"Tatort" und "Polizeiruf 110"Aus. Aus. Aus. Das Spiel ist aus!

Mit "Könige der Nacht" geht es im Ersten von der Schweiz aus direkt in die Sommerpause. Über vier Monate ist sie in diesem Jahr lang. Danke, Infantino! Oder ist die WM etwa gar nicht schuld?
Was würden Trimmel, Finke und Haferkamp wohl dazu sagen? 19 Wochen, also 133 Tage oder 3.192 Stunden beziehungsweise 191.520 Minuten - so lang dauern die Krimi-Ferien in diesem Jahr bei der ARD. Keine neuen Gags aus Münster, keine kalten Fälle aus Frankfurt, nichts mit Currywurst in Köln oder Raufereien in Rostock - die diesjährige, nennen wir es der Form halber "Sommerpause", beim "Tatort" und beim "Polizeiruf 110" beginnt am 3. Mai um 21.45 Uhr und endet - Luft anhalten - am 13. September um 20.15 Uhr. Vom Frühjahr fast bis in den Herbst - der längste Sommer der Welt steht bevor. Der 'Climate Change' hat die Fernsehbildschirme erreicht.
In den seligen 70ern ist davon noch wenig zu sehen. Jahrein, jahraus klopfen Veigl, Marek und Lutz an Türen und Tore, fragen nach Alibis und Uhrzeiten, Mord-Motiven und Familienverhältnissen. Der Unterschied zur Taktung anno 2026: Der "Tatort" flimmert nur einmal im Monat über die Bildschirme, hat also ohnehin vier Wochen Zeit zum Durchatmen. 1980 schließlich die erste echte Sommerpause, fünf Wochen lang, 1983 dann ein erster Vorgeschmack auf das kommende Jahrtausend: 12 Wochen lang hängt das "Leider geschlossen"-Schild im Fenster der "Tatort"-Filiale, ein Rekordwert, der erst 2020 - Remember Covid? - mit 13 Wochen übertroffen wird.
Wöchentlich seit 1996
Mitte der 90er zieht die sonntägliche Taktung schließlich an. Mit dem von 1993 auf den "Tatort"-Sendeplatz gewanderten "Polizeiruf 110" wächst auch in der ARD zusammen, was zusammengehört. Die Wessi-Kommissare legen einen Zahn zu, die Zahl der Teams steigt stetig, 1996 dann die wöchentliche Frequenz, allein im Mai laufen vier "Tatort"-Fälle. Ein Grund für längere Erholungsphasen scheint das immer noch nicht zu sein, ganze zwei Wochen lang müssen Sonntagskrimi-Fans darben, das Alternativprogramm hat es in sich: Am 30. Juni 1996 holt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit einem 2:1-Sieg gegen England den EM-Titel, gekrönt von Oliver Bierhoffs 'Golden Goal' in der 95. Minute - so spannend wäre es nicht mal bei Schimmi oder Lena Odenthal gewesen.
Und so plätschern die Sommerpausen mal mehr, mal weniger bemerkenswert dahin, zwei Wochen anno 1998 und 2003, die Zäsur mit Beginn der Zehner Jahre: 2010 sind es mit fünf Wochen noch normalgebräuchliche Sommerferien, 2011 verdoppeln sich die Urlaubstage mal eben, zehn Wochen dauern sie diesmal, ein Mittelwert, auf dem sich die ARD einpendelt, mit Beginn der Covid-Jahre bleibt es fortan zweistellig. 17 Wochen sind es 2024, in diesem Jahr also 19 Wochen Sommerferien. Nach hinten raus noch etwas anflanschen - und die Pause zöge sich über drei (!) Jahreszeiten.
Und woran liegt's? An Gianni Infantinos All-you-can-eat-WM in den USA, wo es diesmal 39 Tage dauert, bis der Fußball-Weltmeister 2026 ermittelt ist? Zum Vergleich: Anno 1930 brauchte man in Uruguay nicht einmal zwei Wochen, bis Uruguay als erster Titelträger feststand. Cea, Santos Iriarte und Héctor Castro hatten im Finale gegen Argentinien einen 1:2-Pausenrückstand in ein 4:2 verwandelt, die Älteren werden sich erinnern.
Doch die WM allein kann es nicht sein, Curaçao hin, Usbekistan her. Warum also ein derartiges Laissez-faire, die völlige Ignoranz der von Kanzler Merz kürzlich erst ausgegebenen Forderung an das deutsche Volk, doch bitteschön "mehr zu arbeiten"? Die ARD begründet vergleichsweise nebulös: Es handle sich um "eine einmalige Ausnahme aus planerischen Gründen", die "keine generelle Reduzierung der Erstausstrahlungen auf dem beliebten Sonntags-Sendeplatz um 20.15 Uhr" bedeuten würde. Hätten wir das also auch geklärt. In diesem Sinne: Gute Unterhaltung in den kommenden knapp 200.000 Minuten!