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Jack "King" Kirby wäre 100 Der König der Superhelden

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Jack Kirby Anfang der 90er Jahre in seinem Zuhause in Kalifornien.

(Foto: Susan Skaar / CC BY-SA 3.0, creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)

Iron Man, Thor und die "X-Men" sind heute fester Bestandteil der Popkultur. Ihr Schöpfer überwarf sich jedoch einst mit dem Verlag Marvel, weil er sich schlecht behandelt fühlte. Dabei war Jack Kirby einer der wichtigsten Comic-Künstler aller Zeiten.

Was Jack Kirby wohl sagen würde, wenn er heute Iron Man und Thor, Professor X und Magneto auf der Kinoleinwand sehen würde? Er wäre vermutlich stolz, hat er die Figuren doch geschaffen, ihnen ihr Aussehen gegeben und sie in etliche Abenteuer geschickt. Und er wäre wohl erstaunt, wie nah die Filme dank digitaler Tricks der Action und Phantasie seiner Zeichnungen kommen.

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Zwei klassische Cover von Kirby aus den 60ern für die "Avengers" und die "Fantastic Four".

(Foto: Panini Comics)

Dass diese und viele weitere Figuren, die heute Film- und Fernsehhelden sind, weitgehend noch genauso aussehen wie in den Comicheften der 60er Jahre - auch das ist Kirbys Verdienst. Er hat zeitlose Klassiker geschaffen, denen die Zeit wenig anhaben kann. Und die heute noch sowohl Leser als auch Zuschauer in ihren Bann ziehen.

Jack Kirby wird von Fans schlicht "King" genannt, der König. Er ist einer der bedeutendsten und einflussreichsten Zeichner der Comicgeschichte. Denn in den 60er Jahren schuf er bei Marvel zusammen mit Autor Stan Lee jene Figuren und Serien, die die Comicwelt kräftig umkrempelten und bis heute prägen: "Die Fantastischen Vier", die "Avengers" und die "X-Men". Mehr noch: Sein dynamischer Zeichenstil wurde zum Vorbild, zur Stilbibel für alle Marvel-Zeichner und bald auch die Künstler anderer Verlage. Wie kein anderer Zeichner drückte er mit seinem Strich dem Genre der Superhelden-Comics seinen Stempel auf.

Dabei hatte der vor 100 Jahren als Jacob Kurtzberg geborene Sohn österreichischer Einwanderer bereits eine veritable Karriere hinter sich, als er in den 60ern seinen künstlerischen Höhepunkt erlebte. Er hatte sich bereits als Kind das Zeichnen selbst beigebracht. Ab Mitte der 30er Jahre kam er über Cartoons, Zeitungsstrips und Zeichentrickfilm zur damals boomenden Branche der Comichefte.

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Beispiele für frühe Werke Kirbys in einer Ausstellung.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Jahrelang arbeitete Kirby als freischaffender Zeichner, etwa für die Vorläufer der Comicgiganten Marvel und DC, aber auch im Studio von Will Eisner und für seinen eigenen, kurzlebigen Verlag. Er schuf Figuren und Serien in den unterschiedlichsten Genres: Abenteuer und Western, Horror und Science-Fiction, Humor und Kindercomics. Darunter waren große Erfolge: Zusammen mit seinem langjährigen Geschäftspartner Joe Simon schuf er 1941 Captain America, den er in den Kampf gegen Hitler schickte - so wie Kirby später selbst an die Front des Zweiten Weltkriegs zog. In den 50ern erfand er mit Simon das Genre der Romantik-Comics, das viele Nachahmer fand.

Die Superhelden-Revolution

Doch es sollten Superhelden sein, mit denen Kirby zur Legende wurde. Zurück bei Marvel legte er ab 1961 zusammen mit Chefredakteur und Autor Stan Lee den Grundstein für den Erfolg des Verlags: Ihr erster großer Wurf, "The Fantastic Four", war nicht nur eine Gruppe von Superhelden. Sie hatte nebenbei auch noch mit alltäglichen Problemen zu kämpfen: Liebeskummer, Streit mit Freunden oder das Hadern mit den eigenen Fähigkeiten. Dieser Ansatz revolutionierte die Superheldencomics. Strahlende, unbesiegbare Helden wie Batman und Superman waren out. Gefragt waren nun Figuren, die zwar unvorstellbare Dinge vollbringen können, aber dennoch Menschen mit Problemen, Schwächen und Ängsten bleiben.

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Auch der Silver Surfer gehört zu den Marvel-Schöpfungen von Kirby.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Angestachelt vom großen Erfolg der "Fantastischen Vier", für die Kirby auch Figuren wie Doctor Doom und den Silver Surfer schuf, kreierten die beiden viele der wichtigsten Charaktere des Verlags: Thor, Hulk und Iron Man, aus denen die "Avengers" hervorgingen, dazu die erste Generation der "X-Men" mit Professor X und Magneto und später die "Inhumans" und Black Panther, der erste schwarze Superheld der Mainstream-Comics.

Doch nicht nur die Figuren führten zum großen Erfolg von Marvel, sondern auch die Qualität von Kirbys Zeichnungen. Er arbeitete stets pragmatisch und effizient. Anders hätte er die Masse an Aufträgen - er arbeitete meist an mehreren Serien gleichzeitig - wohl nicht bewältigen können. Er verzichtete auf überflüssige Striche und ausgefeilte Hintergründe, wenn sie nicht der Geschichte dienlich waren. Sein Augenmerk legte er dafür auf die Figuren und deren Dynamik sowie auf actionreiche Szenen. Kirbys moderne Stilmittel, die er vom Film übernommen hatte, begeisterten - zusammen mit Lees lockerer Sprache - eine neue Generation von Comiclesern.

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Für Marvels Konkurrent DC erdachte Kirby die Serie "Kamandi" - hier eine Originalseite.

(Foto: imago stock&people)

Charakteristisch für Kirbys Stil ist etwa das Spiel mit der Perspektive, indem er etwa die Hände seiner Helden nach vorn greifen lässt, in Richtung der Leser. Oft hat man so das Gefühl, die Figuren würden jeden Moment aus der Seite springen. Hinzu kommen Schraffuren, die die Räumlichkeit unterstreichen und die Darstellung von Bewegung durch Linien. Er war innovativ: Der "Kirby Krackle" zur Darstellung von Energie und Strahlung wurde sprichwörtlich. Kirbys Werke bestechen zudem durch seine übersprudelnde Phantasie, einer Mischung aus mythischen Symbolen, biblischer Wucht und Science-Fiction. Er entwarf ja nicht nur die Hauptfiguren, sondern auch Nebendarsteller und Schauplätze, ja ganze Welten, die bis tief in den Weltraum reichen. So entstand ein Universum, das heute im Kino fröhliche Urstände feiert.

Streit um die Urheberschaft

Damit nicht genug: Unbestritten ist, dass Kirby auch großen Anteil an der Gestaltung der Charaktere und den Geschichten hatte. Eigentlich wäre Lee als Redakteur dafür zuständig gewesen. Doch angesichts der Masse neuer Serien, die Anfang der 60er aus dem Boden schossen, war er schlicht überlastet. Er ging dazu über, die fortlaufenden Storys in wenigen Sätzen zu skizzieren. Die Ausgestaltung überließ er dann Zeichnern wie Kirby, der die Geschichte oft erst beim Zeichnen selbst entwickelte. Lee schrieb dann die passenden Dialoge in die fertigen Zeichnungen.

Angesichts dieser Zusammenarbeit lässt sich heute nur schwerlich nachvollziehen, wer welchen Anteil an der Gestaltung der Hefte hatte. Die Frage der Urheberschaft war später auch Thema juristischer Auseinandersetzungen, in denen Kirby und seine Kinder jedoch unterlagen. Ihn wurmte zunehmend, dass er in der öffentlichen Wahrnehmung im Schatten von Lee stand, einem Meister der Selbstdarstellung und Eigenvermarktung - der noch heute in jeder Marvel-Comicverfilmung einen kleinen Cameo-Auftritt hat.

Die fehlende Würdigung war einer der Gründe, warum es zum Bruch kam. 1970 verweigerte Kirby die Unterschrift unter einen Vertrag, der ihn wohl benachteiligt hätte. Er verließ Marvel und ging zum großen Konkurrenten DC, wo er mit der "Fourth World"-Saga an die alte Schaffenswut anknüpfte, aber nur mäßigen Erfolg hatte. 1976 wechselte er wieder zu Marvel, doch auch das ging nicht lange gut. Kirby wandte sich erst dem Animationsgeschäft zu und zeichnete ab den 80ern - als sein Werk neu entdeckt und endlich auch gewürdigt wurde - bis zu seinem Tod 1994 für verschiedene Verlage.

Mehr als 25.000 Comicseiten hat Kirby in seinem Leben geschaffen - ein enormes Konvult. Anders als in den 60ern wird seine künstlerische Leistung heute kaum noch verschwiegen. Es darf vielmehr bezweifelt werden, ob Marvel auch ohne die Arbeit Kirbys so erfolgreich gewesen wäre. Sein Bruch mit Marvel 1970 markiert sogar das Ende einer Comicepoche: der sogenannten Silver Age of Comic-Books, des Silbernen Zeitalters der Comichefte. Jack Kirby hat dieses Zeitalter als König regiert.

Quelle: n-tv.de

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