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Das ist mal ein Bang, Kollegah! Der Echo erliegt dem Echo

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Zwei Rapper aus Düsseldorf bringen den Echo zu Fall: Kollegah (l.) und Farid Bang.

(Foto: imago/Future Image)

Mit Konsequenzen war nach dem Eklat um die jüngste Echo-Verleihung zu rechnen. Damit, dass sie so radikal ausfallen würden, nicht. Der Musikpreis wird abgeschafft. An die Wurzeln des Problems reicht das jedoch nicht heran.

Kollegah und Farid Bang können sich stolz auf ihre ach so definierte Brust klopfen. Nicht nur Provokationen, Tabubrüche und Geschmacklosigkeiten sind schließlich Teil ihres Programms. Einkalkuliert sind auch die Aufregung, die empörten Reaktionen und die Skandalisierung, die das wiederum nach sich zieht. Aber auch die Begeisterung zumeist jugendlicher Hörer, bei denen Grenzüberschreitungen stets gut verfangen. Ein Perpetuum Mobile. Im Namen der Kunst, versteht sich. Und im Namen des Rubels, der so mal so richtig schön ins Rollen kommt.

Ähnlich weit gebracht hat es mit dieser althergebrachten Masche bisher jedoch noch niemand. Jedenfalls, wenn es um den Echo geht. Bislang hatte der noch jede Nominierung oder Auszeichnung auch noch so umstrittener Musiker überlebt. Egal, ob es um die Böhsen Onkelz, Bushido oder zuletzt Frei.Wild ging. Dem mehr oder weniger renommierten Musikpreis - den Echo gab es seit 1992 - endgültig den Todesstoß verpasst zu haben, können sich jetzt dafür die beiden Provinz-Rapper mit ihrer Wahlheimat in der Gangsta-Hochburg Düsseldorf auf die Fahnen schreiben.

"Ein vollständiger Neuanfang"

Damit zieht der Bundesverband Musikindustrie die Konsequenz aus dem verheerenden Nachhall auf die jüngste Preisverleihung vor knapp zwei Wochen. Der Echo erliegt sozusagen dem Echo, das Rücktritte in den Musikpreis-Gremien ebenso einschloss wie den Absprung von Sponsoren, die Rückgabe vieler Trophäen durch diverse Künstler oder aber einen Rüffel durch den Bundesaußenminister.

"Die Marke 'Echo' sei so stark beschädigt worden, dass ein vollständiger Neuanfang notwendig sei", habe der Vorstand des Bundesverbands Musikindustrie festgestellt, heißt es in der zugehörigen Mitteilung. Man wolle keinesfalls, dass der Musikpreis "als Plattform für Antisemitismus, Frauenverachtung, Homophobie oder Gewaltverharmlosung wahrgenommen" werde. Die bedauerlichen Geschehnisse bei der diesjährigen Veranstaltung könnten nicht mehr rückgängig gemacht werden. "Man werde aber dafür sorgen, dass sich ein solcher Fehler in Zukunft nicht wiederhole."

Echo als Sündenbock

Die Selbstkasteiung mag ehrenwert klingen. An die eigentlichen Wurzeln des Problems rührt die nun beschlossene Abschaffung des Echos als Sündenbock jedoch nicht heran. Schon bevor die diesjährige Verleihung über die Bühne ging und der allgemeine Sturm der Entrüstung erst so richtig losbrach, konnte man über die Bigotterie auf allen Seiten eigentlich nur noch den Kopf schütteln.

Man mag sich ja über Musiker mit Hirnen definiert wie Spülschwämme echauffieren. Vom Himmel fallen sie und ihr Erfolg jedoch nicht. Hinter ihnen stehen Labels, in diesem Fall sogar ein sogenanntes Major-Label, Musikmanager und Marketing-Budgets. Das letzte "Bravo"-Interview von Kollegah, das man beim spontanen Googeln findet und in dem er unter anderem über ein "wirklich verrücktes Sex-Angebot" spricht, erschien vor drei Jahren - in dem Jahr, als etwa auch sein Album mit einem so jugendgerechten Titel wie "Zuhältertape Vol. 4" erschien.

Kollegah wiederum wetterte nach der Kritik an seiner Echo-Nominierung auf seinem Youtube-Kanal gegen "Bild, RTL und Co - die Medien gegen Kollegah und Farid Bang". Vor ein paar Jahren hatte er dagegen bei Facebook noch stolz einen Link zum "Bild"-Interview mit ihm unter der Überschrift "So tickt der Wiesbadener Super-Rapper" gepostet. Dass besagtes Major-Label, das das bei der jetzigen Echo-Verleihung in die Schusslinie geratene Album "Jung, Brutal, Gutaussehend 3" mitveröffentlichte, die "Bertelsmann Music Group" war, hat er wohl auch vergessen. Die gehört wie RTL zum Bertelsmann-Unternehmen. Ebenso wie der Sender Vox, der die Echo-Verleihung übertrug, und n-tv übrigens auch.

Vom Milchbubi zum Guru

*Datenschutz

Um sich einen Eindruck von Kollegahs wirrer Gedankenwelt zu machen, genügt es, sich besagtes Youtube-Video anzugucken. Der 33-Jährige, der vor nicht allzu langer Zeit noch aussah wie ein Milchbubi, ist mittlerweile Experte darin, sich bedeutungsschwanger wie ein Sektenguru zu geben und eine absurde Verschwörungstheorie an die andere zu reihen. Oder ist es gar nicht so wirr, sondern ebenso ein kalkulierter Schachzug beim Kampf um jugendliche Hörer, die auf dergleichen ebenfalls besonders gut einsteigen?

Sei's drum. Eine Demokratie muss und wird das aushalten. Ebenso ist die Kunstfreiheit, auf die sich Kollegah und Farid Bang berufen, tatsächlich ein hohes Gut. Um zu zeigen, wie haarig das bisweilen sein kann, muss man gar nicht immer auf den Deutschrap oder (vermeintlichen) Rechtsrock einprügeln. Als Die Ärzte etwa in den 80ern über "Geschwisterliebe" sangen, Die Fantastischen Vier wenig später in "Frohes Fest" pornografisch vor sich hin rappten oder Rammstein in den 90ern im "Stripped"-Video mit eindeutiger Nazi-Ästhetik hantierten, hatte auch das Indizierungen und Entrüstungen zur Folge.

Rammstein waren es auch, die gegen eine Indizierung ihres Albums "Liebe ist für alle da" wegen des Songs "Ich tu dir weh" durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien juristisch erfolgreich vorgingen. Begründung des Gerichts: die grundgesetzlich garantierte Kunstfreiheit.

Mit den Worten Westernhagens

Über eine mögliche Indizierung von "Jung, Brutal, Gutaussehend 3" berät die Bundesprüfstelle derzeit noch. Rein rechtlich hätten Kollegah und Farid Bang jedoch vermutlich ebenfalls gute Chancen, mit ihren Textzeilen der Marke "Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen" oder "Mache wieder mal 'nen Holocaust, komm' an mit dem Molotow" durchzukommen. Dass ausgerechnet an ihnen nun der Echo zu Grunde geht, hat allerdings zwei gute Gründe.

Der eine liegt auf der Hand und hat mit der deutschen Geschichte zu tun. Dass hierzulande auf Aussagen, die antisemitisch und den Holocaust verharmlosend daherkommen, besonders sensibel reagiert wird, ist gut, wichtig und richtig. Der zweite Grund ist der, dass die Grenze der Tabubrüche mittlerweile derart nach vorne geschoben wurde, dass ein Song wie "Geschwisterliebe" heutzutage schon beinahe wie Kindergeburtstag anmutet. Oder um es mit Marius Müller-Westernhagen zu sagen: "Es geht im Kern um den Zerfall einer kultivierten Gesellschaft, der zunehmend der innere moralische Kompass abhandenkommt." Das muss der eigentliche Gegenstand der Diskussion sein, auch in der Musik. Die Abschaffung des Echo ist da nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Quelle: n-tv.de

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