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Stan Lee wurde 95 Jahre alt Der menschliche Superheld ist tot

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Stan Lee mit einer seiner bekanntesten Schöpfungen, Spider-Man.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Seine Figuren haben Superkräfte und menschliche Schwächen. Sie strahlen in ihren Verkleidungen und verzweifeln an ihrer Macht. Stan Lee hat die Comicwelt beeinflusst wie wenige andere Künstler. Nun stirbt er mit 95 Jahren.

1939, da hatte er gerade die Highschool abgeschlossen, heuerte Stan Lee als Assistent im Verlag eines Onkels an. Dieser hatte bisher vor allem Pulp-Magazine herausgebracht, wollte aber angesichts des Erfolgs von Superman und Batman auch im Comicgeschäft mitmischen. Lee machte mit. Und wie er das tat - es wurde sein Lebensinhalt. Vom Assistenten stieg er schnell zum Redakteur auf, zum Chefredakteur und schließlich zum Herausgeber. Und zur Legende.

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Vermutlich ist Stan Lee der einzige Comicautor, der es in Sachen Mythos und Image mit den Figuren aufnehmen kann, die er geschaffen hat. Und das sind nicht wenige: Iron Man und Thor, Spider-Man und Doctor Strange, Hulk und die Fantastischen Vier, Black Panther und die X-Men - sie alle stammen aus der Feder von Lee. Lebendig wurden sie in der Zusammenarbeit mit kongenialen Zeichnern wie Jack Kirby, dem kürzlich gestorbenen Steve Ditko und vielen anderen.

In den 60er-Jahren stießen sie eine Revolution im Comicbereich an, die bis heute nachwirkt: Statt strahlender Helden stellten sie normale Menschen in den Mittelpunkt ihrer Geschichten, die eher durch Zufall zu ihren Superkräften kommen und nicht selten mit ihnen hadern: Teenager, Außenseiter, Spinner, die wie jeder andere Liebeskummer haben, Familienprobleme oder Geldsorgen. Und die keinesfalls so moralisch integer sind, wie man das von früheren Helden erwartete.

Flapsige Sprüche statt Moralpredigten

Dementsprechend legte Lee seinen Figuren auch keine hochtrabenden moralischen Predigten in den Mund, sondern traf mit flapsigen Sprüchen und lockeren Kommentaren den Zeitgeist der 60er - deren politische Wirren er auch immer wieder aufgriff. Durch fantasievolle Handlungen und actionreiche Zeichnungen schien jedoch stets auch eine zutiefst humanistische Botschaft durch: Egal, wie allein oder ausgestoßen er sich fühlt - jeder Mensch ist etwas Besonderes, hat eine Begabung oder eine unbezwingbare Kraft.

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Stan Lee (o.) 1976 mit Zeichner John Romita.

(Foto: AP)

Lee, der 1922 als Sohn rumänisch-jüdischer Einwanderer in New York geboren wurde und in ärmlichen Verhältnissen in der Bronx aufwuchs, dürfte dabei auch eigene Erfahrungen verarbeitet haben. Und er traf einen Nerv: Der Erfolg dieser neuen Generation von Comic-Helden war gewaltig. Aus der kleinen Comicabteilung im Verlagsgeschäft des Onkels wurde Marvel, der Comic-Großverlag und schließlich das Multimedia-Unternehmen, das heute zu Disney gehört und einen Kino-Blockbuster nach dem anderen abliefert.

Lee und die Zeichner schufen Hunderte Figuren, die auf der Erde leben oder im Weltall. Vor allem in den 60ern absolvierte er als Chefredakteur ein gewaltiges Pensum, betreute nahezu alle Comicserien des Verlags parallel. Das gelang ihm nur mithilfe der "Marvel-Methode", die so legendär wie umstritten ist: Lee schrieb keine ausführlichen Drehbücher für die Comic-Hefte, sondern legte die Handlung nur in Grundzügen fest. Die Ausarbeitung überließ er dann Kirby oder Ditko, deren Zeichnungen stilbildend für ganze Zeichnergenerationen wurden. Erst am Ende setzte Lee dann die Dialoge in die fertigen Bilder ein.

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Meister der Selbstdarstellung: "Stan Lee for President" steht auf diesen Buttons.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Wer welchen Anteil an Entstehung und Erfolg der Marvel-Helden hat, lässt sich deshalb heute kaum noch nachvollziehen. Schon damals sorgte das für Konflikte, heute auch für Rechtsstreitigkeiten. Lee trug seinen Teil dazu bei, weil er in der öffentlichen Wahrnehmung oft im Vordergrund stand. Mit seiner coolen Art, Schnurrbart und Fliegerbrille pflegte er sein Image als Stan "The Man" und bewies sein Talent zur Selbstdarstellung. Das ärgerte die Künstler, die ihre Tage am Zeichentisch verbrachten. Sowohl Kirby als auch Ditko verließen Marvel im Streit.

Das Gesicht von Marvel

Lee aber blieb. Lange Zeit war er als Autor die Stimme von Marvel, bis heute ist er das Gesicht der Firma. Feilte er zunächst als Redakteur und Kolumnist an seinem Image oder indem er die Fanpost beantwortete, tat er es später auf Comicveranstaltungen oder in Fernsehsendungen. Und im Kino: In nahezu allen Marvel-Produktionen der letzten Jahre war er dabei. Die so kurzen wie witzigen Cameo-Auftritte wurden von den Fans stets sehnsüchtig erwartet.

Daneben blieb er bis ins hohe Alter kreativ, entwickelte neue Stoffe und Figuren für Comic, TV und Kino - und arbeitete sogar für den großen Konkurrenten DC Comics. Doch auch außerhalb der Comicszene, wo er längst als Legende verehrt wird, wurde Lees Wirken anerkannt. Er erhielt einen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame und wurde 2008 mit der National Medal of Arts ausgezeichnet, der höchsten Kunstauszeichnung, die die US-Regierung zu vergeben hat.

Es war eine Würdigung für einen Autor, der Generationen von Lesern mit seinen Geschichten berührt und unterhalten, der sie in New Yorker Häuserschluchten und weit entfernte Galaxien entführt hat. Der seinen Figuren fantastische Kräfte verlieh, sie aber stets Menschen bleiben ließ. Am Montag ist Stan Lee im Alter von 95 Jahren in Los Angeles gestorben.

Quelle: n-tv.de

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