Mittelklasse unkonventionellGenesis GV60 - lädt schnell, fährt weit, ist anders
Von Patrick Broich
Wer genug hat von Mainstream und Verbrennern, könnte sich den überarbeiteten Genesis GV60 anschauen. Der Mittelklässler sieht unkonventionell aus, ist komfortabel und vor allem anders. ntv.de hat ihn auf Herz und Nieren getestet.
Eigentlich gehört der Genesis GV60 jetzt nicht zu den Autos, die man an jeder Ecke stehen sieht. Dabei basiert der Mittelklasse-Vertreter aus Korea auf der globalen E-GMP-Plattform des Kia-Hyundai-Konzerns und ist damit der distinguierte Bruder der hierzulande ganz ordentlich verkauften Modelle Hyundai Ioniq 5 oder Kia EV6. Nur eben in einem etwas verrückteren Gewand mit auffälligem Fließheck und einer Dachlinie, die eine Botschaft bereithält: Bei genauem Hinsehen fällt nämlich auf, dass der feine Chromrahmen an der C-Säule einen Knick macht, der wiederum ein "V" ergibt für Volt.
Genesis selbst sagt zu seinem Design "Athletic Elegance" - das klingt freilich ziemlich nach Marketing-Worthülse, aber mainstreamig ist er jetzt auch nicht gerade. Und wenn man mit ihm unterwegs sein möchte, muss man rein elektrische Antriebe schon mögen, denn Verbrenner, nicht einmal in Form von Hybridsträngen, verwehrt Genesis in diesem Kontext.
ntv.de hat für den Praxistest nicht das ganz große Besteck mit irrer Leistung und Allradantrieb gewählt, sondern den vergleichsweise braven Heckmotor mit 229 PS. Das ist jetzt nicht wenig Holz, aber für einen 4,55 Meter langen Elektro-Crossover, der am Segment der Mittelklasse kratzt, durchaus eher moderat. Dafür geizt der koreanische Exzentriker mit anderen Superlativen, die im Wettbewerb unter den elektrisch angetriebenen Vehikeln keineswegs selbstverständlich sind. So verspricht das Werk mittels hoher Ladeleistung (240 kW) und günstiger Ladekurve, den mit 84 kWh (statt der 77 vor dem Facelift) nicht gerade ärmlich bestückten Akku ziemlich zügig von 10 auf 80 Prozent zu bringen. Und zwar sollen es 18 Minuten sein.
Der Autor war natürlich neugierig und hat diesem Versprechen auf den Zahn gefühlt. Allerdings muss hier fairerweise eine kleine Einschränkung geltend gemacht werden. Denn die Produktion fand bei bitterer Kälte statt, also in einem Szenario, das für Elektroautos anspruchsvoll ist und vor dem sich skeptische Kunden womöglich fürchten.
E-Auto bei extremer Kälte beherrschbar
Aber! Der Genesis lässt sich selbst bei minus sieben Grad Celsius nicht lumpen und lädt im Falle ordentlicher Konditionierung (geht auch manuell) immerhin binnen 20 Minuten von 20 auf 80 Prozent. Das ist stramm. Allerdings gehört zur Wahrheit auch, dass ein größerer Teil der gespeicherten Energie für die Heizleistung draufgeht, sodass unter moderater Autobahnfahrt nur knapp unter 400 Kilometer drin sind - trotz serienmäßiger Wärmepumpe. Das geht angesichts der Witterung aber völlig in Ordnung. Die WLTP-Reichweite liegt mit 561 Kilometern natürlich deutlich höher. Bei höheren Temperaturen und gemächlicher Fahrt kann man sich ihr sicherlich annähern.
Also wären die Rahmenbedingungen so weit abgesteckt. Und wie fährt der GV60? Ziemlich geschmeidig und souverän, muss man sagen. Außerdem machen es 19-Zöller mit 55er-Querschnitt dem Fahrwerk nicht ganz so schwer, den Hecktriebler sämig über schlechte Straßen rollen zu lassen. Die Fahrwerker haben klar die Komfort-Karte gezogen. Dazu passen 350 quasi sofort anliegende Newtonmeter. Sie versetzen 2,2 Tonnen Blech recht wirkungsvoll in Bewegung; in Zahl gegossen bedeutet das 7,8 Sekunden für den Sprint auf 100 km/h. Die Topspeed liegt bei 185 Sachen, damit kann man leben.
Doch ein GV60 lebt weniger von seiner Fahrdynamik; er klotzt stattdessen mit seinem durchaus feinen Interieur. Der Testwagen beispielsweise kommt mit anschmiegsamen Nappaledersitzen um die Ecke, die sowas von langstreckentauglich sind. Bei der Farbwahl "Pine Groove Green" beweisen die Kreativen Mut - die schon leicht ins Gelb spielende Beigenote der Innenausstattung wirkt zwar stylish, aber sicher nicht auf jedermann einladend. Zum Glück erlaubt der Konfigurator auch volumentaugliche Kombinationen.
Nicht zu rütteln dagegen ist an der offenen Architektur. Vor allem das Konzept der freistehenden Mittelkonsole überzeugt mitunter. Luftige Platzverhältnisse sorgen für wohliges Verweilen in der ersten Reihe. Und gut zugängliche USB-Anschlüsse dürfen als Tribut an die Always-on-Gesellschaft verstanden werden. Einen noblen Touch verströmen zudem Türbeläge aus einem nubukartigen Material mit einer schicken Rautensteppung sowie ein vielleicht etwas zu dickes Lederlenkrad mit adretter Ziernaht.
Bedienung muss simpler werden
Also alles paletti im GV60? Es gibt sicherlich Verbesserungsbedarf, und der betrifft in der Hauptsache das Kapitel "Bedienung". So streckt sich dem Passagier zwar ein schön großes Display entgegen, das seit dem Facelift aus einem Guss besteht und nicht mehr in der Mitte unterbrochen wird. Aber das Klimpern auf selbigem dürfte gern weniger umständlich erfolgen. Es braucht beispielsweise deutlich zu viele Schritte, um entscheidende Assistenten in ihrer Funktion anzupassen oder auszuschalten. Dafür gibt es physische Tasten für die Steuerung der Klimaautomatik und zudem ein eigenes Display für diese. Auch die Sitzklimatisierung lässt sich funktional per Drucktaste aktivieren.
Und in der zweiten Reihe? Sitzt man dank 2,90 Metern Radstand ebenfalls recht luftig - damit geht der flexible Koreaner wohl als familientauglich durch. Beim Preis sollte die Familie dafür schon eine gewisse finanzielle Puste haben, denn auch wenn Genesis für 54.680 Euro jede Menge Auto bietet mit dem GV60, will das Geld erst einmal aufgebracht werden. Da müsste der Interessent dann eine erschwingliche Leasingrate aushandeln. Wenngleich die Basis nicht mit Nappaleder glänzt, gibt es doch angenehme Features wie eine elektrisch öffnende Heckklappe oder Sitze, die surrend in die richtige Position fahren.
Fazit: Der Genesis GV60 geht als unkonventionell gezeichnetes Elektroauto durch und könnte damit Interessenten abholen, die eben genau nicht Mainstream wollen. Für den Hausgebrauch ist die 229 PS starke Basis mehr als auskömmlich. Wer möchte, bekommt aber auch knapp 500 PS - dann marschiert die Preisrichtung jedoch stramm gen 80.000 Euro. Dank 800-Volt-Architektur und entsprechend schnellem Laden eignet sich der geräumige Crossover als probater Langstreckentourer. Feine Materialien und eine exzellente Verarbeitungsqualität untermauern den Premiumanspruch der Marke. Allein bei der Bedienungsergonomie müssten die Koreaner eine Schippe drauflegen.
Datenblatt Genesis GV60 Heckmotor
Abmessungen: (Länge/Breite/Höhe) 4,55 / 1,89 / 1,58 m
Radstand: 2,90 m
Leergewicht (DIN): 2225 kg
Sitzplätze: 5
Gepäckraumvolumen: 680 bis 1460 l plus 53 l Frunk
Motorart: eine Elektromaschine
Getriebe: eine Übersetzung, fest
Systemleistung: 229 PS (168 kW)
Antrieb: Hinteradantrieb
max. Drehmoment: 350 Nm
Beschleunigung 0-100 km/h: 7,8 s
Höchstgeschwindigkeit: 185 km/h
Akkukapazität: 84 kWh
Maximale Ladeleistung (Gleichstrom): 240 kW
Ladeleistung (Wechselstrom): 11 kW
Verbrauch (kombiniert): 16,7 kWh
kombinierte WLTP-Reichweite: 561 km
CO2-Emission kombiniert: 0 g/km
Grundpreis: ab 54.680 Euro