Fußball

Gemeinsam aus der "Scheiße"? Für die Schalker geht's um Coach Tedesco

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Schlägt Tedescos letztes Stündlein als Schalke-Trainer in Bremen?

(Foto: dpa)

Vizemeister FC Schalke 04 steckt knietief im Abstiegskampf der Fußball-Bundesliga - und wirkt auf vielen Ebenen ratlos. Wie kann ein mit so viel Talent gesegnetes Team dermaßen abstürzen? Die Antwort auf diese Frage ist bitterer, als es den Königsblauen lieb sein dürfte.

Ist es der unerschütterliche Glaube daran, dass am Ende wirklich alles gut wird? Ist es dieser Glaube, der Domenico Tedesco antreibt? Der ihn weiter akribisch daran arbeiten lässt, mit dem FC Schalke 04 im Abstiegskampf der Bundesliga zu bestehen? "Ich würde jeden Druck auf mich nehmen, wenn es der Mannschaft hilft", sagte der Trainer.

Und dass er den Druck spürt, steht außer Frage. Die Ansage des neuen Sportvorstands der Königsblauen, Jochen Schneider, ist unmissverständlich und lässt keinen Raum für Spekulationen. Tedescos Elf muss an diesem Freitag beim SV Werder Bremen (ab 20.30 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) gewinnen. Gewinnt sie nicht, sind Tedescos Tage auf Schalke gezählt. Und das wiederum wäre ziemlich bitter. Denn: Die Mehrheit der Fans respektiert die Arbeit des 33-Jährigen. Und genau an dieser Stelle mischt sich eine nicht zu leugnende Portion Tragik in die Gelsenkirchener Fußball-Romantik. "Endlich passt mal ein Trainer zu diesem schwierigen Klub, aber selbst der scheint zu scheitern", schreibt die "WAZ" in einem Kommentar. Ein Satz, in dem mehr Wahrheit steckt, als es sich oberflächlich zusammenfassen lässt.

Anspruch und Realität - auf Schalke ist das eine klaffende Wunde, deren Blutung gefühlt seit Jahrzehnten nicht gestillt werden kann. Auf der einen Seite ist es der eigene Anspruch, zu den besten Teams in der Bundesliga zu gehören, die Mannschaft soll sich zerreißen und attraktiven Fußball spielen. Das ist der fromme Wunsch von Fans und Verantwortlichen. Ein Wunsch, der genährt wird durch die überragende Jugendarbeit der Knappen. In Wirklichkeit kommen die Schalker diesem Ideal nur selten wirklich nahe. Lust- und luftlose Auftritte. Fehlende Torgefahr. Mehr Krampf als Finesse. Die Malocher-Attitüde haben viele, die auf Schalke gekommen und gegangen sind, nicht verinnerlichen können. Sodass unterm Strich das Frustlevel konstant wächst.

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Auf Schals verewigt: Die Schalker Helder - die Eurofighter.

(Foto: imago/RHR-Foto)

Das Schalker Ideal sind nach wie vor die Eurofighter. Jenes Team, das sich in der Saison 1996/1997 über den Uefa-Pokal in die Herzen und Seelen der Königsblauen gespielt hat. Auch wenn es in der Bundesliga nicht wirklich gut lief und im DFB-Pokal bereits in der zweiten Runde Endstation war. Das Team um Jens Lehmann, Marc Wilmots, Radoslav Latal, Olaf Thon, Ingo Anderbrügge, Yves Eigenrauch, das sind die Helden des S04. Sie alle stehen für das, was den FC Schalke 04 in der eigenen Wahrnehmung ausmacht. Und werden heute noch für ihre Verdienste verehrt. Nur: Das Schwelgen in Erinnerungen macht aus den Schützlingen von Domenico Tedesco keine Eurofighter 2.0. "Entscheidend ist auf'm Platz", dieser Weisheit von Adi Preißler müssen sich die Königsblauen verschreiben. Auch wenn der Satz von einer Dortmunder Legende stammt. Er beinhaltet für die Schalker eine unbequeme Wahrheit. Denn zu oft sind es die Nebenkriegsschauplätze, die dafür sorgen, dass der Fokus verloren geht.

"Trainervertrag ist nicht interessant"

Einen dieser Schauplätze haben der neue Sportdirektor und der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies bei Schneiders Vorstellung aufgemacht. "Ich will keine Lippenbekenntnisse. Wir dürfen keine Spiele wie gegen Düsseldorf abliefern. Eine Einhaltung des Trainer-Vertrages bis Saisonende ist gerade nicht interessant. Interessant ist das Spiel am Freitag", sagte Schneider. Ein klares Bekenntnis zum Trainer klingt anders. Bei allem Respekt vor der sportlichen Krise der Schalker - direkt zum Auftakt eine Galgenfrist für den Trainer auszusprechen, ist schon hart.

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Die starken Männer auf Schalke: Jochen Schneider (l.) und Clemens Tönnies.

(Foto: www.imago-images.de)

Und was Tönnies erklärte, war vielleicht gut gemeint, kam aber einem Abgesang auf den Trainer gleich: "Ich habe in meiner langen Zeit auf Schalke noch nie so einen akribischen Arbeiter gesehen, der so loyal ist und steht wie eine Eins. Deshalb verdient er es, dass wir vernünftig mit ihm umgehen." Tedesco sei ein überragender Mensch. Allein mit dem Hauch dieser warmen Worte in seinem Nacken wird der Coach jedoch keine Erfolge einfahren.

Trotzdem gibt er sich nach wie vor kämpferisch. Was sollte er auch anderes tun? Vor dem Spiel in Bremen, nimmt er sein Team in die Pflicht. "Es gibt keine Ausreden, keine Alibis, gegen Bremen müssen wir performen." Sein Appell ist klar an den Charakter seiner Schützlinge gerichtet. "An erster Stelle im Abstiegskampf, und da sind wir jetzt, steht für uns der Charakter der Spieler. Wir haben schon oft Spiele aufgrund des Charakters gewonnen. Das ist in dieser Situation wichtiger denn je", sagte Tedesco. Allerdings hat der Mangel an Charakter die Schalker auch faktisch schon Punkte gekostet. Die "WAZ" spricht von einem "Haufen an Egoisten, denen es komplett egal ist, wo sie ihre Millionen scheffeln". Eine harte These, wenngleich sie wahrscheinlich mehr als nur einen Funken Wahrheit enthält.

"Gemeinsam aus der Scheiße"

Tedesco sagt: "Wir haben uns in die Scheiße reingeritten und müssen da gemeinsam wieder rauskommen." Tedesco ist Schalke. Er widmet sich seiner Aufgabe mit ganzem Herzen. Und hat sogar die Eier, sich nach der 0:4-Pleite gegen Düsseldorf den wütenden Fans in der Nordkurve zu stellen. Wenn sich sein Team von diesem Mut und dieser Hingabe inspirieren lässt, ist das ein guter Anfang. Und wenn die Spieler ihm folgen und nicht gegen ihn und seine Anweisungen agieren, ist der Weg zur Trendwende gar nicht so weit.

Sollte das Team den  Coach jedoch im Stich lassen und ihn somit ins Aus befördern, dürfte das königsblaue Lager endgültig Feuer fangen. Und ob die Verantwortlichen dann in der Lage sind, dieses Inferno unter Kontrolle bekommen? Der FC Schalke 04 wäre gut damit beraten, diesen Stresstest zu vermeiden.

Dass Tedescos Endspiel ausgerechnet bei den starken Bremern stattfindet, macht es nicht einfacher für ihn. Was der S04-Coach im Vorfeld durchblicken ließ: Er werde nur jene Profis aufstellen, denen er vertrauen kann. Und von denen er glaubt, dass sie sich zerreißen werden und dem psychischen Druck im Tabellenkeller standhalten. "Ich glaube an die Spieler und daran, dass wir gewinnen und die Kurve bekommen können."

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Bremens Trainer Florian Kohlfeldt hat Respekt vor Tedesco und den Schalkern.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Doch nicht nur für die Knappen ist die Partie gegen Bremen von überragendem Interesse. Auch Bremens Trainer Florian Kohfeldt weiß, dass angeschlagene Boxer die gefährlichsten sind. "Ich gehe davon aus, dass Schalke sehr geschlossen, sehr aggressiv und eventuell auch mit einer gewissen Härte zur Sache gehen wird." Das Auftreten seines Kollegen Tedesco, der sich nach dem 0:4 gegen Düsseldorf den wütenden Fans gestellt hatte, nötigt Kohfeldt größten Respekt ab: "So etwas erfordert Mut. Das ist eine sehr extreme Erfahrung. Aber er hat es sehr souverän, sehr stark moderiert."

Für Tedesco geht es gegen Bremen um seinen Job. Für die Schalker darum, dass sie einen der wohl besten Männer an Bord nicht über die Klinge springen lassen.

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Ist Tedesco noch der richtige Mann für Schalke?

Quelle: n-tv.de