Luxus unter freiem HimmelMercedes-Maybach SL 680 - wenn der SL eigentlich zu sportlich ist
Von Patrick Broich
Wem der Mercedes SL zu sportlich ist, aber auf das SL-Label nicht verzichtet werden soll - dann könnte man sich mal bei Maybach umschauen. Unter bestimmten Bedingungen könnte es dann was werden mit dem V8-Kracher. ntv.de hat ihn gefahren.
Eigentlich beruht das Mercedes-SL-Versprechen auf einem riesigen Missverständnis. Denn die Buchstaben standen mal für "Sport" und "leicht" - und so war es ja auch beim Ur-SL, dem W198. Doch der berühmte Flügeltürer, also der Hundertachtundneunziger, ist eben nicht der SL, der sich als nutzbarer Dailydriver in das kollektive Autofan-Gedächtnis eingebrannt hat. Auch nicht der zierliche W113, besser bekannt als Pagode. Es sind eher die schon tourigeren 107er. Und es sind die definitiv die 129er, die nicht nur quantitativ präsent sind, sondern als ausgesprochene Gran-Turismo-Charaktere gelten.
Bis zur Baureihe R231 wurden die SL allerdings immer gediegener, und dann zog Mercedes die Reißleine. Der traditionelle Roadster war zu sehr in Richtung Altväterlichkeit abgebogen, also beschloss man, den nächsten SL (R232) gleich von AMG in Affalterbach entwickeln zu lassen. Denn längst war der heimliche SL zuvor der AMG-GT als Roadster - also hatte man beim nächsten Modell einfach umgelabelt: Den AMG gibt es bloß noch als Coupé, und der Roadster, das ist der SL - allerdings mit eigenständigem Design.
Aber nun, unter AMG-Regie, verlor der SL das Gediegene. Also steuerte Mercedes gegen und entwarf eine Maybach-Variante des 232. Aber kann man die akzeptieren, wenn man einfach bloß einen Gran Turismo haben möchte? Na ja, unter bestimmten Bedingungen vielleicht schon. Erst mal musst du schlappe 244.000 Tacken auf den Tisch legen - das ist das Doppelte dessen, was ein Basis-SL kostet (derzeit noch mit vier Töpfen unter der Haube). Und der Aufpreis zum Einsteiger-Achtzylinder beläuft sich immer noch auf propere 81.000 Euro.
Und was bekommt man dafür? Jedenfalls mit 585 PS nicht mehr Power als beim Sehnsuchtsmodell SL 63 (190.000 Euro Grundpreis), und das ist eigentlich ein Fehler der Marketingabteilung. Ein Maybach sollte sich antriebsseitig von den zivilen Modellen abgrenzen, zumal er mit der Bezeichnung "680" auch noch eine höhere Position kommuniziert. Gut, jetzt könnte man sagen, dass er das auch macht - bloß drückt sich dieser Umstand nicht in den Zahlen aus.
Dezenter V8-Sound
Die Ingenieure haben den Vierliter insgesamt dezenter auftreten lassen, ihm mehr Dämmung verpasst sowie eine überarbeitete Abgasanlage. Aber keine Sorge, schon ab der ersten Umdrehung verströmt der berühmte M177 sein V8-Timbre ziemlich deutlich. Und generell ist der Achtzylinder ohne nennenswerten elektrischen Anteil eine Wucht - im übertragenen wie auch wörtlichen Sinne. Er hängt satt am Gas auf freier Strecke und hämmert den 2,1-Tonner mit unglaublichem Schmackes in die 260-km/h-Begrenzung. Bis Landstraßentempo vergehen bloß 4,1 Sekunden.
Aber man muss sich nicht hetzen, um 800 Newtonmeter Drehmoment genießen zu können. Schon bei der geringsten Gaspedal-Bewegung spürt man den unbändigen Vorwärtsdrang; vor allem auch deshalb, weil die Kraft einfach nur durch das Neunganggetriebe fließt und nicht durch Generatoren oder E-Maschinen abgelenkt wird.
Wie sieht denn es aus mit dem Gran-Turismo-Versprechen? Klar, passt. Im 4,70-Meter-Roadster reist es sich gediegen, das Active-Ride-Fahrwerk zeigt sich grundsätzlich von seiner komfortablen Seite. Es gleicht Wankbewegungen aus in schnell gefahren Kurven, und die serienmäßige Hinterachslenkung agiert sozusagen als Agilitätsbooster.
Phlegmatisch fühlt sich dieser Roadster so gar nicht an, umkomfortabel jedoch ebenso wenig. Stichwort Roadster - und wenn man also die Hüllen fallen lässt? Dann ist Brise angesagt, aber nicht der ultimative Sturm wie in einem britischen Roadster aus den 1960er-Jahren. Dazu bietet der mächtige Überbau in Form von Windschutzscheibe einfach zu viel Schutz. Und falls die Außenluft doch noch eine Nuance zu kühl sein sollte, hilft der sogenannte Airscarf, indem er seinen wärmenden Luftschleier um die Hälse der Passagiere legt. Zu viel Schnickschnack?
Mit Schnickschnack kennt sich vor allem der Maybach aus, und das könnte für den einen oder anderen User sogar eine Nummer zu viel sein. Doch bitte genau lesen im Konfigurator, dieser SL 680 heißt nicht umsonst "Monogram Series". Das bedeutet, dass man die Maybach-Embleme nur so um die Ohren geknallt bekommt. Sie sind wirklich überall, auf der Motorhaube, im Bereich des vorderen Stoßfängers und auf dem Verdeck. Das muss man schon wollen.
Dafür besticht er mit eleganten 21-Zoll-Alurädern, viel Chrom (wie die markante Leiste auf der Motorhaube) sowie dem Stern als Kühlerfigur. Historisch ist das legitim, auch der W111 aus den 1960ern trug als offene Variante Stern.
Immerhin, wenn Sie sich gerade in Frühlingsgefühlen schwelgend nach einem Lottogewinn oder guten Vertragsabschlüssen noch ein feines Sommergefährt mit Frischluftgarantie gönnen wollen - der Maybach-SL steht garantiert nicht an jeder Straßenecke. Das kann für ihn sprechen, wenn man Exklusivität als Seltenheitsereignis mag. Man bekommt ihn übrigens in fast jeder erdenklichen Farbe, ganz in der Maybach-Individualisierungs-Philosophie. Vielleicht geht es ja auch mit einer Portion weniger Maybach-Monogramme.