Leben

Angst vor unsicherer Zukunft Generation Y stellt ihren Kinderwunsch infrage

257938337.jpg

Die Angst vor dem Klimawandel lässt immer mehr junge Menschen ihren Kinderwunsch überdenken.

(Foto: picture alliance / Fotostand)

Es ist eine der persönlichsten Entscheidungen, die ein Mensch treffen kann: den eigenen Kinderwunsch zu verwirklichen. Doch immer mehr junge Menschen überlegen, ob sie auf Kinder verzichten wollen - wegen einer globalen und gesellschaftlichen Krise.

Eigentlich wünscht sich Blythe Pepino Kinder. Als sie ihren Freund kennenlernt, hat sie den "überwältigenden Drang, mit ihm eine Familie zu gründen", erzählt die britische Sängerin und Aktivistin dem "Guardian". Doch dann besucht sie eine Veranstaltung der Klimaaktivisten von Extinction Rebellion, die über die katastrophale Realität des Klimawandels sprechen. "Mir wurde klar, dass ich keine Familie gründen kann, obwohl ich das zu dem Zeitpunkt wollte", erzählt sie der britischen Zeitung.

Pepino ist nicht alleine mit der Entscheidung, wegen der Klimakrise keine Kinder zu bekommen. Für immer mehr junge Menschen ist der Klimawandel ein wichtiger Aspekt bei der Familienplanung. Eine weltweite Umfrage hat ergeben, dass 40 Prozent der jungen Menschen wegen der Klimakrise unsicher sind, ob sie Kinder haben wollen. Eine ZDF-Umfrage unter 25- bis 34-Jährigen in Deutschland ergab, dass 13 Prozent der Befragten unsicher sind, ob sie Kinder haben wollen - einer der Hauptgründe für diese Unsicherheit ist die Klimakrise.

Laut einer Studie werden im Jahr 2070 mehr als zwei Milliarden Menschen an Orten leben, an denen die Temperaturen "fast unerträglich" sind. Ein Mensch, der heute 25 Jahre alt ist, wird dann 72 Jahre alt sein. Ein im Jahr 2025 geborenes Kind wird im Jahr 2070 45 Jahre alt sein und damit noch mitten im Leben stehen. Die Prognose des Weltklimarats, dass der Meeresspiegel bis zur Jahrhundertwende um weitere zwei bis drei Meter ansteigen könnte, wenn das 1,5-Grad-Ziel nicht erreicht wird, könnte dieses Kind betreffen. Selbst wenn es gelingt, die Erwärmung auf 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen, muss die Menschheit demnach schon in den nächsten 20 Jahren erhebliche Auswirkungen verkraften.

Die Hoffnungslosigkeit wächst

Die drohenden Auswirkungen der Klimakrise sind für diese Generation keine abstrakte Angelegenheit mehr. Wenn das Pariser Klimaabkommen nicht eingehalten wird, so sind sich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen einig, werden Kipppunkte erreicht, die reale und echte Auswirkungen auf das Leben der Generation Z haben werden, vielleicht sogar auf das ihrer Vorgängergeneration. Und noch mehr auf das Leben ihrer Kinder. Einer Studie zufolge machen sich 96 Prozent der jungen, klimabewussten Menschen Sorgen um das Wohlergehen ihrer potenziellen Kinder.

Denn derzeit deutet vieles darauf hin, dass das im Pariser Abkommen vereinbarte 1,5-Grad-Ziel nicht erreicht wird. Die Welt ist schon heute im Durchschnitt 1,2 Grad wärmer als zu vorindustriellen Zeiten. Beim derzeitigen Tempo der Verbrennung fossiler Brennstoffe bleiben nur noch sieben bis acht Jahre, bis die 1,5-Grad-Grenze überschritten wird. Die Hoffnung, dass sich die globale Klimapolitik schnell genug anpassen kann, ist bei einigen jungen Menschen gering und führt zu Unsicherheiten bei der Familienplanung. "Die Fridays for Future Generation ist frustriert, dass die Reduzierung von CO₂ so langsam verläuft und die Weltklimaziele immer schwerer zu erreichen sind", sagt Martin Bujard, Forschungsdirektor für Familie und Fertilität am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.

Der CO₂-Fußabdruck wird größer

Hinzu kommt die Sorge, durch eigene Kinder noch mehr zum Klimawandel beizutragen. Eine Studie untersuchte, was jeder Einzelne tun kann, um seinen CO₂-Fußabdruck zu verringern. Neben weniger Flugreisen und Fleischessen war die mit Abstand größte Veränderung, ein Kind weniger zu bekommen. Nach den Berechnungen der Studie von 2017 würde jedes neugeborene Kind jährlich 58 Tonnen CO₂ zum Fußabdruck der Eltern beitragen. Zum Vergleich: Der durchschnittliche CO₂-Fußabdruck in Deutschland liegt bei 11,17 Tonnen CO₂ pro Jahr. Die Studie ist jedoch umstritten, da die Berechnungsmethode für diese Zahl infrage gestellt wird.

Auch Thomas Nice, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, sieht die Studie kritisch. "Klar, jeder neue Mensch trägt zum Klimawandel bei", sagt er im Interview mit ntv.de. "Aber statt darauf zu schauen, wie sich ein zusätzlicher Mensch auf den Klimawandel auswirkt, sollten wir viel mehr darauf schauen, wie wir produzieren und konsumieren." Denn nicht alle Menschen tragen gleichermaßen zum Klimawandel bei. Eine Person in Deutschland verursacht jährlich mehr als zehn Mal so viele Emissionen wie jemand in Nigeria.

Selbst wenn in Deutschland, einem Land mit vergleichsweise hohen CO₂-Emissionen pro Kopf, weniger Kinder geboren würden, wäre dies keine Lösung für den Klimawandel, so Nice. Vor allem Länder wie Nigeria zeigen, dass das Bevölkerungswachstum nicht das Problem ist. Dort hat sich die Bevölkerung in den letzten 70 Jahren fast versechsfacht. Aber die Emissionen sind nicht annähernd so schnell gestiegen. "Der Lebensstil ist mehr für den Klimawandel verantwortlich als die Zahl der Menschen - das reichste eine Prozent der Weltbevölkerung verursacht deutlich mehr Emissionen als die ärmsten 50 Prozent", sagt Nice.

"Geburtenkontrolle ist keine Lösung"

Mehr zum Thema

Ob junge, klimabewusste Menschen in Zukunft wirklich keine Kinder mehr bekommen, können Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen noch nicht sagen. Dafür gibt es noch nicht genügend Langzeitstudien. Aber es ist nicht das erste Mal, dass eine Krise eine Debatte über Kinder auslöst, sagt Demografie-Forscher Bujard. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde über den Nahrungsmangel für Kinder diskutiert, in den 1960er und 1970er Jahren war die Überbevölkerung ein Grund, keine oder weniger Kinder zu bekommen. In den 1980er Jahren wurde dann häufig die Angst vor einem Atomkrieg als Argument für den Verzicht auf Kinder angeführt.

Einzelne Menschen mögen aufgrund dieser Krisen beschlossen haben, keine Kinder zu bekommen. Die Geburtenrate wurde dadurch jedenfalls nicht beeinträchtigt. Denn am Ende überwiegen oft die persönlichen Gründe, sagt Nice. "Kinder zu bekommen ist eine der grundlegendsten persönlichen Entscheidungen, die man treffen kann", sagt der Demografieforscher. "Wenn Menschen selber zum Schluss kommen, dass sie keine Kinder haben wollen, ist das natürlich ihr gutes Recht." Er warnt jedoch davor, die Lösung für den Kampf gegen den Klimawandel im Bevölkerungswachstum zu suchen. "Geburtenkontrolle ist keine Lösung für den Klimawandel", sagt Nice.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen