Sensation in der KompaktklasseVerrückter Mercedes-AMG CLA 45 enthüllt - neues Kapitel in der E-Mobilität
Von Patrick Broich, Goodwood
Mercedes verändert den Maßstab in der Elektromobilität immer weiter. Jetzt bringen die Schwaben das erste kompakte Elektrobiest mit AMG-Abzeichen. Vorhang auf für den CLA 45! Bei dem optisch zurückhaltenden Neuling steckt der Teufel im Detail.
Es geht jetzt Schlag auf Schlag: Nachdem die Schmiede aus Affalterbach mit dem GT Viertürer schon mal die technischen Eckpfeiler in den Boden gerammt hat, wie performante Elektromobilität auszusehen hat, legen die Schwaben nach. Jetzt kommt also ein muskelbepackter Kompakter um die Ecke, der den Supersportlern dieser Welt die Zähne zeigen soll. Wobei kompakt natürlich relativ ist. Bekanntermaßen ist der CLA mit seiner Außenlänge von 4,74 Metern gefühlt längst auf dem Mittelklasse-Terrain zu Hause.
Da steht er also nun, der stärkste CLA. Und Fans müssen jetzt stark sein, wenn es heißt, "dieser AMG ist only electric" - tja, vorbei die Zeiten der aufgeblasenen M139-Vierzylinder mit 421 PS. Ist das schlecht? Wer jetzt mit der Emotionalitäts-Keule um die Ecke kommt, dem sei gesagt, dass ein Vierzylinder auch nicht besonders emotional ist, ob man ihn per Abgasanlage jetzt akustisch auf wild trimmt oder nicht.
Doch der Reihe nach. Erst mal wirken lassen, diesen neuen 45er. Und natürlich ist er sofort identifizierbar anhand seiner spezifischen Aero. Neben dem speziell designten Frontsplitter gibt es außerdem markante Panamericana-Streben im Grill. Und breitere Backen sind ebenso ein untrügliches Kennzeichen. Schließlich wollen optionale 20-Zöller (ab Werk 19) der 255er-Klasse irgendwie untergebracht werden samt mächtiger Bremse. Dennoch fallen all diese Maßnahmen insgesamt noch recht dezent aus. Da sticht der Unilack "Aquamint" schon eher ins Auge.
CLA 45 ist technisch ein Brett
Viel heftiger wird es, wenn man einen Blick auf die technischen Werte wirft, und hier steckt der Teufel im Detail. Tatsächlich verpassen die Ingenieure dem CLA analog zum GT Viertürer ebenfalls drei der sogenannten Axialflussmotoren in kompakter Bauweise. Und das Revolutionäre an diesem Antriebsstrang überliest man schnell. Mercedes nennt 680 PS Peakleistung - so weit, so üblich. Aber! Die Dauerleistung (muss 30 Minuten gewährleistet werden) liegt bei verrückten 612 PS, die Differenz ist also minimal.
Um die Verhältnisse klarzumachen: Ein BMW iX3 mit 469 PS Peakleistung kommt auf gerade mal 231 PS Dauerleistung. Kein Wunder, dass Mercedes dem 45 locker aus dem Ärmel geschüttelt 270 km/h Höchstgeschwindigkeit zutraut. Unter den Technikern wird kolportiert, dass der Sprint von 0 auf 200 km/h nur um die zehn Sekunden dauern soll. Nicht minder beeindruckend: Glatte drei Sekunden von 0 auf 100 km/h gibt es sozusagen amtlich verbrieft im Datenblatt. Und damit der Kraftfluss auch nicht mal eine Millisekunde lang abreißt, hat sich AMG für eine statische Übersetzung entschieden.
Spannend ist darüber hinaus das Packaging der Leistungsreserven. Für das Bereitstellen der angegebenen Spitzenleistung reichen schon die beiden Heckmotoren aus. Sie sind jeweils mit einem eigenen Getriebe ausgestattet - und die Einheit wird ölgekühlt. Währenddessen leistet der Motor an der Vorderachse 360 PS und lässt sich bei Bedarf zu- oder abschalten. Je nach Einsatz kann man auf diese Weise die Effizienz oder eben die Wirksamkeit betonen.
Und wo performt der CLA 45 nicht so gut? Das ist freilich Ansichtssache, aber beim Ladekomplex entwickelt sich das Geschehen gerade so disruptiv, dass 22 Minuten für den Hub von 10 auf 80 Prozent schon langsam anmuten.
Verbrenner-Geräusche müssen nicht sein
Ob das Fahrgeschehen darüber hinwegtröstet, dass man mit diesem 800-Volt-Auto etwas länger an der Ladestation steht als theoretisch möglich, muss noch herausgefunden werden. Aber davon darf man immerhin ausgehen. Schließlich sollten sich die Ingenieure beim adaptiven Fahrwerk ebenfalls Mühe gegeben haben.
Wer übrigens den Shooting Brake bestellt, bekommt als kleines Neuheiten-Gimmick einen aktiven Dachkantenspoiler. Das ist ein Novum ganz im Gegensatz zu synthetischen Verbrenner-Geräuschen, von denen sich die Gäste bei der ersten Sitzprobe schon überzeugen konnten. Oder eben auch nicht.
Als eher hochgestapelt könnte sich erweisen, dass AMG seinen Neuling 670 Kilometer weit fahren sieht mit 94 kWh gespeicherter Energie. Nicht etwa, weil die versprochene Effizienz mit einer Basis-Spec und damit verbundenen 19-Zöllern plus verhaltenem rechten Fuß keineswegs erreichbar wäre. Aber wenn knapp 1800 Newtonmeter Antriebsdrehmoment locken, wird nicht bloß das Reifenprofil auf die Probe gestellt, sondern der innere Schweinehund ebenfalls. Ob man sich hier zurückhalten kann? Vermutlich schwierig.
Der CLA 45 ist jedenfalls ein heißer Kandidat für das erste rein elektrisch angetriebene Auto, bei dem eine imaginär weiterentwickelte Verbrennerversion vermutlich die langweiligere Alternative gewesen wäre. Um das zu untermauern, hat AMG den Kompakten vorsichtshalber mal von Formel-1-Hoffnung Kimi Antonelli präsentieren lassen auf dem Festival of Speed in Goodwood.
Ob es gelingt, mit diesem CLA auch Verbrenner-Fans zu überzeugen? Dieser Antwort dürfte man nach demnächst folgenden ersten Fahrten näherkommen. Wie viel das Vergnügen kostet, verrät AMG noch nicht. Aber deutlich unter 70.000 Euro wäre schon ein verdammt sensationelles Preis-Leistungs-Verhältnis. Und diese Hoffnung darf man durchaus hegen.