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1,5-Grad-Marke nicht mehr weit Vor diesen Folgen warnen die Klima-Experten

Der Realitätscheck der UN zur Klimakrise fällt düster aus: Die Erde erwärmt sich deutlich schneller als bisher prognostiziert. Das hat laut dem Bericht des Weltklimarats verheerende Folgen - auch für Deutschland.

Der UN-Weltklimarat (IPCC) führt die Folgen der menschengemachten Erderwärmung in seinem neuen Bericht drastischer vor Augen als je zuvor. Meeresspiegelanstieg, Eisschmelze, mehr Hitzewellen, Dürren und Starkregen lassen sich nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen deutlich sicherer vorhersagen als bisher. Die Fakten sind alarmierend. Ein Überblick über die wichtigsten Erkenntnisse:

Schnellerer Temperatur-Anstieg

Der Anstieg der durchschnittlichen Oberflächentemperatur der Erde beträgt in allen von den Experten durchgespielten fünf Szenarien bereits um das Jahr 2030 rund 1,5 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter. Das ist ein ganzes Jahrzehnt früher als bislang angenommen. Bis Mitte des Jahrhunderts wird die im Klimaabkommen von Paris formulierte 1,5-Grad-Grenze demnach überall überschritten werden. "Wir sind von dem 1,5-Grad-Ziel nicht mehr weit entfernt", sagt Co-Autorin Veronika Eyring vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Jedes der vergangenen vier Jahrzehnte sei wärmer als jedes der vorangegangenen Jahrzehnte. Zudem erwärme sich die Erde sehr viel rascher seit 1970.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es in weiter Ferne: Im optimistischsten IPCC-Szenario sinkt die Durchschnittstemperatur nach einem Anstieg über 1,5 Grad bis 2100 wieder auf 1,4 Grad über vorindustriellem Niveau.

Klimawandel ist menschengemacht

Schon im ersten Satz des IPCC-Berichts benennen die Experten klarer denn je die Ursache des Temperatur-Anstiegs und Klimawandels: "Es ist zweifelsfrei, dass der menschliche Einfluss die Atmosphäre, den Ozean und das Land aufgeheizt hat." 2019 sei die CO2-Konzentration in der Atmosphäre höher gewesen als zu jedem anderen Zeitpunkt seit mindestens zwei Millionen Jahren, heißt es in dem Bericht. In früheren Berichten formulierte der IPCC vorsichtiger, es liege "äußerst wahrscheinlich" an der industriellen Aktivität. Doch nun bestehe "keine Unsicherheit [mehr] darüber, dass die globale Erwärmung von menschlicher Aktivität und dem Verbrennen fossiler Brennstoffe verursacht ist", schreibt die Co-Autorin Friederike Otto.

Naturkatastrophen als direkte Folge

Wetterextreme und Naturkatastrophen sind laut Weltklimarat direkt auf die Klimaerwärmung zurückzuführen: Schlimme Hitzewellen, die bisher etwa alle 50 Jahre auftraten, wird es einmal pro Jahrzehnt geben. Tropenstürme werden stärker, Regen- und Schneefälle nehmen zu. Es wird 1,7 Mal so oft wie bisher zu Dürren kommen. Brände werden intensiver und dauern länger.

"Die Daten zeigen ganz klar, dass Klimaextreme mit fortschreitender Erderwärmung zunehmen", sagt die Co-Autorin Sonia Seneviratne von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ). Die jüngste Hitzewelle in Südeuropa und im Westen der USA und Kanadas sowie die Starkregenfälle in Deutschland seien genau das, was den Klimamodellen zufolge immer häufiger zu erwarten ist: mehr Wetterextreme, die bislang ohne Beispiel sind. "Schon sehr kleine Veränderungen in der globalen Erwärmung können sehr große Auswirkungen haben."

Sommer wird in der Arktis eisfrei

Die Arktis ist die Region, die sich den Klimaexperten zufolge am schnellsten erwärmt - mindestens doppelt so schnell wie der weltweite Durchschnitt. Eisschollen auf dem Arktischen Ozean im Sommer werden selbst nach dem optimistischsten Szenario der Forscher bis 2050 verschwinden. Dieser Prozess ist schon seit den 1970er-Jahren im Gang. Die Eisschmelze bewirkt eine Rückkopplung: Während das Eis das Sonnenlicht reflektiert, nimmt die dunklere Wasseroberfläche die Strahlung auf, was die Erderwärmung noch verstärkt.

Rasch steigender Meeresspiegel

Selbst bei Einhalten des 1,5-Grad-Limits wird der Meeresspiegel in Hunderten oder Tausenden Jahren um zwei bis drei Meter und womöglich noch mehr steigen, heißt es in dem Bericht. Die Pegel der Weltmeere sind seit 1900 um etwa 20 Zentimeter angestiegen und allein im vergangenen Jahrzehnt hat sich die Geschwindigkeit des Anstiegs nahezu verdreifacht. Maßgeblich verantwortlich dafür sind die Polareis-Schmelze und die Erwärmung der Ozeane.

Überflutungen von Küsten in einem Ausmaß, das früher nur einmal im Jahrhundert vorkam, passieren bis 2100 jedes Jahr, schreiben die Experten. Anstiege des Meeresspiegels von mehr als 15 Metern bis 2300 sind nicht auszuschließen, wenn Kipppunkte eintreten wie der Verlust der Arktis oder Waldsterben. "Je mehr wir das Klimasystem antreiben, um so wahrscheinlicher überschreiten wir Schwellen, die wir kaum prognostizieren können", warnte Co-Autor Bob Kopp, Klimaforscher an der Rutgers University im US-Bundesstaat New Jersey.

Der Meeresspiegelanstieg ist grundsätzlich unaufhaltsam, wie ein Blick in die weit entfernte Vergangenheit zeigt: Als die Erdatmosphäre das letzte Mal so warm war wie heute, vor etwa 125.000 Jahren, lag der Meeresspiegel fünf bis zehn Meter höher. Aber auf einen langsameren Anstieg kann in Küstennähe besser reagiert werden.

Golfstrom schwächelt

Die Atlantische Umwälzzirkulation, auf die auch der Golfstrom zurückzuführen ist, schwächt sich ab, und dieser Trend wird sich "sehr wahrscheinlich" im Laufe des 21. Jahrhunderts fortsetzen, heißt es im IPCC-Bericht. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler schließen nicht aus, dass die Meeresströmungen, die den globalen Wärmetransfer von den Tropen in die nördliche Hemisphäre regeln, gänzlich zum Erliegen kommen. Dadurch würden die Winter in Europa bedeutend kälter werden.

Natürliche CO2-Senken kommen an ihre Grenzen

In den letzten 100 Jahren hat die Menschheit knapp 2500 Milliarden Tonnen CO2 in die Luft gepustet, welche Wärme zurückhalten und die Welt allmählich aufheizen. Der globale Temperatur-Anstieg sei auf eben diese Treibhausgase zurückzuführen, die mit Abgasen in die Luft gelangt sind, berichtet der UN-Klimarat. Die CO2-Konzentration ist höher als je zuvor in den vergangenen zwei Millionen Jahren. Wälder, Böden und Ozeane, die bislang 56 Prozent der stark gestiegenen Emissionen absorbiert haben, kommen den IPCC-Experten zufolge an ihre Grenzen. Der von ihnen aufgenommene Anteil der ausgestoßenen Treibhausgase wird im Laufe des Jahrhunderts voraussichtlich spürbar abnehmen.

Regionale Folgen

Während der vom Menschen verursachte Klimawandel Extremwetter insgesamt verstärkt, hängen der Ort und die Häufigkeit solcher Ereignisse noch von anderen Faktoren ab, etwa Veränderungen der regionalen Luftströmungen. "Es gab einige Durchbrüche in der regionalen Klimamodellierung", sagt Co-Autor Douglas Maraun von der Uni Graz. In West- und Zentraleuropa, wozu auch Deutschland zählt, werden beispielsweise mehr Überschwemmungen infolge von Regen und über die Ufer tretenden Flüssen erwartet sowie mehr Dürren. Im Mittelmeerraum kombinieren sich Erwärmung, Trockenheit, weniger Niederschläge und höhere Waldbrandrisiken zu einer besonders gefährlichen Mischung. In den Alpen werden sich die "starken Rückgänge bei Gletschern, Permafrost, Schneebedeckung", die bereits beobachtet werden, laut IPCC bei zunehmender Erwärmung fortsetzen.

GAU nicht ausgeschlossen

Der IPCC warnt vor "unwahrscheinlichen, aber folgenschweren" Veränderungen im Klimasystem, sogenannten Kipppunkten: Das komplette Abschmelzen eines ganzen Eisschildes könnte den Meeresspiegel Dutzende Meter steigen lassen. Sibirische Permafrostböden könnten Milliarden Tonnen Treibhausgas freigeben. Der Amazonas-Regenwald könnte zur Savanne werden. "Abrupte Reaktionen und Kipppunkte des Klimasystems (...) können nicht ausgeschlossen werden", heißt es in dem Bericht. Die Folgen wären weitgehend unabsehbar, aber definitiv katastrophal.

Quelle: ntv.de, hny/AFP/rts/dpa

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