Praxistest

Mittelklasse unkonventionellGenesis GV60 - lädt schnell, fährt weit, ist anders

07.05.2026, 06:53 Uhr Patrick-portraetfotoVon Patrick Broich
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Insbesondere aus der Frontperspektive wirkt der Genesis GV60 futuristisch. Richtig oft sieht man ihn hierzulande nicht. (Foto: Patrick Broich)

Wer genug hat von Mainstream und Verbrennern, könnte sich den überarbeiteten Genesis GV60 anschauen. Der Mittelklässler sieht unkonventionell aus, ist komfortabel und vor allem anders. ntv.de hat ihn auf Herz und Nieren getestet.

Eigentlich gehört der Genesis GV60 jetzt nicht zu den Autos, die man an jeder Ecke stehen sieht. Dabei basiert der Mittelklasse-Vertreter aus Korea auf der globalen E-GMP-Plattform des Kia-Hyundai-Konzerns und ist damit der distinguierte Bruder der hierzulande ganz ordentlich verkauften Modelle Hyundai Ioniq 5 oder Kia EV6. Nur eben in einem etwas verrückteren Gewand mit auffälligem Fließheck und einer Dachlinie, die eine Botschaft bereithält: Bei genauem Hinsehen fällt nämlich auf, dass der feine Chromrahmen an der C-Säule einen Knick macht, der wiederum ein "V" ergibt für Volt.

Genesis selbst sagt zu seinem Design "Athletic Elegance" - das klingt freilich ziemlich nach Marketing-Worthülse, aber mainstreamig ist er jetzt auch nicht gerade. Und wenn man mit ihm unterwegs sein möchte, muss man rein elektrische Antriebe schon mögen, denn Verbrenner, nicht einmal in Form von Hybridsträngen, verwehrt Genesis in diesem Kontext.

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Das "V" in der Seitenlinie gibt einen Hinweis auf die Antriebsart des GV60. Er fährt ausschließlich elektrisch. (Foto: Patrick Broich)

ntv.de hat für den Praxistest nicht das ganz große Besteck mit irrer Leistung und Allradantrieb gewählt, sondern den vergleichsweise braven Heckmotor mit 229 PS. Das ist jetzt nicht wenig Holz, aber für einen 4,55 Meter langen Elektro-Crossover, der am Segment der Mittelklasse kratzt, durchaus eher moderat. Dafür geizt der koreanische Exzentriker mit anderen Superlativen, die im Wettbewerb unter den elektrisch angetriebenen Vehikeln keineswegs selbstverständlich sind. So verspricht das Werk mittels hoher Ladeleistung (240 kW) und günstiger Ladekurve, den mit 84 kWh (statt der 77 vor dem Facelift) nicht gerade ärmlich bestückten Akku ziemlich zügig von 10 auf 80 Prozent zu bringen. Und zwar sollen es 18 Minuten sein.

Der Autor war natürlich neugierig und hat diesem Versprechen auf den Zahn gefühlt. Allerdings muss hier fairerweise eine kleine Einschränkung geltend gemacht werden. Denn die Produktion fand bei bitterer Kälte statt, also in einem Szenario, das für Elektroautos anspruchsvoll ist und vor dem sich skeptische Kunden womöglich fürchten.

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Der Crossover aus Korea wirkt von hinten leicht klobig. (Foto: Patrick Broich)

E-Auto bei extremer Kälte beherrschbar

Aber! Der Genesis lässt sich selbst bei minus sieben Grad Celsius nicht lumpen und lädt im Falle ordentlicher Konditionierung (geht auch manuell) immerhin binnen 20 Minuten von 20 auf 80 Prozent. Das ist stramm. Allerdings gehört zur Wahrheit auch, dass ein größerer Teil der gespeicherten Energie für die Heizleistung draufgeht, sodass unter moderater Autobahnfahrt nur knapp unter 400 Kilometer drin sind - trotz serienmäßiger Wärmepumpe. Das geht angesichts der Witterung aber völlig in Ordnung. Die WLTP-Reichweite liegt mit 561 Kilometern natürlich deutlich höher. Bei höheren Temperaturen und gemächlicher Fahrt kann man sich ihr sicherlich annähern.

Also wären die Rahmenbedingungen so weit abgesteckt. Und wie fährt der GV60? Ziemlich geschmeidig und souverän, muss man sagen. Außerdem machen es 19-Zöller mit 55er-Querschnitt dem Fahrwerk nicht ganz so schwer, den Hecktriebler sämig über schlechte Straßen rollen zu lassen. Die Fahrwerker haben klar die Komfort-Karte gezogen. Dazu passen 350 quasi sofort anliegende Newtonmeter. Sie versetzen 2,2 Tonnen Blech recht wirkungsvoll in Bewegung; in Zahl gegossen bedeutet das 7,8 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h. Die Topspeed liegt bei 185 Sachen, damit kann man leben.

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Im Inneren des Genesis GV60 geht es edel zu. Die Farbgebung ist mutig, aber irgendwie cool. Seit dem Facelift präsentiert sich der große Monitor aus einem Guss. (Foto: Patrick Broich)

Doch ein GV60 lebt weniger von seiner Fahrdynamik; er klotzt stattdessen mit seinem durchaus feinen Interieur. Der Testwagen beispielsweise kommt mit anschmiegsamen Nappaledersitzen um die Ecke, die sowas von langstreckentauglich sind. Bei der Farbwahl "Pine Groove Green" beweisen die Kreativen Mut - die schon leicht ins Gelb spielende Beigenote der Innenausstattung wirkt zwar stylish, aber sicher nicht auf jedermann einladend. Zum Glück erlaubt der Konfigurator auch volumentaugliche Kombinationen.

Nicht zu rütteln dagegen ist an der offenen Architektur. Vor allem das Konzept der freistehenden Mittelkonsole überzeugt mitunter. Luftige Platzverhältnisse sorgen für wohliges Verweilen in der ersten Reihe. Und gut zugängliche USB-Anschlüsse dürfen als Tribut an die Always-on-Gesellschaft verstanden werden. Einen noblen Touch verströmen zudem Türbeläge aus einem nubukartigen Material mit einer schicken Rautensteppung sowie ein vielleicht etwas zu dickes Lederlenkrad mit adretter Ziernaht.

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Feine Nubuk-Türtafeln sorgen für einen Hauch von Noblesse innen. (Foto: Patrick Broich)

Bedienung muss simpler werden

Also alles paletti im GV60? Es gibt sicherlich Verbesserungsbedarf, und der betrifft in der Hauptsache das Kapitel "Bedienung". So streckt sich dem Passagier zwar ein schön großes Display entgegen, das seit dem Facelift aus einem Guss besteht und nicht mehr in der Mitte unterbrochen wird. Aber das Klimpern auf selbigem dürfte gern weniger umständlich erfolgen. Es braucht beispielsweise deutlich zu viele Schritte, um entscheidende Assistenten in ihrer Funktion anzupassen oder auszuschalten. Dafür gibt es physische Tasten für die Steuerung der Klimaautomatik und zudem ein eigenes Display für diese. Auch die Sitzklimatisierung lässt sich funktional per Drucktaste aktivieren.

Und in der zweiten Reihe? Sitzt man dank 2,90 Metern Radstand ebenfalls recht luftig - damit geht der flexible Koreaner wohl als familientauglich durch. Beim Preis sollte die Familie dafür schon eine gewisse finanzielle Puste haben, denn auch wenn Genesis für 54.680 Euro jede Menge Auto bietet mit dem GV60, will das Geld erst einmal aufgebracht werden. Da müsste der Interessent dann eine erschwingliche Leasingrate aushandeln. Wenngleich die Basis nicht mit Nappaleder glänzt, gibt es doch angenehme Features wie eine elektrisch öffnende Heckklappe oder Sitze, die surrend in die richtige Position fahren.

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Platzmangel herrscht in der zweiten Reihe dieses Genesis wohl kaum. (Foto: Patrick Broich)

Fazit: Der Genesis GV60 geht als unkonventionell gezeichnetes Elektroauto durch und könnte damit Interessenten abholen, die eben genau nicht Mainstream wollen. Für den Hausgebrauch ist die 229 PS starke Basis mehr als auskömmlich. Wer möchte, bekommt aber auch knapp 500 PS - dann marschiert die Preisrichtung jedoch stramm gen 80.000 Euro. Dank 800-Volt-Architektur und entsprechend schnellem Laden eignet sich der geräumige Crossover als probater Langstreckentourer. Feine Materialien und eine exzellente Verarbeitungsqualität untermauern den Premiumanspruch der Marke. Allein bei der Bedienungsergonomie müssten die Koreaner eine Schippe drauflegen.

Datenblatt Genesis GV60 Heckmotor

Abmessungen: (Länge/Breite/Höhe) 4,55 / 1,89 / 1,58 m

Radstand: 2,90 m

Leergewicht (DIN): 2225 kg

Sitzplätze: 5

Gepäckraumvolumen: 680 bis 1460 l plus 53 l Frunk

Motorart: eine Elektromaschine

Getriebe: eine Übersetzung, fest

Systemleistung: 229 PS (168 kW)

Antrieb: Hinteradantrieb

max. Drehmoment: 350 Nm

Beschleunigung 0-100 km/h: 7,8 s

Höchstgeschwindigkeit: 185 km/h

Akkukapazität: 84 kWh

Maximale Ladeleistung (Gleichstrom): 240 kW

Ladeleistung (Wechselstrom): 11 kW

Verbrauch (kombiniert): 16,7 kWh

kombinierte WLTP-Reichweite: 561 km

CO2-Emission kombiniert: 0 g/km

Grundpreis: ab 54.680 Euro

Quelle: ntv.de

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