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"Die S-Klasse unter den SUV" Mercedes GLS - der König fürs Grobe

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Mercedes hat aus dem GLS tatsächlich eine S-Klasse fürs Grobe gemacht.

(Foto: Holger Preiss)

Lange war der Mercedes GLS der Platzhirsch bei den SUV über fünf Meter. Jedenfalls in Europa hatte er keine natürlichen Feinde. Unterdessen haben sich aber auch andere Premiumhersteller in diesem Segment breitgemacht. Doch jetzt fährt der König auf den Thron zurück.

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Der neue Mercedes GLS scheut sich nicht davor, auch mal richtig dreckig zu werden.

(Foto: Holger Preiss)

Es ist die dritte Generation, die Mercedes mit dem neuen GLS in die Spur schickt. Aber die Stuttgarter sind bei den SUV mit über fünf Metern Länge nicht mehr die Einzigen im deutschen Premiumreigen, die die Krone des ultimativen Luxus-Kraxlers beanspruchen. Vor wenigen Monaten hat BMW den X7 als ernst zu nehmende Konkurrenz neben den Stuttgarter Kronprinzen gestellt. Und tatsächlich haben die Bayern ordentlich vorgelegt. Natürlich gibt Mercedes den Platz nicht kampflos auf und präsentiert in den Bergen um Salt Lake City im US-Bundesstaat Utah ein durchaus gereiftes Fahrzeug, das vom Leiter Entwicklung SUV, Andreas Zygan, mit breiter Brust als S-Klasse unter den SUV angekündigt wird.

Platz hat’s

Da der GLS seine Hauptzielgruppe in den USA hat, muss er aber neben Luxus auch ganz profane Alltagsaufgaben erfüllen. Deshalb ist er bereits in Serie mit drei Sitzreihen ausgestattet, offeriert eine maximale Ladefläche von 2,20 Metern Länge oder 2400 Litern Kofferraumvolumen, das durch das Absenken des Hinterteils um 5 Zentimeter recht komfortabel bestückt werden kann. Um diesen üppigen Stauraum zu nutzen, müssen die zweite und dritte Reihe elektrisch plan gemacht werden. Sind die zwei hinteren Reihen aufrecht, schrumpft das Gepäckabteil mit 470 Litern auf das eines geräumigen Kompaktwagens. Allerdings haben in dem keine sieben Passagiere Platz.

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2400 Liter maximales Ladevolumen im Mercedes GLS, das ist schon eine Ansage.

(Foto: Daniel Maurer)

Vor allem die zweite Reihe profitiert im GLS von 3,14 Metern Radstand. Das sind immerhin sechs Zentimeter mehr als beim Vorgänger. Aber auch die zwei Passagiere in der dritten Reihe gewinnen hier mehr Kniefreiheit. Mit etwas Arrangement kommen auch Erwachsene auf den hintersten Plätzen über eine längere Strecke. Ob, wie von Mercedes versprochen, Menschen bis 1,94 Meter Körpergröße bequem sitzen können, kann an dieser Stelle nicht gesagt werden, der Autor mit 1,75 Meter hatte jedenfalls ausreichend Platz. Für das persönliche Wohlbefinden gibt es übrigens erstmals auf den hinteren Plätzen eine Sitzheizung.

Natürlich ist auch für die Unterhaltung der Passagiere gesorgt. Wer das MBUX-Fond-Entertainment ordert, bekommt zwei 11,6 Zoll große Touchscreens an die Vordersitze geheftet, wer will, hat WLAN an Bord und je nach Ausstattung können bis zu elf USB-Anschlüsse die elektronischen Geräte der Reisenden bei Laune halten.

So versorgt, soll nun geklärt werden, wie man denn in einem GLS von A nach B gebracht wird. Insgesamt stehen vier Triebwerke zur Wahl, wobei der Reihensechszylinder-Benziner mit dem Kürzel GLS 450 4Matic nicht für Westeuropa im Angebot ist.

Der König unter den Treibsätzen

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Ein üppiges Platzangebot gibt es im GLS für die Passagiere der zweiten Reihe, aber auch in Reihe drei fühlt man sich nicht unwohl.

(Foto: Daniel Maurer)

Was eigentlich sehr schade ist, denn im sanften Lauf auf den Straßen Utahs erwies sich das Triebwerk mit seinen 367 PS und einem maximalen Drehmoment von 500 Newtonmetern, das bereits ab 1600 Kurbelwellenumdrehungen anliegt, als ausgesprochen passabel. Mit ausreichend Druck werden hier 2,4 Tonnen in 6,2 Sekunden auf Landstraßentempo geschoben und am Ende stehen 246 km/h auf der Uhr. Ein Tempo, was man in den USA natürlich nicht fahren darf und hier nur als Referenzwert aus dem Datenblatt angeführt wird. In dem ist der Verbrauch übrigens nicht erwähnt, der lag aber auf einer über 184 Kilometer langen Teststrecke bei akzeptablen 9,9 Litern. Da das Triebwerk aber wie gesagt hierzulande nicht zu haben ist, soll auch nicht weiter darüber referiert werden.

Werfen wir lieber einen Blick auf die Königsklasse, den V8. Er ist - wen wundert's - der in den USA am meisten georderte Treibsatz. Er schöpft seine Kraft aus 4,0 Litern Hubraum und leistet 489 PS. Dank 48-Volt-Technik gibts im Boost noch mal 22 PS oben drauf. Die 700 Newtonmeter maximales Drehmoment (plus 250 im Boost) werden - wie bei allen GLS-Motorisierungen - durch eine 9-Gang-Automatik ausgesprochen souverän und vor allem verzögerungsfrei an alle vier Räder verteilt. Natürlich verzichtet auch dieser Achtender nicht auf das in den USA so gern gehörte Grollen seiner Art, allerdings bleibt es hier vornehm verhalten. Man möchte einfach sagen, Majestät haben es nicht nötig, mit übermäßiger Lautstärke auf sich aufmerksam zu machen, ist sie doch mit Felgen bis zu 23 Zoll und einer lichten Höhe von 1,82 Meter ohnehin eine wirklich stattliche Gestalt. Wer es wissen will und das Gaspedal mal ordentlich durchtritt, der wird erleben, wie in lockeren 5,3 Sekunden 2,5 Tonnen auf 100 km/h beschleunigt werden. Bei 250 km/h ist elektronisch abgeregelt Schluss.

Ein echter Offroader

*Datenschutz

Und das ist auch gut so, denn so sehr das neu entwickelte aktive Fahrwerk "E-Active-Body-Control", das mit der Luftfederung kombiniert ist, Wank-, Nick- und Hubbewegungen entgegenwirkt, die Physik hat auch bei einem SUV mit den Ausmaßen eines GLS das letzte Wort. Allerdings ist der Wagen auch mit dem sportiv wirkenden V8 nicht für den Rundkurs gemacht. Aber die Ingenieure haben dafür gesorgt, dass das SUV sich im Offroad-Bereich fast wie die G-Klasse bewegen kann. Ja, der Böschungswinkel an Bug und Heck ist natürlich nicht so groß und auch die Bodenfreiheit beim Lauf über Steine in Findlingsgröße dürfte schwierig werden. Doch das, was das Trumm sonst im Gelände leistet (und wenn hier Gelände steht, ist nicht die Rede von Schotterwegen), ist aller Ehren wert.

Um den GLS über solchen Grund zu bringen ist, im optional erhältlichen Offroad-Paket ein "Torque on Demand" mit Geländereduktion verbaut. Das heißt nichts anderes, als dass der vollvariable Allradantrieb zusätzlich mit einem Untersetzungsgetriebe ausgestattet ist, das die am einzelnen Rad wirkende Kraft nahezu verdreifachen kann. In der sogenannten Low Range ergibt sich so eine Übersetzung von 1:2,93, was exakt dem in der G-Klasse entspricht. Das hat zur Folge, dass sich bei längsgesperrtem Betrieb eine optimale Traktion an beiden Antriebsachsen ergibt. Kurz, im Sand oder, wie in Utah ausprobiert, in felsigem Gelände oder bei Verschränkungsfahrten wird immer das Rad bedient, das die größtmögliche Traktion verspricht. Im Grunde simuliert das "Torque on Demand" die Differenzialsperren, die es in der G-Klasse gibt. Hinzu kommt, dass dadurch auch die Dosierbarkeit der Leistung vor allem für den Langsamfahr- und den Kriechbereich im Gelände verbessert wurde.

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Mit dem Offroad-Paket bekommt der GLS die Möglichkeit, sich 9 Zentimeter in die Höhe zu schrauben.

(Foto: Daniel Maurer)

Außerdem gibt es für den Offroad-Einsatz drei Fahrstufen, die den GLS um bis zu neun Zentimeter anheben können. Ebenfalls speziell für den Einsatz im Groben und für Geschwindigkeiten unter 40 km/h hat Mercedes dem GLS ein Gelände-ABS verpasst. Unterhalb der Grenzgeschwindigkeit wird es unmerklich aktiviert und sorgt dafür, dass zum Beispiel bei steilen Abfahrten auf Geröll und Sand ein zyklisches Blockieren der Vorderräder stattfindet. Nur so ist im extremen Gefälle das Anhalten überhaupt möglich. In Summe ist es wirklich erstaunlich, wie das Luxus-SUV sich durch das Gelände kämpft. Selbst eine Seitenneigung von bis zu erfahrenen 31 Grad - ab 35 Grad liegt das Trumm auf der Seite - ist kein Problem. Jedenfalls nicht für den neuen GLS.

Der Diesel bleibt eine Empfehlung

Natürlich ist es auch bei einem GLS mit Sicherheit nicht angesagtes Ziel, pausenlos durchs Gelände zu jagen. Aber im Gegenteil zur Konkurrenz behaupten die Stuttgarter nicht nur, es zu können, sondern stellen es eben auch unter Beweis. Was einmal mehr zeigt, dass das G im Namen tatsächlich für Gelände steht. Was das Offroad-Paket an Aufpreis kostet, verrät Mercedes erst in den nächsten Wochen, genau wie die Preise des Luxus-SUV. Billig dürfte es bei dem technischen Aufwand nicht werden. Aber ein Auto für den Otto Normalverbraucher sind Fahrzeuge in dieser Klasse ohnehin noch nie gewesen.

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Natürlich kann man mit dem Mercedes GLS auch auf der Straße fahren.

(Foto: Daniel Maurer)

Und dennoch ist für den deutschen Spar-Markt ein durchaus empfehlenswertes Dieseltriebwerk mit Euro 6d in zwei Leistungsstufen im Angebot. Die befeuern auch den GLE, der in großen Teilen die Basis für den GLS liefert. Der Reihensechszylinder-Diesel, der seine Kraft aus 2925 Kubikzentimetern Hubraum schöpft, leistet entweder 286 oder 330 PS. Nur zum Vergleich, beim Letztgenannten ist das maximale Drehmoment mit dem des V8 (ohne Boost) identisch, liegt also bei 700 Newtonmetern. Der Spurt auf Tempo 100 erfolgt mit 6,3 Sekunden nicht ganz so behände und auch die Endgeschwindigkeit liegt mit 238 km/h unter dem Achtender. Dafür erfreuen die Diesel mit einer nicht geahnten Leichtigkeit und Laufruhe. Wer mit verbundenen Augen einsteigt, wird mit ziemlicher Sicherheit nicht merken, dass er in einem Selbstzünder-getriebenen SUV sitzt.

Da geht was an den Haken

Auch beim Verbrauch geht es hier natürlich genügsamer zu. Während der Sechzylinder-Benziner 9,8 Liter Benzin durch die Schläuche jagte und der V8 sogar 12,5 Liter verbrannte, kam der Diesel mit 330 PS bei ähnlicher Fahrweise im Schnitt mit 8,2 Litern aus. Natürlich können die Diesel den Benzinern gleich bis zu 3,5 Tonnen an den Haken nehmen, wobei ein Anhängerrangier-Assistent nicht nur bei der Koppelung von GLS und Trailer hilft, sondern auch den Lenkwinkel am Zugfahrzeug regelt, um den Anhänger formvollendet an der richtigen Stelle zu platzieren.

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Der Arbeitsplatz des Mercedes GLS ist mit dem des GLE identisch.

(Foto: Daniel Maurer)

So kann der Fahrer über das Display den Winkel wählen, in dem das Gespann rückwärts fahren soll und die Lenkung sorgt ohne Eingriff des Piloten dafür, dass der Wagen rollt. Hat der Hänger die richtige Richtung, tippt der Fahrer auf dem Touchscreen auf das Icon "gerade ziehen" und die Lenkung führt das Manöver automatisch aus. Ja, das haben andere Hersteller schon vor einigen Jahren angeboten, aber beim GLS funktioniert das Ganze sogar bis zu einer Steigung von 15 Prozent.

Am Ende hat Mercedes enorm viel getan, um den GLS weiter als das Premium-SUV, eben die S-Klasse der SUV zu etablieren. Da sind an dieser Stelle die Fahrassistenten oder die Komfortfunktionen wie Massage, Beduftung, Lichtstimmungen und MBUX - das auch hier wieder eine Erweiterung erfahren hat - noch gar nicht erwähnt. Das muss dann wohl in einem ausführlichen Praxistest erfolgen, den wir auf diesen Seiten in absehbarer Zeit nachreichen werden.

Quelle: n-tv.de

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