VIP VIP, Hurra!"Denn du bist 14": Udo Lindenberg und der Skandal um "Nina"
Die Promikolumne von Verena Maria Dittrich.webp)
Udo Lindenberg wird 80 - und plötzlich gibt es Diskussionen über seinen alten Song "Nina". Ja, manche Lyrics daraus wirken (nicht nur) heute verstörend. Aber seit wann behandeln wir Kunst so, als wäre jeder Songtext automatisch ein Geständnis? Wird jetzt selbst der Panikrocker zum Fall für die digitale Moralpolizei?
"In diesem Land werden langsam alle blöd." Dies ist einer von vielen Kommentaren unter einem Artikel über Udo Lindenberg. Und wenn man sich die ganzen Meinungen rund um die aktuelle Lindenberg-Debatte anschaut, fragt man sich schon ein bisschen ironisch: Na, muss sich der Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre schon wieder einen neuen Helden suchen, nachdem bereits einer seiner einstigen Lieblingsdichter vor geraumer Zeit erfolgreich gecancelt worden ist?
Ja, die Leute sind genervt, denn gerade läuft wieder exakt diese Art von Debatte, bei der man unweigerlich das Gefühl bekommt, dass manche Menschen (alte) Kunst nur noch mit dem moralischen Metalldetektor der Gegenwart absuchen, und zwar so lange, bis es irgendwo piept. Dieses Mal also bei: Udo Lindenberg. Der wird am 17. Mai 80 Jahre alt, aber neben der großen feierlichen Ehrung für einen, der inzwischen so etwas wie Kulturgut ist, reden viele dieser Tage nicht nur über den Mann, der die deutschsprachige Rockmusik geprägt hat wie kaum ein anderer. Es geht auch nicht um den "Sonderzug nach Pankow" oder darum, dass er sich mit dem "Oberindianer Honey" anlegte, sondern um einen Song namens "Nina".
Genauer gesagt über ein paar Lyrics aus dem Jahr 1976, in denen ein erwachsener Mann über ein 14-jähriges Mädchen singt. Viele finden das heute irritierend und verstörend. Verstörend war das aber auch schon 1976! Und es gibt meiner Meinung nach auch nichts daran schönzureden, wenn ein Erwachsener über eine 14-Jährige singt und dabei eine erotische Spannung mitschwingt.
"Denn du bist 14, und das ist zu gefährlich"
Sollte man Lyrics wie diese moralisch fragwürdig finden? Es wäre doch wohl eher seltsam, wenn man dabei gar nichts empfinden würde. Ich glaube aber, dass hier gerade zwei Dinge gleichzeitig wahr sind, und genau daran entzündet sich gerade die ganze Udo-Nina-Debatte.
Manche dieser Text-Zeilen sind aus heutiger Sicht beunruhigend, und damit meine ich nicht "ein bisschen unangenehm", sondern wirklich unangenehm. Und es ist auch verknappt, wenn man dies als Überempfindlichkeit abtut, denn das gesellschaftliche Bewusstsein ist heute schlicht ein anderes als damals. Vieles, was in den Siebzigern oder Achtzigern locker weggelächelt wurde, wird heute völlig zu Recht kritisch betrachtet.
Fakt ist: Die völlige Romantisierung sehr junger Mädchen durch ältere Männer war über Jahrzehnte in Teilen der Popkultur erschreckend normalisiert. Die Rockmusik war voll von Grenzüberschreitungen, sexuellen Machtfantasien und Leuten, die moralisch komplett neben der Spur liefen.
Billy Idol sang "Sweet Sixteen". Bei den Rolling Stones, bei Iggy Pop, bei Led Zeppelin zog sich das Exzesshafte durch die gesamte Musik-Kultur. Der britische Fotograf David Hamilton verarbeitete weichgezeichnete Bilder halbnackter Teenager zu Kunstkalendern für deutsche Wohnzimmer. Sogar bei den frühen Grünen existierten zeitweise erschreckende pädophile Strömungen und Arbeitskreise. Das alles war real. Und genau deshalb ist die Vorstellung absurd, man könne diese Zeiten heute rückwirkend "aufarbeiten", indem man sich auf Social Media über alte Udo-Lindenberg-Lyrics empört und gleichzeitig schon wieder automatisch einen moralischen Vernichtungsprozess eröffnen möchte.
"Skandal! Der soll sich schämen! Der hat kein Denkmal verdient, sondern einen Shitstorm."
Aber Kunst ist eben nicht identisch mit einem politischen Programm oder einem Geständnis. Wenn dem so wäre, könnten wir schlicht und ergreifend die Hälfte der Literatur-, Film- und Musikgeschichte entsorgen. Es gibt unzählige Beispiele, man weiß gar nicht, wo man anfangen sollte.
Mandy Smith: Sie war 13, er war 47
Auch der Schlager spielt hier ganz vorne mit. Nicht zu vergessen die extrem problematische Lolita-Ästhetik der Siebziger, die sich durch Werbung, Film und sogar durch die "Bravo"-Fotostrecken zog, die in den deutschen Kinderzimmern teils an den Wänden hingen. Man muss sich nur alte Ausgaben der Jugendzeitschrift anschauen. Da wurden teilweise 13-, 14-, 15-jährige Stars sexualisiert dargestellt, ohne dass das gesellschaftlich denselben Alarm ausgelöst hätte wie heute.
Erinnern Sie sich beispielsweise noch an Mandy Smith? Es war das Wendejahr 1989, als die Sängerin, damals 18 Jahre alt, den Ex-Bassisten der Rolling Stones, Bill Wyman, heiratete. Kennengelernt hatten sie sich allerdings schon, als sie 13 war und er 47. Zu Recht blickt die Sängerin heute sehr kritisch auf ihre Jugend zurück.
Bei Udo und seinem "Nina"-Song zeigt sich aber auch, wie seltsam viele dieser Debatten inzwischen geworden sind. Im Netz verschwimmen heute nämlich ständig Unterschiede, die eigentlich elementar sind. Zwischen einem Songtext und einer realen Tat, zwischen einer dargestellten Figur und dem Künstler, zwischen geschmacklos, problematisch, strafbar und tatsächlich gefährlich. Diese Unterschiede werden online oft einfach zusammengeschoben, bis am Ende nur noch die Empörung übrig bleibt.
Was an solchen Diskussionen wirklich stört, ist die sich eingeredete Gewissheit der Empörten, auf der richtigen Seite zu stehen. Dieses Gefühl: "Wir sind heute moralisch endgültig angekommen und können nun von oben herab über vergangene Jahrzehnte urteilen." Ist das nicht erstaunlich selbstgerecht?
Nicht auf Linie
Natürlich darf man Vergangenes kritisch betrachten. Man sollte es sogar! Aber man muss eben auch verstehen wollen, aus welcher Zeit bestimmte Kunst kam. Sonst landet man irgendwann bei einer Kultur, die nur noch danach bewertet wird, ob sie den heutigen Social-Media-Moraltests standhält.
Vor allem Rockmusik war exzessiv und oft geschmacklos. Künstler wollten damals gerade nicht pädagogisch korrekt wirken, sondern provokant oder verstörend. Das war schlicht Teil der Ästhetik. Und bei Udo Lindenberg kommt noch etwas hinzu, das diese ganze Debatte fast ironisch wirken lässt: Der Mann war jahrzehntelang eine Figur des kulturellen Widerstands. Jemand, der sich mit echten autoritären Strukturen angelegt hat. Ein Künstler, dessen Auftritte in der DDR zensiert und behindert wurden. Einer, der eben nicht auf Linie war.
Dass nun ausgerechnet so jemand Jahrzehnte später mit einer Art digitaler Moralpolizei kollidiert, hat schon eine gewisse Zeigefinger-Mentalität und auch wieder etwas Autoritäres. Gesellschaften verändern sich. Ob Udo heute noch auf der Bühne "Nina" performen würde, während ihm ein Redakteur eine 14-Jährige zur Seite stellt, die ihn den gesamten Song über anschmachtet: wohl kaum.
Was ich aber wirklich schwierig finde, ist dieses reflexhafte Bedürfnis, immer sofort entweder komplett zu verdammen oder reinzuwaschen. Die Welt ist nun mal komplexer als ein 14 Sekunden langes Tiktok-Aufreger-Video.
Das eigentliche Problem ist meiner Meinung nach die wachsende Unfähigkeit, Ambivalenz auszuhalten. Wenn wir anfangen, alles nur noch danach zu bewerten, ob es moralisch vertretbar ist, verlieren wir irgendwann genau das, was Kunst und Kultur überhaupt erst ausmacht.