschmerzen oder Übelkeit. Die Strahlung beschädigt Köperzellen, was unter anderem Blutarmut (Anämie) auslöst. Höhere Dosen von drei bis vier Sievert führen zu Blutungen und Organschäden, bei einer Kurzzeitbestrahlung mit 6 bis 8 Sievert besteht keine Überlebenschance. Ein Sievert ist eine recht hohe Dosis, weshalb Angaben normalerweise meistens in Millisievert erfolgen.

Was passiert, wenn die radioaktive Wolke in Richtung der Hauptstadt zieht: Kann man die Menschen in Tokio evakuieren?

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Mehr als 200.000 Menschen wurden aus dem Umkreis von Fukushima evakuiert. Bevor sie weiterreisen dürfen, werden sie auf Verstrahlung kontrolliert.

(Foto: REUTERS)

Das bezweifeln Experten. Im Großraum Tokio leben etwa 36 Millionen Menschen. Eine Evakuierung in dieser Größenordnung ist noch nie unternommen worden. "Ein Großraum wie Tokio ist nicht evakuierbar", sagt Gerold Reichenbach, Bundesvorsitzender des Deutschen Komitees Katastrophenvorsorge, bei n-tv. Das sei nur in Teilen möglich. Die größte Evakuierung habe es bislang in New Orleans nach dem Hurrikan Kathrina gegeben. Damals seien es aber nur 1,2 Millionen Menschen gewesen. Die japanische Regierung hat den Bewohnern Tokios empfohlen, im Ernstfall zuhause zu bleiben und die Fenster zu schließen. Dass die Lage durchaus ernster sein könnte, zeigt die Warnung der Bundesregierung: Das Auswärtige Amt empfiehlt allen in Tokio lebenden Deutschen, die Stadt zu verlassen.

Was kann die Regierung tun, um eine Panik unter den Menschen zu vermeiden?

"Das Wichtigste in solchen Situationen ist: Vertrauen in der Bevölkerung gewinnen", sagte Katastrophen-Experte Reichenbach bei n-tv. Die Bevölkerung müsse das Gefühl haben, offen und zuverlässig informiert zu werden. Das zeigten die Erfahrungen aus anderen Katastrophengebieten: "Wenn die Bevölkerung den Autoritäten vertraut, funktionieren auch großräumige Evakuierungsmaßnahmen." Die japanische Regierung erweckt allerdings nicht den Eindruck, offen und umfassend über die Katastrophe zu informieren. Das kann Reichenbach zufolge dann zu chaotischen Zuständen wie in Haiti führen.

Viele Japaner tragen Atemmasken. Schützen sie vor der Strahlung oder was können die Menschen dort sonst tun?

Schutzanzüge helfen nach Einschätzung des Physikers Pflugbeil überhaupt nicht. Gasmasken könnten zumindest verhindern, dass etwa die im Kernkraftwerk verbliebenen Arbeiter radioaktive Partikel direkt einatmen. "Aber die Edelgase, die da freiwerden, die hält auch eine Maske nicht ab", sagte Pflugbeil. Von daher helfe eigentlich nur die Evakuierung der Menschen, um sie vor der Strahlung zu schützen. Da dies im Fall von Tokio seiner Einschätzung nach unmöglich ist, müssen sich die Tokioter wohl im Zweifel wie von der Regierung empfohlen zuhause verbarrikadieren. Damit ist ihre größte Hoffnung, dass im Fall eines Super-GAUs der Wind für sie günstig steht und die Radioaktivität aufs Meer weht.

Kann die Radioaktivität auch Deutschland erreichen?

Im Ernstfall einer großen Kernschmelze, verbunden mit starkem Feuer und einer Explosion, können radioaktive Partikel hoch in die Atmosphäre gelangen und weit gestreut werden. Dann könnte auch in Deutschland ein erhöhter Wert gemessen werden – allerdings wohl nur, weil die Messgeräte so empfindlich sind und auch kleinste Konzentrationen registrieren. Eine akute Gefahr besteht nach Ansicht von Experten nicht. Dafür ist die Streuung radioaktiver Partikel zu groß, sie werden in der Atmosphäre verdünnt. Zudem würde ein großer Teil auf dem Weg nach Europa durch Regen aus der Luft gewaschen.

Quelle: n-tv.de

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