Nicht Öko, sondern LuxusMercedes EQS nach Überarbeitung endlich sexy
Von Patrick Broich, Stuttgart
Man darf wohl sagen, dass der unscheinbare Mercedes EQS zu den meistunterschätzten Autos im Straßenverkehr gehört. Dabei wird er mit der zweiten Überarbeitung erst richtig spannend.
Der Mercedes EQS gehört so ein bisschen zu den Sorgenkindern der Marke Mercedes. Angetreten war er als veritable Oberklasse mit rein elektrischem Antrieb - man denke bloß an die Länge von 5,23 Metern! Im Ergebnis wurde der luxuriöse Tourer doch eher als maues Auto wahrgenommen. Länge allein reicht eben nicht, auch der Auftritt muss stimmen. Und hier erinnerte der große Benz eben an die Zeiten, als viele Hersteller batterieelektrische Antriebe zusätzlich durch ihre Optik unterstrichen. Zurückhaltend spacig sollten sie aussehen, was in der Realität dann oft ein mehr ökologisches als cooles Resultat zur Folge hatte.
So auch beim EQS. Vor zwei Jahren griffen die Verantwortlichen dann endlich ein, verpassten der Oberklasse mit der sogenannten Electric-Art-Line die klassische Mercedes-Kühlerfigur, also den Haubenstern, um der ausladenden Limousine etwas mehr Seniorität zu verleihen - und etwas Gediegenheit tat ihr wahrlich gut.
Außerdem gab es seit diesen Tagen mehr Luxus im Fond in Form beispielsweise elektrisch verstellbarer Einzelsitze. Doch auf der technischen Seite blieb es dürftig. So konnte der große Stromer zwar 118 kWh bunkern, doch es dauerte real manchmal über 40 Minuten, um wieder auf 80 Prozent Ladestand zu kommen.
Endlich schnell laden
Damit soll ab sofort Schluss sein. Demnach hat Mercedes den Antriebsstrang des EQS überarbeitet und ihn technisch an seine neuesten Produkte angepasst. Das heißt, mit der sogenannten EVA-II-M-Plattform erhält der EQS nicht bloß ein 800-Volt-Bordnetz, sondern auch das automatische Zweiganggetriebe, um die Effizienz auf die Spitze zu treiben. Im Gegenzug stieg die Akkukapazität von 118 auf 122 kWh Nettogehalt dank überarbeiteter Zellchemie.
Für den jetzt von 360 auf 408 PS erstarkten 450+ mit angetriebenen Hinterrädern bedeutet das eine WLTP-Reichweite von gemittelt 926 Kilometern. Das sitzt! Und der Akku kann jetzt nominal binnen zehn Minuten Energie für 320 Kilometer (WLTP) nachfassen mit einer maximalen Ladeleistung von 350 Kilowatt - damit bekommt das Ladegeschehen endlich die der Fahrzeugklasse angemessene Dynamik. Wobei, man dürfte an der Ladesäule schon merken, dass der Speicher riesig ist - für den Hub von 10 auf 80 Prozent nennt das Datenblatt 27 Minuten trotz schneller Ladetechnik.
Auch die übrigen Varianten 500 4Matic und 580 4Matic (allesamt Allradler) sind merklich stärker geworden mit 476 respektive 585 PS. Indes muss sich auch der neue Vierhunderter als Einsteiger mit 367 PS und 112-kWh-Batterie kaum verstecken. Über die Palette realisiert die große Limousine Beschleunigungswerte zwischen 4,1 und 6,2 Sekunden auf 100 km/h - das ist schon mehr als nur souverän.
Bedauerlich ist die nach wie vor abgeregelte Höchstgeschwindigkeit von bloß 210 km/h. Klar, das ist am Ende Quartettkartenwelt, aber ein bisschen Schwärmerei gehört bei einem Fahrzeug dieser Kategorie eben dazu. Und schließlich lässt der Wettbewerb aus München seine elektrischen Oberklasse-Vertreter bis zu 250 km/h rennen. Der EQS aus Affalterbach konnte das indes ebenso, aber steht gerade nicht zur Verfügung.
Mehr Funktionen für den EQS
Neben den Antrieben hat Mercedes auch die Elektronik angefasst. Das neue Betriebssystem MB.OS läuft inzwischen auch auf dem riesigen Screen im EQS. Dieser besteht allerdings nicht aus einer einzigen Display-Fläche, sondern beherbergt drei "optische Monitor-Einheiten", was fragmentiert anmutet und daher weniger ästhetisch. Bei C-Klasse und GLC wird der schönere Bildschirm verbaut ohne sichtbare Trennung, und wenn das in der Mittelklasse schon geht, sollten solche Details auch in der Luxusklasse kein Problem darstellen.
Doch wahrer Luxus äußert sich in anderen Dingen als in einer noch nicht perfektionierten Anzeige. Beispielsweise in der Möglichkeit, jetzt auch die vorderen Gurte beheizen zu können. Klingt verrückt, könnte aber angenehm sein. Ein Test steht schließlich noch aus. Dann lässt sich womöglich auch beurteilen, ob das um 40 Prozent vergrößerte Leuchtfeld die Straßen im Vergleich zu den ersten LED-Scheinwerfern auch praktisch spürbar besser illuminiert. Vom sogenannten Ultra-Range-Fernlicht mit 600 Metern Reichweite würde man das jedenfalls erwarten.
Sofort auf der Straße erkennbar wird die mutmaßlich letzte EQS-Serie übrigens an Tagfahrlichtern in Sternenform. Und je nach Ausstattungslinie an den vielen kleinen Sternchen im Grill. Und wer drinnen sitzt, bekommt das eine oder andere Schmankerl, was inzwischen auch in anderen Baureihen für Komfort sorgen soll. Dazu gehört die Luftfederung mit Informationszugang aus der Mercedes-Cloud. Und diese wiederum wird gefüttert durch andere Fahrzeuge der Marke - ebenfalls mit Cloudzugang.
Ach ja, und die Steer-by-Wire-Lenkung wäre ja inzwischen auch verfügbar. Außerdem ist das automatische Einparken jetzt deutlich leistungsfähiger geworden mit "MB.Drive". Und als kleine Spielerei bekommen Fondpassagiere ein besseres Infotainment mit neuen, sogenannten "MBUX-Fernbedienungen" - langweilig wird einem in der zweiten Reihe jedenfalls kaum. Dass der überarbeitete Mercedes EQS nicht gerade zum Schnäppchentarif zu haben sein wird, liegt auf der Hand. Ab 94.403 Euro geht es los. Bestellt werden kann ab sofort.