Unterhaltung

Gott, lass ihn (nicht) sterben! Der Selbstmörder ist immer der Gärtner

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Gärtner (Matthias Habich, links) will selbst über seinen Tod bestimmen.

(Foto: ARD Degeto/Moovie GmbH/Julia Terjung)

Die ARD hat "Gott" von Ferdinand von Schirach gezeigt. Das Stück verhandelt die Frage, ob es ein Recht auf (assistierten) Selbstmord gibt. Das Publikum ist mit großer Mehrheit dafür. Was nach Ausstrahlung des Films nicht verwundert.

"Gott" ist ganz kurz vor dem Ende, da wendet sich die Vorsitzende des Ethikrates, gespielt von Barbara Auer, nochmals an die Zuschauer und sagt: "Herr Gärtner ist 78. Würden Sie das Medikament einer 30-jährigen Frau geben?" Das Arzneimittel, das sie meint, lindert keine Schmerzen oder Krankheit, sondern ist, so Gott will, tödlich. "Es geht hier ausschließlich um ihre persönliche Einstellung, nicht um das Recht. Wir sind im Ethikrat und nicht im Gerichtssaal."

Das geneigte Fernsehpublikum hat drei Sekunden Zeit, inne zu halten und den soeben beendeten 90-minütigen Schlagabtausch über das Recht auf (assistierten) Suizid sacken zu lassen, da taucht Frank Plasberg auf und heißt zu seiner Sendung "Hart aber fair" "herzlich willkommen". Es ist, als verlässt man (oder frau) ein Theater und landet direkt im Shopping-TV. Plasberg sagt in der Tonlage eines Verkäufers: "Erst einmal brauchen wir Ihre Entscheidung. Stimmen Sie jetzt ab über die Frage: Soll Herr Gärtner das tödliche Medikament bekommen? Das geht online auf w - w - w - Punkt - hier - minus - abstimmen - Punkt - de. Oder per Telefon."

Ebenso krass ist der Kontrast zwischen dem fiktiven Rentner Richard Gärtner (Matthias Habich), der im ARD-Film "Gott" sterben will, und Plasbergs realem Gast Olaf Sander, der seiner Mutter half, die Erde für immer zu verlassen. "Ich habe meine Mutter nicht getötet, das hat sie selbst gemacht", sagt er und berichtet, wie "mutterseelenallein" er sich - im wahrsten Sinne des Wortes - fühlte, als sie sich das Leben nahm und er ihr dabei assistierte. Danach sei er rasch in eine Spielothek gegangen in der Absicht, gefilmt zu werden, um bei Bedarf nachweisen zu können, zuletzt nicht bei ihr gewesen zu sein. Denn die Rechtslage will es so, dass man jemanden unter Umständen beim Suizid unterstützen darf, aber verpflichtet ist, ihn zu retten. Sonst ist es unterlassene Hilfeleistung. "Niemand hat mich aufgefangen", berichtet Sander. Vier Jahre ist das her, bereuen tut er es nicht, wie der 44-Jährige betont. "Ich fühle mich gut, ich habe überhaupt kein schlechtes Gewissen."

Der Gegensatz ist deshalb so scharf, weil Sanders Mutter - ebenso wie Gärtner - nicht mehr leben wollte, sie aber - anders als Gärtner - schwer krank war und wohl qualvolle letzte Monate vor sich hatte, die sie lieber nicht mehr erleben wollte. Es geht also um den Unterschied zwischen dem Recht auf Freitod sowie dem Rechtsanspruch auf einen assistierten Suizid und welche Rolle Ärzte dabei spielen (dürfen oder sollen).

Das Sterben soll auch gelingen

Der Film beruht auf dem gleichnamigen Theaterstück des Schriftstellers Ferdinand von Schirach, dem es schon 2016 mit "Terror" gelang, ein brisantes gesellschaftspolitisches Thema als Drama zu bearbeiten. Darin wird einem fiktiven Kampfjet-Piloten der Prozess gemacht, der ein von Terroristen gekapertes, mit 164 Passagieren besetztes Flugzeug vom Himmel schoss, um zu verhindern, dass es über ein mit rund 70.000 Zuschauern volles Fußballstadion abstürzt. Die Frage lautete: Mord oder nicht schuldig? Auch "Terror" verfilmte die ARD und ließ das Publikum abstimmen. 86,9 Prozent der Zuschauer sprachen den Piloten frei.

In "Gott" möchte Gärtner von seiner Hausärztin (Anna Maria Mühe) eine tödliche Dosis Schlafmittel, was sie ihm verweigert wird, weshalb "der Fall" vor dem Ethikrat landet. "Bis auf ein paar Alterszipperlein bin ich eigentlich ziemlich gesund", erklärt der Rentner. Doch seit seine Frau Elisabeth vor drei Jahren an einem "Hirntumor so groß wie ein Tischtennisball" starb, möchte auch er das Zeitliche segnen. Und das, obwohl der Senior zwei Söhne und drei Enkelkinder hat, die von dem Todeswunsch wissen. "Sie fehlt mir", sagt Gärtner in fünf Varianten. Nun könnte man denken: Mensch, wenn du überhaupt nichts mehr Schönes im Leben siehst, dann nimm doch Schlaftabletten. Aber das will der Rentner auch nicht. Er möchte einen schönen Tod haben, sprich: einen assistierten Suizid mit Todesgarantie.

"Gott" leuchtet die Rechtslage in jeder Richtung aus. Das engt die Schauspieler leider Gottes enorm ein. Die Vorsitzende des Ethikrates sagt: "Hier ist niemand angeklagt." Schließlich ist man "nicht im Gerichtssaal". Nur wähnt man sich 90 Minuten in einem solchen, was vor allem an der Rolle von Gärtners Anwalt Biegler (Lars Eidinger) liegt. Damit das Theaterstück ein bisschen mehr nach Film ausschaut, muss der juristische Überflieger wie in amerikanischen Hollywood-Gerichtsdramen andauernd rumlaufen und ein bisschen frech sein, so dass er selbst Rechtsprofessorin Litten (Christiane Paul) zwingt, sich seitlich zu ihm umzudrehen, wenn sie sein Gesicht sehen will. Unbegreiflich, warum sie es tut.

Dialoge wirken steril

Schirach fasziniert dadurch, dass seine Stücke zwar überaus vorhersehbar, aber dennoch spannend sind. Man ahnt, bald warnt ein Gegner des assistierten Suizides vor der Gefahr des Dammbruchs, wenn dem Lebensmüden nachgegeben werde. Und erklärt dann tatsächlich der Theologe (Ulrich Matthes), dass er die "Gefahr des Dammbruchs" sieht, stört es nicht. Schirach verpackt das Erwartbare in geschliffene und kluge Dialoge. Die durchgehend erstklassigen Schauspieler schwingen die Moral- und Ethikkeulen, mit allem was die deutsche Sprache, die Bibel und das Strafgesetzbuch hergeben. Trotzdem oder gerade deshalb stellt sich nach einer gewissen Zeit auch Langeweile ein.

Das Stück ist gut konzipiert, aber zugleich auch öde. Der simple Grund: Obwohl es sich um ein zutiefst menschliches Thema handelt, bleiben die Wortgefechte seltsam steril. Ein Zwischenruf "Das ist doch krank" zu Beginn, als Gärtners Wunsch offenbar wird, wirkt regelrecht unglaubwürdig als Ausbruch einer Emotion. Nicht falsch verstehen: "Gott" mangelt es nicht an Kitsch und Gefühlswallungen. Das passt schon. Aber dass die psychologischen und sozialen Aspekte hinter Suiziden so gut wie keine Rolle spielen, ist schade.

70,8 Prozent der Zuschauerinnen und Zuschauer waren dafür, dem rüstigen Rentner das Schlafmittel auszuhändigen, 29,2 Prozent dagegen. Wäre das Votum auch so klar ausgefallen, wenn einer seiner Söhne oder Enkel in der Sitzung gesagt hätte: "Papa/Opa, bitte verlass uns nicht, wir brauchen dich noch"? Wie auch immer: Der Film hat sicher viele Menschen begeistert. Denn wie formulierte es Christiane Paul in einem Begleit-Video zu dem Film: "Interessanterweise ist die Thematik derzeit total interessant." Stimmt. Also: Lieber Gott, lass von Schirach noch viele viele Jahre am Leben und weitere Stücke schreiben, die bewegen.

Quelle: ntv.de