Witz über FemizideDieter Nuhr hat nichts verstanden

Mit einem flapsigen Witz über Femizide sorgt Dieter Nuhr erneut für Empörung. Seine Pointe verkennt nicht nur die Realität häuslicher Gewalt - sie schiebt Frauen auch noch eine Mitverantwortung zu.
Lange ist es her, da war Dieter Nuhr ein Kabarettist, der mit pointierten Beobachtungen gesellschaftliche Widersprüche bloßlegte. Heute ist "Nuhr im Ersten" vor allem eines: eine regelmäßige Quelle für Shitstorms. Seit Jahren fällt Nuhr mit einer Mischung aus Stammtisch-Rhetorik, haltlosen Behauptungen und (kalkulierter) Provokation auf, die anschließend im Internet heiß diskutiert werden.
Er spottet über die Corona-Pandemie, Greta Thunberg und die Klimakrise, macht sich über Schwule, Frauen, Migranten und "Wokism" lustig und sieht sich immer mal wieder als Opfer einer angeblichen "Cancel Culture". Vor rund zwei Jahren behauptet er mit Verweis auf die Polizeiliche Kriminalstatistik, dass der Anteil der Messer-Tatverdächtigen mit Migrationshintergrund hoch sei, das Thema in den Medien aber totgeschwiegen werde, um nicht den Rechtsextremen in die Hände zu spielen.
Und nun die nächste Entgleisung. In seiner jüngsten Sendung arbeitet sich der 65-Jährige an zwei journalistischen Beiträgen ab. In der "taz" schreibt eine Autorin mit Blick auf die Morddrohungen gegen Moderatorin Collien Fernandes nach den Vorwürfen gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen: "Überall ist der Hass der Männer gegen uns Frauen sichtbar." In der "Süddeutschen Zeitung" argumentiert eine weitere Autorin, Frauen müssten sich "statistisch gesehen" vor Gewalt durch Männer fürchten.
Für Nuhr ist es "Irrsinn"
Für diesen "Irrsinn", wie Nuhr die Beiträge nennt, findet der Kabarettist deutliche Worte. Ja, Frauen würden überwiegend von Männern ermordet. Das bedeute aber nicht, dass Männer ständig Frauen töteten. Es gebe jährlich etwa 300 bis 350 Frauenmorde in Deutschland. "Natürlich sind das 300 bis 350 zu viel, das ist doch keine Frage. Aber es gibt in Deutschland zig Millionen Männer: Die Wahrscheinlichkeit, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, ist praktisch null." Dann folgt die Pointe: "Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr einmal kennenlernt."
Das ist nicht einfach nur schlechter Geschmack. Es ist eine Schlussfolgerung, die auf erschreckend vielen Ebenen danebenliegt. Denn sie transportiert genau jene Täter-Opfer-Logik, mit denen sich Frauen seit Jahrzehnten herumschlagen müssen - nicht weit entfernt von Fragen wie: "Warum hatte sie so einen kurzen Rock an, wenn sie nicht vergewaltigt werden will?" oder "Warum war sie auch nachts allein unterwegs?" Plötzlich liegt die Verantwortung wieder bei den Frauen. Hätten sie ihren Täter eben besser kennen müssen.
Nur funktioniert Gewalt so nicht. Nahezu alle Statistiken zu häuslicher Gewalt zeigen das Gegenteil dessen, was Nuhr suggeriert. Gewalt gegen Frauen findet überwiegend innerhalb bestehender Beziehungen oder nach deren Ende statt. Dort, wo Täter über Monate oder Jahre Vertrauen aufbauen konnten. Wo emotionale oder finanzielle Abhängigkeiten entstehen. Wo Kontrolle schleichend beginnt und sich Stück für Stück steigert. Oder wie Collien Fernandes erst kürzlich im Gespräch mit Frauke Ludowig auf die Frage nach möglichen "Warnsignalen" in ihrer Ehe antwortete: "Wenn ich das wüsste ... Die (Männer, Anm.d.Red.) kommen ja nicht zum ersten Date und sagen: 'Ich bin ein perverser Creep, aber das wirst du erst später merken!'"
"Derart wenig Empathie"
Auch Influencerin Josephine Schreiber schildert auf Instagram ihre Erfahrungen mit einer gewalttätigen Beziehung. Die ersten Monate seien völlig normal gewesen, erst im zweiten Jahr habe sich ihr damaliger Partner verändert. Am Ende landete sie mit einer gebrochenen Nase in der Notaufnahme. Über Nuhrs Auftritt sagt sie: "Es widert mich an, wie absolut privilegierte Menschen, die wahrscheinlich niemals in ihrem beschissenen Leben Gewalt erlebt haben, dort sitzen und sich darüber totlachen, dass mehrmals die Woche in Deutschland Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern ermordet werden." Und weiter: "Es wundert mich, dass menschliche Wesen wirklich derart wenig Empathie empfinden können."
Besonders bitter: Die Kommentare unter ihrem Video musste Schreiber nach eigenen Angaben inzwischen einschränken, "weil Männer es wieder nicht lassen können, mir in den Kommentaren zu wünschen, dass man mich noch mehr vermöbelt hätte."
Genau dort liegt das eigentliche Problem. Nuhrs Witz existiert nicht im luftleeren Raum. Er fällt in einer Gesellschaft, in der Frauen nach wie vor regelmäßig Opfer partnerschaftlicher Gewalt werden. In der laut dem Bundeskriminalamt fast jeden Tag ein Mann versucht, seine (Ex-)Partnerin zu töten. In der Betroffene ohnehin permanent erklären müssen, warum sie "nicht einfach gegangen sind". Oder warum sie "die Warnzeichen nicht erkannt haben". Wenn ausgerechnet diese Mechanismen zur Pointe werden, ist das nicht mutig. Es ist verantwortungslos.
Auch Journalistin Yasmin Oshin bringt es auf den Punkt. Frauen würden selten von Männern ermordet, die sie gerade erst in einer Bar kennengelernt hätten. Femizide passierten überwiegend im nahen Umfeld. "Niemand behauptet, alle Männer sind Mörder", sagt sie in einem Clip auf Instagram. "Aber alle Femizide haben etwas mit männlicher Gewalt zu tun. Mit Kontrolle. Mit Besitzdenken. Mit Männern, die sich einbilden, dass Frauen ihnen etwas schulden - Nähe, Sex, Liebe, Verfügbarkeit, Gehorsam."
Dabei lenkt Nuhr mit seinem mathematischen Wahrscheinlichkeitsrätsel bewusst oder unbewusst vom eigentlichen Thema ab. Natürlich behauptet niemand ernsthaft, jeder Mann sei potenziell ein Frauenmörder. Darum geht es aber auch gar nicht. Die Debatte dreht sich um ein strukturelles Problem. "Strukturell" - noch so ein Wort, das Nuhr nicht ernst nimmt, wie er in der Sendung deutlich macht. "Man benutzt heute gerne Begriffe, die wissenschaftlich klingen, um zu zeigen: 'Ich bin voll schlau'. Man sagt heute auch 'strukturell', wenn man ein Vorurteil raushaut", sagt Nuhr am Anfang seines Auftritts. Mit Blick auf das ZDF-Format "Sind alle Männer scheiße?" findet er, die Frage sei auf dem Niveau her etwa wie die Frage, ob Frauen einparken können. Seine Antwort: "Natürlich können Frauen einparken! Aber strukturell ist dann oft die Parklücke zu klein."
Nuhr weist Vorwürfe von sich
Inzwischen hat sich Dieter Nuhr aus seinem Urlaub gemeldet, um die Vorwürfe gegen sich zurückzuweisen. "Habe ich nicht. Kein Witz über Femizide, nirgends. Habe ich noch nie gemacht. Werde ich nicht tun", schreibt er bei Facebook. "Der Vorwurf ist lächerlich. Interneterregung wird zur Volksmeinung umgedeutet. So ist es üblich in diesen Tagen."
Der Kabarettist befindet sich derzeit in Frankreich - ausgerechnet dem Land, in dem vor wenigen Monaten ein Mann verurteilt wurde, der seine Frau über Jahre betäubte und fremden Männern im Internet für Vergewaltigungen anbot. "Wenn Sie schon in Frankreich sind, lassen Sie sich von Gisèle Pelicot mal erklären, warum sie ihren Mann in 50 Ehejahren nicht gut kennengelernt hat", kommentiert Autorin Christina Christiansen den Urlaubs-Post des Kabarettisten. "Die Scham muss die Seite wechseln und ich sehe hier jemanden, der sich dringend schämen sollte."
Zuerst hatte sich die ARD zu Wort gemeldet. "Dass die zitierte Passage auf große Kritik stößt, können wir nachvollziehen. In Satireformaten gilt es jedoch auch die künstlerische Freiheit zu achten. 'Nuhr im Ersten' ist eine bekannte vom rbb produzierte Satiresendung. Dieter Nuhr darf grundsätzlich als Künstler vor dem Hintergrund der Kunstfreiheit auch provozierend und zugespitzt formulieren", heißt es dort. Das stimmt natürlich, Kunstfreiheit ist ein hohes Gut - sie schützt aber vor staatlichen Eingriffen, nicht vor Widerspruch. Und sie macht aus geschmacklosen Pointen noch lange keine guten.
Vielleicht ist genau das der traurigste Teil dieser Geschichte. Denn viele erinnern sich noch an einen anderen Dieter Nuhr. Einen Kabarettisten, der klug beobachtete, statt nach unten zu treten. Der einen Satz prägte, der heute aktueller wirkt als vieles, was er inzwischen selbst sagt: "Wenn man keine Ahnung hat: einfach mal die Fresse halten."