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"Leave no one behind" Die Selbstvergessenheit der Spitzenverdiener

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Der Schauspieler Richy Müller distanzierte sich inzwischen von #allesdichtmachen.

(Foto: picture alliance/dpa/Internetaktion #allesdichtmachen via YouTube)

Die Rechtfertigungen und Rückzugserklärungen der Schauspieler von #allesdichtmachen machen die Videos kein Stück besser. Erst wird die Querdenker-Szene bedient, nun das linke Lager mit absurder Kapitalismuskritik. Aber auch die Reaktionen auf die Videos sind hanebüchen.

Vor zwei Monaten gab es eine tolle Kunstaktion auf Straßen und Plätzen in Berlin, Hamburg und Baden-Baden. Vitrinen, in denen normalerweise Werbung hängt, präsentierten Fotos von Künstlerinnen und Künstlern unterschiedlicher Genres und Bekanntheit. Abgelichtet wurden die 52 Leute, unter ihnen Katharina Thalbach, Alexandra Kamp, Lars Eidinger und Rammstein-Keyboarder Flake, von Fotografen der Berliner Kult-Agentur Ostkreuz.

Die Beteiligten zeigten auf sehr eigene und mitunter eigenartige Weise, wie sie sich in diesen hässlichen Corona-Zeiten fühlen. Der Sänger Max Raabe etwa stand in nachdenklicher Pose allein und verlassen auf einer Bühne. Passend zum Zeitgeist des Schwarz-Weiß-Denkens ist das Foto in Schwarz-Weiß. Die Aktion hieß "Miss you" und hatte eine klare Aussage. Die Protagonisten wollten sagen: Wir vermissen euch, unser Publikum - und wir alle vermissen Theater, Museen, Kinos, Konzertsäle, Galerien als Orte sozialer Begegnung.

Die Ausstellung fand zwar im öffentlichen Raum statt, wurde aber medial kaum wahrgenommen, geschweige denn diskutiert. Ihr fehlte das Provokante, das Sarkastische, das Böse, das Zynische, das Weltbewegende, das Spaltende. Anders hingegen die Kampagne #allesdichtmachen, die auch Kunst sein will, aber zu künstlich ist, um Kunst zu sein. Wären die Clips Ausdruck innerer oder äußerer Not, könnte man Verständnis zeigen. Erinnert sei hier an den Zornesausbruch des Jazz-Trompeters Till Brönner im Oktober 2020. Seine Botschaft sprach er im Namen aller Kolleginnen und Kollegen: "Es geht hier nicht um Selbstverwirklicher, die in ihrer Eitelkeit gekränkt sind. Es geht um uns alle."

Das sprach im Gegensatz zu #allesdichtmachen für sich. Auch - und gerade - in elenden Zeiten müssen Mittel wie Satire, Sarkasmus und Zynismus erlaubt sein, um Frust abzulassen und Missstände anzuprangern. Das Grundübel der Videos von Jan Josef Liefers und Co ist ihre Ziellosigkeit und das völlige Fehlen jedweder Ideen und Lösungsansätze. Was sollte mitgeteilt werden außer vielleicht: alles Scheiße in der Merkel-Diktatur. Schon deshalb ist es ein Leichtes, die Kampagne mit der AfD-Populismus-Keule kurz und klein zu hauen.

"Leute. Bitte."

Einzeln betrachtet, ist das eine oder andere Video so etwas wie mehr oder weniger lustige und berechtigte Kritik an Corona-Maßnahmen, Denunziantentum und Panikmache. In geballter Ladung vermitteln die Filme aber das Weltbild der Maskenverweigerer und Untergangsfanatiker. Der Schauspieler Hans-Jochen Wagner fasste es punktgenau zusammen: "Ich verstehe diese Aktion nicht. Weder inhaltlich noch zu diesem Zeitpunkt. Aber bitte, es gibt das Recht zur freien Meinungsäußerung. Peinlich finde ich es trotzdem." Seiner Kollegin Sandra Hüller reichten zwei Mini-Sätze: "Leute. Bitte."

Schade, dass nicht alle so unaufgeregt reagierten wie Wagner und Hüller. Der Furor, den "das Netz" ergriff, ist ebenso kontraproduktiv, wie es die Videos sind. Moralische Eiferer forderten prompt soziale Hinrichtungen. Unfassbar, dass ein WDR-Rundfunkrat darüber nachdachte, die Zusammenarbeit mit den beteiligten Künstlern "aus Solidarität" mit "wirklich unter Corona und den Folgen" Leidenden "schnellstens" zu beenden. Das ist wie eine Bestätigung dessen gewesen, was Nina Gummich in ihrem Clip beklagt, wenn sie ironisch vom Ende der Meinungsfreiheit redet.

Dabei zeigten mehr als 50 Schauspielerinnen und Schauspieler, dass sie sagen "dürfen", was sie wollen. Andere "dürfen" dagegenhalten. Das ist der Kern der Demokratie. Das Problem ist die Art und Weise der Reaktionen. Die Protagonisten von #allesdichtmachen in die rechte Ecke zu bugsieren, ist grotesk. Volker Bruch war Mentor einer Spendenaktion "Los für Lesbos", die seinen Angaben zufolge rund 712.000 Euro für das Flüchtlingslager auf der griechischen Insel einbrachte. Heike Makatsch bekannte 2019: "Vor drei Jahren hätte ich mir noch eine Plastiktüte an der Kasse geben lassen, das tue ich nicht mehr." Klingt grün und nicht braun.

Auch Prominente fallen in ein Loch

Oft beruht der Aufruhr auf einem Mangel an Wissen, Verzicht auf jegliches Innehalten - und Bequemlichkeit. Ein Tweet und schon steht man oder frau auf der richtigen Seite. Traurig an dieser Art der Debatten(un)kultur ist, dass alle Diskussionen dadurch im Keim erstickt werden und zunehmend Angst vor sozialen und beruflichen Konsequenzen den notwendigen argumentativen Schlagabtausch ersetzt. Es verwundert keineswegs, dass diverse Beteiligte der Kampagne zu Kreuze krochen und den Rückzug antraten. "Wenn ich damit rechten Demagogen in die Hände gespielt habe, so bereue ich das zutiefst," sagte Makatsch. Auf welchem Planeten lebt die Künstlerin, dass sie das nicht erahnen konnte?

Das nicht zu sehen, zeigt die Selbstvergessenheit dieser Spitzenverdiener, die auf Plastiktüten verzichten, gegen den Kapitalismus wettern, mit einem einzigen "Tatort" so viel Geld verdienen wie eine Supermarkt-Kassiererin in vielen Jahren und ansonsten das Leben in der Eigentumswohnung oder dem Haus auf dem Land genießen. Auch Prominente fallen offenkundig in der Pandemie in ein Loch - kein finanzielles, sondern ein gefühltes. So oft können sie dieser Wochen und Monate gar nicht in Quiz-Duellen und Talk-Shows sitzen, um den Hohlraum zu füllen. Instagram ist eben keine lebensechte Bühne. Welch Schmerz, wenn einem für eine Video-Kampagne, die der ganzen Nation gewidmet ist, sehr wenig Beifall gespendet wird - und dann von den Falschen.

Was es noch übler macht: Um aus dem Schlamassel rauszukommen, wird die "vielleicht zu zynisch gestaltete Kunstaktion", wie es Meret Becker formulierte, unter eine Glocke gesperrt mit der Aufschrift: Kapitalismuskritik. Auf der Webseite von #allesdichtmachen heißt es plötzlich: "Die Schere von Arm und Reich geht immer weiter auf. Es geht am Ende auch um den bekannten Slogan: Leave no one behind." Ach, wie edel, ihr guten Menschen, dass ihr niemanden zurücklassen wollt und anprangert, dass "Kinder und Jugendliche um einen wichtigen Teil ihres Lebens betrogen werden". Wer ist denn der Betrüger und gehört in den Knast? Merkel? Drosten? Spahn? Lauterbach? Die Chinesen?

Nun wird das linke Lager beglückt

Becker erklärte in ihrem Rückzugsvideo, was ihrer Meinung nach dahintersteckt, dass es nie einen "harten Lockdown" gegeben habe: "Es ist immer so, dass die Tür immer offen bleibt für die Wirtschaft. Es geht meines Erachtens nach nicht um Menschen, sondern um Wirtschaft. Und das finde ich skandalös." Nun müssen eben die fiesen Kapitalisten zur Begründung herhalten. Eben noch die Querdenker-Szene bedient, wird nun das linke Lager beglückt. Da die Aussagen nicht mehr ironisch, sondern ernst gemeint sind, toppt es den Zynismus der Clips. Bitter ist der Populismus hinter der Unterstellung, die Politik ziehe die bösen Ausbeuter der Bevölkerung vor, als würde sich die Bundesrepublik nicht gerade in nie gekanntem Ausmaß verschulden, um soziale Härten abzufedern.

Ob das immer gut gelingt, ist eine andere Frage. Aber der Staat versucht es. Wer sollte all das bezahlen, wenn die Wirtschaft komplett zusammenbräche? Zumindest marginale Ansätze von Wissen und Verständnis für die allgemeine Lage und Not im Land dürfte man bei einer Künstlerin wie Becker erwarten. Sie sollte einmal die Hunderttausenden Unternehmerinnen und Unternehmer fragen, für die "die Tür" eben nicht "immer" offen gehalten worden ist, obwohl auch sie "Wirtschaft" sind. Die brauchen gerade ihre Ersparnisse und nehmen Kredite auf, um über die Runden zu kommen. Aber immerhin hält nach solchen Statements der Twitter-Mob still.

Quelle: ntv.de

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