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Eine schrecklich kaputte Familie Der Bremer "Tatort" im Schnellcheck

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Der 30. Tatort von Lürsen und Stedefreund hält sich mit allzu offensichtlichen Botschaften angenehm zurück.

(Foto: Radio Bremen/Michael Ihle)

Im Herbst ihrer Kommissarskarriere machen Lürsen und Stedefreund nochmal ein richtiges Fass auf. In "Nachtsicht" bekommen sie es mit Killerautos und Psychopathen, Beinprothesen, missratenen Söhnen und Vätern auf Abwegen zu tun.

Das Szenario

Ein Toter auf der Landstraße. Ein Mord ohne erkennbares Motiv, aber mit einer äußerst verräterischen Hinterlassenschaft am Straßenrand. Das am Tatort gefundene Handy führt Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) zu Kristian Friedland (Moritz Führmann), Autolackierer und Sohn von Beruf. Und seiner Familie, die nach außen hin, nun ja, relativ normal erscheint, im Verlauf des Falles jedoch eine dramatische Schieflage sichtbar werden lässt. Sohnemann lackiert nämlich nicht nur Autos, er hat sich eines auch gleich als Mordmobil mit E-Motor und Sichtfenster im Fußboden umgebaut, mit dem er nächtens junge Männer über den Haufen fährt. Vater Friedland (Rainer Bock) träumt vom Haus in Kanada und will einfach nicht wahrhaben, dass der Kahn doch längst sinkt: Mutter Friedland (Angela Roy), mit Phantomschmerz in den Beinstümpfen, ist todkrank, Junior ein irrer Killer und dass er ihn, von väterlicher Fürsorge und pathologischer Harmoniesucht getrieben, mühselig deckt, ist letztlich auch zum Scheitern verurteilt.

Die eigentliche Botschaft

Das ist der Vorteil dieses Bremer Falls, dem 30. Teamwork von Lürsen und Stedefreund, dass der sich mit allzu offenkundiger Message ganz stark zurückhält. Die Mär von der schrecklich kaputten Familie dockt weder an zeitgeistige Themen noch an allzu gelernte Sozialverstrickungen an, stattdessen lebt das Drehbuch aus der Feder von Stefanie Veith und des kürzlich verstorbenen Matthias Tuchmann von der Chuzpe, dem Affen schaufelweise Zucker zu geben. Dass stark überzeichnete Charaktere, so sie in sich stimmig und spannend auserzählt sind, durchaus überzeugen und unterhalten, haben in der Vergangenheit US-Serien wie "Dexter" oder "Hannibal" eindrucksvoll bewiesen. Auch hier sind die Manierismen, Ticks und Triebe so überzeichnet, dass sie einem "Gibt es das in echt?" eher nicht standhalten würden. Dennoch ist der Plot so rund, so appetitlich mit Splatter und Wahnsinn abgeschmeckt, dass "Nachtsicht" in all seiner Unappetitlichkeit und seinem Psychosen-Mix zu einem der besten Fälle von der Weser zu zählen ist.

Darüber wird in der Mittagspause geredet

Da gibt es einiges: Die schauspielerische Leistung von Rainer Bock etwa, der dem Familienvater zwischen Abgrund und Pflichterfüllung ein fast schmerzhaft nachfühlbares Wesen verleiht. Oder die krankhaft-geniale Mordmaschine, das Elektroauto von Kristian Friedland, eine tarnfarben-angepönte PS-Schleuder zwischen Hasselhoffs "Knight Rider" und Stephen Kings "Christine". Und dann diese Szenen voller Wegguck-Impetus: die Nierenschale mit den blutigen Zähnen, die zermatschten Köpfe, Mutter Friedlands Beinstümpfe und die krude Selbstlosigkeit, mit der ihr Mann versucht, die Familie zusammenzuhalten.

Der Plausibilitätsfaktor

Siehe oben - so etwas wie Plausibilität hat sich "Nachtsicht" nur mit kleinen Buchstaben ins Stammbuch geschrieben, stattdessen soll der geneigte Zuschauer sich hier gruseln und winden, gern auch mal durch die Hand vor den Augen, nur zwischen zwei Fingern durchlugend, dem Geschehen folgen. Wo sich die Fälle des "Tatorts" zuweilen arg sklavisch an Realismus und Ausgewogenheit, aktuellen Bezug und political correctness orientieren, soll diese Geschichte hier im besten Fall schlichtweg fesseln und unterhalten.

Die Bewertung

9 von 10 Punkten. That's Entertainment, nicht mehr und nicht weniger.

Quelle: ntv.de