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Grass und die Genossen Ein Leben voll kritischer Solidarität

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Grass: Ich unterstütze die politische Richtung Willy Brandts noch so lange, wie ich rauchen kann.

(Foto: dpa)

Fast 55 Jahre hat sich Günter Grass für die SPD engagiert, für Willy Brandt tourte er 32.000 Kilometer mit einem VW-Bus durchs Land. Aber der Verstorbene war für die Genossen oft ein unbequemer Sympathisant.

Sein letzter großer Auftritt im Willy-Brandt-Haus hinterließ einen faden Beigeschmack. Im Beisein von Kanzlerkandidat Peer Steinbrück machte Günter Grass aus seiner Geringschätzung für die Kanzlerin keinen Hehl. Angela Merkel habe in der DDR und nach der Wende quasi eine "doppelte, gesamtdeutsche Ausbildung" erfahren. "In der FDJ-Zeit hat sie Anpassung und Opportunität gelernt, bei Kohl natürlich den Umgang mit Macht", stichelte damals im Juni 2013 der Literaturnobelpreisträger und langjährige SPD-Wahlkämpfer. Merkel habe es in Europa geschafft, "zu allen unseren Nachbarn das Verhältnis zu trüben".

Eigentlich sollte es nur um die Vorstellung des 1230 Seiten langen Buches zum Briefwechsel zwischen Willy Brandt und Grass gehen, das er im Anschluss bei reichlich Rotwein signierte.
Aber so war er halt: Immer politisch, immer direkt, gerne kontrovers. Die CSU-Politikerin Gerda Hasselfeldt erwiderte damals mit Blick auf die lange unbekannte Mitgliedschaft in der Waffen-SS: "Herr Grass sollte lieber seine eigene Vergangenheit in den Blick nehmen."

Ein Typ, der selten geworden ist

Die SPD erreichte die Todesnachricht am Montag in der Sitzung des Präsidiums. Eine Stunde später erklärte der Vorsitzende Sigmar Gabriel: "Die SPD verneigt sich vor Günter Grass." Er sei zum "Spiritus Rector" der Verbindung zwischen SPD und Intellektuellen geworden, die das geistige Klima in Deutschland nachhaltig geprägt und zu den Wahlsiegen von 1969 und 1972 beigetragen habe. Seine oft streitbaren Einwürfe hätten die politische Kultur bunter gemacht. Merkel erklärte nüchtern, mit Grass verliere die Bundesrepublik "einen Künstler, von dem ich mit tiefem Respekt Abschied nehme". Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) betonte, mit Grass gehe ein Einmischer, ein Typ, der selten geworden sei. "Ich wünsche mir mehr intellektuelle Stimmen, die sich auch einmischen."

Vor allem Brandt und Grass hatten einen kritischen und offenen Austausch gepflegt. 1969 tourte Grass monatelang 32.000 Kilometer mit einem VW-Bus durch Deutschland, um für "Willy" zu werben. Am Steuer saß Friedel Drautzburg, damals Student, heute Besitzer der berühmten Kölsch-Kneipe "Ständige Vertretung" im Berliner Regierungsviertel. Als damals bei einer Veranstaltung jemand "Willy Brandt an die Wand", schrie, fackelte Grass nicht lange: "Dem bin ich dann an die Jacke gegangen."

Seit 1961 unterstützte er die SPD. Zu Tumulten kam es im Wahlkampf 1965 im konservativen Cloppenburg. Unter die rund 4000 Zuhörer hatten sich Mitglieder der Jungen Union gemischt, die Grass niederschrien, auspfiffen und als "Onanisten-Herold" beschimpften. Eier flogen, nur unter Polizeischutz konnte Grass seine Rede halten. Im erfolgreichen 1969er-Wahlkampf wurde Grass zur Führungsfigur der neuen "Sozialdemokratischen Wählerinitiative" - Intellektuelle und andere einflussreiche Bürger ergriffen Partei. Ein Modell, das die SPD bis heute pflegt, das aber an Strahlkraft verloren hat. "Ohne die Wählerinitiative wäre die Wahl nicht zu gewinnen gewesen", meinte Grass im Nachgang ganz unbescheiden.

Schwere Zeiten für die Genossen

Mitglied war er aber nur von 1982 bis 1993, er trat wegen Ärger über die Asylpolitik wieder aus. Den Lübecker verband bis zuletzt eine kritische Solidarität mit der Partei, und die Partei mit ihm. Auch wenn die Distanz zuletzt größer geworden war, was auch an Grass' Interventionen lag. Vor allem sein Israel-kritisches Gedicht ("Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden") brachte ihm parteiübergreifend Kritik ein. "Er riss Wunden auf, alte und neue. Doch letztlich bewegten seine Worte die Menschen", meint Linken-Fraktionschef Gregor Gysi. Nach dem Israel-Gedicht wurde in der SPD offen die Frage gestellt, ob man seine Hilfe noch wolle. Kein Vergleich zu 2005, als er vor 15.000 Menschen bei Gerhard Schröders Abschlusskundgebung auf dem Berliner Gendarmenmarkt redete.

Von einem linken Genossen war Grass besonders enttäuscht, von dem 1999 zurückgetretenen SPD-Chef Oskar Lafontaine. "Halt's Maul! Trink deinen Rotwein, fahr in die Ferien, such dir eine sinnvolle Beschäftigung", gab Grass ihm mit auf den Weg. Später sah er ihn als Blockierer einer rot-rot-grünen Koalition und warf ihm wegen der Etablierung der Linkspartei Charakterlosigkeit vor.

Seine große Sorge galt in den letzten Jahren der Dominanz von Banken und Konzernen. "Wir erleben, dass das System, in dem wir leben, das kapitalistische, sich in einem Zustand der Selbstzerstörung befindet", sagte Grass zum Beispiel im Herbst 2011 im Brandt-Haus. "Die SPD sollte ihrer Tradition folgen und sich zum Sprecher einer solch grundlegenden Veränderung machen", forderte er damals mehr Mut zu neuen Wegen. Und ließ Sehnsucht nach Willy Brandt erkennen: "Mir fehlen hier die entscheidenden Worte aus der politischen Richtung, die ich noch so lange unterstützen möchte, wie ich rauchen kann."

Quelle: n-tv.de, Georg Ismar, dpa

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