"Gewebeproben der Seele"Fotograf der Neuen Deutschen Welle: Jim Rakete wird 75

Das Fotografieren bringt sich Jim Rakete selbst bei. Bereits als Jugendlicher startet er professionell durch und bekommt die damaligen Superstars vor die Linse. Dann wird sein Studio zum Wegbereiter einer neuen Musik aus Deutschland. Nun feiert der Fotograf seinen 75. Geburtstag.
Er ist einer der bekanntesten Fotografen der Welt: Jim Rakete, in Berlin geborener und inzwischen wieder dort wohnender Künstler, gibt deutschen wie internationalen Stars mit seinen Fotos einen ganz besonderen, Eindruck machenden Ausdruck. Für ihn sind seine Porträtfotos "Gewebeproben der Seele", wie Rakete, der nun 75 Jahre alt wird, selbst sagt.
Doch mit dem fotografischen Handwerk, das er als Autodidakt von klein auf erlernte, hadert Rakete inzwischen. "Die Fotografie hat keine Wahrheit mehr", sagte er "Radio Bremen" im vergangenen Jahr. In Zeiten des iPhones sei die Tiefe verloren gegangen, es gebe inzwischen einen "karikaturenhaften Umgang mit Gesichtern" durch die digitale Technik und ihre Möglichkeiten der Optimierung.
Rakete selbst sah sich immer als "Handwerker der Fotografie". Der am 1. Januar 1951 in West-Berlin geborene Fotograf, der eigentlich mit Vornamen Günther heißt, entdeckte als Vierjähriger zufällig einen Fotoapparat. Von einer "Erotik des Auslösens" sprach er später. Die Zuneigung ging weit über das Spielerische eines neugierigen Knaben hinaus.
Schon als Teenager verdiente er sein Geld mit Fotografie und arbeitete mit 17 Jahren für verschiedene Auftraggeber. Rakete fotografierte Jimi Hendrix, Mick Jagger oder David Bowie und damit die absoluten Superstars der späten 60er und frühen 70er Jahre.
Wegbereiter der Neuen Deutschen Welle
Es gibt auch noch einen zweiten großen Teil seiner Künstlerlaufbahn. In Berlin-Kreuzberg gründete der Mann, der sich selbst als Workaholic einstuft, 1977 die "Fabrik Rakete". Diese Fabrik wurde zum Schmelztiegel für eine neue progressive deutsche Musik, der Fotograf wurde Musikmanager und ist einer der Wegbereiter der Neuen Deutschen Welle.
Als Nina Hagen aus der DDR in den Westen kam, übernahm Rakete ihr Management. Auch Nena und die Band Spliff wurden von ihm begleitet, die Ärzte brachte er zu ihrem ersten Plattenvertrag. In der Zeit entstanden viele Fotos, die das Bild der Künstler nachhaltig prägten. Hagen fotografierte er 1978 mit Zigarette für das Cover ihrer ersten Platte im Westen, das Plattencover gilt als stilbildend und ikonisch.
Zu der Zeit kam die später als Nena bekannt gewordene Gabriele Susanne Kerner nach Berlin. Sie heuerte bei Rakete zunächst als Sekretärin an. Eine schicksalhafte Fügung sei das Zusammentreffen von Hagen, Nena und von ihm gewesen, glaubt Rakete. "Hätte es keine Nina Hagen Band gegeben, hätte es auch Nena bei uns nicht gegeben", sagte er einmal der "Berliner Morgenpost".
Es wurden zehn intensive Jahre in der Fabrik. Rakete zog danach nach Hamburg, arbeitete viel in den USA, drehte Musikvideos und Werbeclips und erreichte über die Jahre höchstes Ansehen. Vor allem seine Vorliebe für etwas grobkörnige, schlichte Fotos machten ihn unverwechselbar.
Gegenentwurf zur digitalen Schnelllebigkeit
2007 gelang ihm mit seinem Projekt "1/8 sec. - vertraute Fremde" künstlerisch eine seiner wichtigsten Arbeiten. Als die digitale Fotografie ihren unaufhaltsamen Durchbruch schaffte, machte er mit einer alten Plattenkamera einen Gegenentwurf zur digitalen Schnelllebigkeit. Es entstanden lauter unbearbeitete Unikate mit Porträts berühmter Stars.
Inzwischen arbeitet Rakete längst wieder in Berlin. Er ist Träger des Verdienstkreuzes erster Klasse der Bundesrepublik und mit seinen Sammlungen im Haus der Geschichte und im Deutschen Filmmuseum vertreten. 2020 veröffentlichte er den Dokumentarfilm "Now" über die damals junge Klimabewegung, deren Energie ihn nachhaltig beeindruckte. "Mein Lifestyle ist dramatisch grün", sagte er im vergangenen Jahr zu den Folgen dieser Arbeit.