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Auf der IAA soll der Smart vision EQ fortwo die Messebesucher elektrisieren und beredtes Zeichen für die Mobilität der Zukunft sein.
Auf der IAA soll der Smart vision EQ fortwo die Messebesucher elektrisieren und beredtes Zeichen für die Mobilität der Zukunft sein.(Foto: Holger Preiss)
Donnerstag, 31. August 2017

Vision EQ fortwo: Smart zeigt autonome Knutschkugel

Von Holger Preiss

In Zukunft bewegen sich die Menschen in den Städten in autonomen Fahrzeugen, die zu einer riesigen Carsharing-Flotte gehören. Wie so ein Auto aussehen könnte, zeigt Smart mit der Studie vision EQ fortwo, einer stylischen gläsernen Knutschkugel.

Die Elektromobilität wird kommen. Das machen auch die Hersteller deutlich, die auf der 67. IAA wieder mehr Elektrisches auf den Messeständen platzieren werden. Ob das die Massen elektrisiert bleibt abzuwarten, denn die Zeitspannen bis zur Realisierung der engagiertesten Visionen sind recht weit gesteckt. Beredtes Zeichen dafür ist die Studie smart vision EQ fortwo, ein Konzept der noch jungen Submarke EQ von Mercedes, die vor allem für neue Technologien steht und unter deren Ägide die gesamte E-Mobilität von Daimler geschmiedet werden soll.

Einer für alle

Smart-Chefin Annette Winkler ist vom Konzept des vision EQ fortwo überzeugt.
Smart-Chefin Annette Winkler ist vom Konzept des vision EQ fortwo überzeugt.(Foto: Holger Preiss)

Und weil hier mit den Jahren nach 2030 weit in die Zukunft gedacht wird, ist der innovative Stadtzwerg auch gar kein Auto mehr für den Einzelkunden, sondern ein Fortbewegungsmittel für die Allgemeinheit. "Der smart vision EQ fortwo ist unsere Vision der urbanen Mobilität der Zukunft, es ist das radikalste Carsharing-Konzeptauto überhaupt: vollautonom, maximal kommunikativ, freundlich, umfassend personalisierbar und natürlich elektrisch", so Smart-Chefin Annette Winkler.

Genau mit diesen Attributen im Blick wurde das Showcar entwickelt. Nach wie vor handelt es sich um einen Zweisitzer, der mit maximalem Platz bei den Passagieren punkten soll, das Ganze natürlich auf minimalen Raum. Wie seinerzeit das Google-Car verzichtet auch der Smart in der Zukunft auf Lenkrad und Pedale. Das lässt natürlich nur die Annahme zu, dass bis zum Jahr 2030 die Fahrzeuge vollautonom unterwegs sein sollen. Ein Umstand, der Sicherheitssysteme wie einen Standardgurt überflüssig werden lässt. "Denn", so heißt es zur Begründung, "wenn diese Stufe des autonomen Fahrens erreicht ist, wird es keine Unfälle mehr geben."

Die Studie des Smart vision EQ fortwo belebt auch die Idee der Tridion-Sicherheitszelle neu.
Die Studie des Smart vision EQ fortwo belebt auch die Idee der Tridion-Sicherheitszelle neu.(Foto: Holger Preiss)

Andererseits, und hier tut sich ein Widerspruch auf, wurde die alte Idee der Tridion-Sicherheitszelle, die die Passagiere wie die Muschel die Perle schützt, neu interpretiert. Alle Bodypanels bilden nämlich eine Art Schutzschild für die Glaskugel, in der die Reisenden eben die Perlen sind. Allerdings sind die bei einem Aufprall lediglich mit einem Beckengurt bewährt den bekannten physikalischen Gesetzen ausgeliefert.

Darüber darf jetzt genauso gegrübelt werden wie über den Umstand, dass der smart vision EQ fortwo keinen Kofferraum mehr hat. Wer also mal schnell größere Sachen transportieren will, der sollte allein fahren. Andernfalls, so wird weiter argumentiert, müssten sich die Reisenden ein zweites Fahrzeug für das Gepäck bestellen. Der ökologisch bewanderte Leser wird jetzt sofort die Umweltfreundlichkeit anzweifeln, obgleich die Studie selbstredend vollelektrisch betrieben wird.

Eine Studie ist eine Studie ist eine Studie

Gurte gibt es im Smart vision EQ fortwo nur noch für den Teddy am Boden.
Gurte gibt es im Smart vision EQ fortwo nur noch für den Teddy am Boden.(Foto: Holger Preiss)

Nun sind Studien in der Regel das, was der Name schon besagt: Entwürfe. Insofern soll hier auch gar nicht auf den "Unzulänglichkeiten" rumgeritten werden, sondern bestaunt werden, was sich Smart weiter für die Zukunft vorgestellt. An Stelle eines Armaturenbretts dominiert ein 24 Zoll großer Bildschirm, der von einem roségoldfarbenen Rahmen eingefasst wird, den Innenraum. Die Sitzbank ist mit einem neuartigen Kunstleder bezogen, das sich besonders leicht reinigen lässt. Das ist ebenso wichtig, wie die Desinfektionsfläschchen an den Außenseiten der Sitzbank, wenn der Wagen dauerhaft im Car-Sharing-Programm fährt. Auffällig ist auch das neue Türkonzept. Die beiden gläsernen Eintrittsportale lassen sich nämlich flügelartig über die Hinterachse hinwegdrehen. Das erleichtert nicht nur den Einstieg, sondern reduziert gleichsam die Kollisionsgefahr mit Radfahrern oder Fußgängern.

Wichtig ist auch, dass mit dem Showcar eine neue Architektur Einzug hält. Sie ist eine Neuinterpretation des ersten smart fortwo. Der Kühlergrill ist wie damals unter den Scheinwerfern positioniert. Allerdings dienen beide beim Showcar der Kommunikation. Während die einen blinzeln und den Weg weisen, wird der Grill zur Projektionsfläche der personellen Begrüßung oder zur Informationstafel für andere Verkehrsteilnehmer. Gleiches gilt für die Rückleuchten. Nach Ansicht der Entwickler fühlt sich das Fahrzeug so lebendig an. Und tatsächlich hat der Augenaufschlag der Scheinwerfer etwas sehr sympathisches.

Carsharing der Zukunft

Die über die Hinterachse aufschwingende Glastür, die auch als Projektionsfläche genutzt werden kann, ist ein Highlight des Smart vision EQ fortwo.
Die über die Hinterachse aufschwingende Glastür, die auch als Projektionsfläche genutzt werden kann, ist ein Highlight des Smart vision EQ fortwo.(Foto: Holger Preiss)

Zudem zeigt das Showcar, wie sich Smart das Carsharing der Zukunft vorstellt. Bestellt wird das Fahrzeug - auch heute schon - über ein mobiles Endgerät. Allerdings muss sich der Entleiher heute noch selbst zum Wagen bewegen. In Zukunft wird der dann eigenständig vorfahren. Auch die Fahrzeugfunktionen werden über das Smartphone gesteuert. Und da die Technik Zugriff auf die personalisierten Daten des Kunden hat, sind auch die Farbwelten, Informationen und Entertainment-Angebote genau auf den Einzelnen zugeschnitten. Wer das Auto mit anderen Passagieren teilt, spart bares Geld oder erhält für zukünftige Fahrten verwertbare Credits.

Darüber, dass das Carsharing ein probates Mittel zur Beförderung von Menschen in dicht besiedelten urbanen Umfeldern ist, sind sich die Verantwortlichen bei Daimler einig. Einig ist man sich auch darüber, dass das Konzept des autonomen Carsharings nur aufgehen kann, wenn es eine funktionierende Nachfragevorhersage gibt. Der Flottenbetreiber muss wissen, wann und wo ein Kunde ein Fahrzeug benötigt, noch bevor der aktiv auf die Suche gegangen ist. Nur so können beispielsweise bei einem Fußballspiel schon vor dem Anpfiff Autos zum Stadion geschickt werden, um nach dem Spiel Gäste aufzunehmen.

Bereits jetzt dienen moovel, mytaxi und car2go genau aus diesem Grund als Datensammler, um zukünftige Algorithmen zur Verfügbarkeit zu entwickeln. Zudem sehen die Verantwortlichen das Herzstück des autonomen Carsharings in einer ausgereiften Flottenintelligenz. So ist es zum Beispiel nicht sinnvoll bei einem Fußballspiel alle Fahrzeuge aus der Innenstadt abzuziehen und zum Stadion zu schicken. Hier würde eine Verfügbarkeitslücke in der City entstehen. Effizienter wäre es, Autos aus den Außenbezirken zum Stadion fahren zu lassen. Allerdings müssten auch hier Leerfahrten vermieden werden. Darum sollen die Wagen dann auch für Kurier- oder Paketfahrten genutzt werden. Hinzu kommt, dass es auf allen Wegen eine optimale Ladeinfrastruktur für die Batterien gibt.

Zukunftsmusik zum Träumen

Auch das ist alles Zukunftsmusik. Denn car2go hat auf Grund seiner datenbasierten und automatisierten Fahrzeugverteilung festgestellt, dass die Nachfrage in Außenbezirken von Großstädte derzeit so gering ist, dass man sich beispielsweise in Berlin wieder auf den inneren Zirkel der Stadt beschränken will. Zudem wird das Carsharing den Individualverkehr zwar verringern aber es wird ihn genauso wenig abschaffen wie den öffentlichen Nahverkehr. Beide Komponenten werden auch in der Zukunft ein wesentlicher Bestandteil der Mobilität bleiben.

Dennoch - und das ist unbenommen - sind Studien wie der smart vision EQ fortwo und die damit verbundene Forschungsarbeit immens wichtig, um die Mobilität der Zukunft zu planen und zu verstehen. Dass es am Ende immer ein wenig anders aussieht, stört dabei nicht. Und wer sich die gläserne Knutschkugel auf der IAA genauer ansieht, der kann schon ein wenig ins futuristische Träumen geraten.

Quelle: n-tv.de

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