"Ins Gelingen verliebt"Plates und Sommers Musical "Wir sind am Leben"
Sabine Oelmann©Ferran Casanova.webp)
"Wir sind am Leben" ist Peter Plates und Ulf Leo Sommers erstes selbst entwickeltes Musical. Es geht um Familie, Freiheit und das Lebensgefühl im Berlin der frühen Neunziger. Mit ntv.de sprechen die zwei über ihr "Denkmal" aus Musik, Geschichte und Gefühl.
ntv.de: Die Neunziger Jahre, Aufbruch, Berlin – könnte es sein, dass ihr mit diesem Thema einen Nerv treffen werdet?
Peter Plate: (lacht) Wir müssen ja ins Gelingen verliebt sein. Deswegen hoffen wir das doch! Vor allem, weil wir alles allein finanzieren. Das ist unser Baby. Wir sind 1990 nach Berlin gekommen, da hatten wir uns im Februar gerade frisch kennen gelernt. Ich war gescheiterter Sozialpädagogik-Student aus Braunschweig, der eigentlich Musik studieren wollte. Vor allem Pop-Musik, aber das gab es damals ja noch gar nicht. Und Ulf hatte einen Schauspielplatz noch zu DDR-Zeiten bekommen. Wir haben trotzdem unsere Koffer gepackt.
Und dann ab in die Stadt, in der die Mauer gerade am auffälligsten gefallen war …
Plate: Ja, wir haben einen WBS bekommen, jeder ein Zimmer in einem besetzten Haus, für 29 Mark.
Ulf Leo Sommer: Aber Außentoilette. Die Möbel standen auf der Straße, weil die Ossis – ich darf das sagen, war ja selber Ossi – sich mit Ikea eingekleidet und ihren alten Krempel auf die Straße gestellt haben. Wir haben uns eine vollkommen neue Welt errichtet. Die kann man am besten mit den Worten: "Freiheit, Hoffnung und Aufbruch" beschreiben. So einen positiven Vibe habe ich seitdem nie wieder verspürt. Alles ging ganz schnell, alles war ganz anders als im Jahr zuvor.
Das ist ein Vibe, den wir momentan ganz gut gebrauchen könnten …
Sommer: Ja, man denkt, es wird alles schlimmer. So dachte ich zum letzten Mal in der Form Ende der 80er-Jahre, in der ich nur noch aus der DDR raus wollte. Sollte man fliehen und alles hinter sich lassen, Familie, Freunde? Oder bleiben und alles aushalten? Ich musste zur NVA, Horrorvorstellung. Dann fiel die Mauer. Aber Anfang der Neunziger war nun wirklich auch nicht alles klar, oder bequem, manchmal hatte man das Gefühl, der 3. Weltkrieg könnte ausbrechen.
Und dann hatten wir zum Glück doch sehr lange Frieden. Aber das ist ein anderes Thema. Die Idee zum Musical tragt ihr schon lange mit euch rum, oder?
Sommer: Seit 17 Jahren. Die Idee hat sich natürlich immer ein bisschen verändert.
Plate: Aber es war immer eine Familiengeschichte. Jetzt ist der richtige Moment, dachten wir vor anderthalb Jahren. Die Chance zu haben, Intendanten in dem Theater des Westens zu sein, diese Chance müssen wir einfach wahrnehmen! Auch, weil wir ja die Miete des Theaters privat zahlen, ohne jegliche Subventionen, wer weiß, wie lange wir uns das leisten können.
Sommer: Und wenn man es mal realistisch sieht: Der Stoff für dieses Stück kam zu uns. Es ist eine große Erleichterung, das jetzt machen zu können. Wir kennen uns aus, das Thema der 90er und alles, was damit zu tun hat, brennt uns unter den Nägeln und es ist unsere Geburtsstunde. Als Paar, als Künstler, die gemeinsam etwas gestalten. Anna von Rosenstolz kam in unser Leben, es war einfach ein magisches Jahr.
Und es ist eine Zeit, über die noch nicht so oft erzählt wurde.
Sommer: Ja, auch die Anfänge der queeren Szene, in die wir da hineingepurzelt sind. Da wurde viel gefeiert und getanzt. Und leider auch viel gestorben.
Die Anfänge von HIV …
Sommer: Wir sind in dieser Zeit mit diesen Menschen gewachsen. Das Berlin, das international noch immer einen coolen Ruf hat, das ist da entstanden. Viele dieser Menschen leben nicht mehr. Es ist an der Zeit, diesen Menschen ein Denkmal zu setzen.
Plate: In unserem Stück gibt es "Konsum Hoffnung", das ist das fiktionale Beratungstelefon. Denn die Aids-Beratung spielte in der Zeit in unserer Szene eine wirklich große, wichtige Rolle. Im Nachhinein muss ich sagen, dass das erste Jahr ganz schön hart war. Genau wie die Berliner (lacht).
Sommer: Wir sind seit 1990 in Berlin und fragen uns immer noch, ob wir wohl "richtige Berliner" sind (lacht).
Nach so langer Zeit, nach so vielen Leistungen, darf man wohl getrost sagen: Ja, ihr seid Berliner!
Plate: Es hat mich auch ein bisschen angemacht, ich wusste sofort, hier ist meine Heimat. Ich hab' mein Herz sofort an Berlin verloren. Wir hatten auch gar kein Geld, und sich hier zu behaupten, das ist schon nicht ohne. Das fließt auch ein in unser Stück.
In welcher Form?
Plate: Ich habe mein Geld am Anfang mit Haarewaschen bei Udo Walz verdient (lacht). Unsere Starfriseuse im Musical aus Wittenberg, die Rosi, ist das Gegenstück dazu. Dieses West-Berlin damals, das war natürlich krass.
Sommer: (singt) Jetzt geh'n alle zu Walz, ich krieg' so 'nen Hals …
Ich bin übrigens kein besonderer Musical-Liebhaber, aber irgendwas ist bei euch anders, schon bei "Romeo und Julia". Was kann das sein?
Plate: Und ist besonders wichtig, dass die Leute rausgehen und sagen, sie hatten einen schönen Abend und haben viel gelacht. Und auch ein Tränchen verdrückt (lacht). Vielleicht liegt es daran. Und an der Musik.
Jetzt seid ihr in den Proben …
Sommer: Ja, und das ist die schönste Zeit, wenn man mal ehrlich ist. Wir sind an einem Punkt im Leben, an dem uns bewusst wird, wieviel Glück wir im Leben hatten. Dass wir mit unserer künstlerischen Arbeit Geld verdient habe, ist nicht selbstverständlich. Und auch wenn wir jetzt ein Risiko eingegangen sind: Wir hatten keine Wahl, wir mussten es machen. Es muss raus (lacht).
Eure Erzählung hat ja fast etwas Märchenhaftes …
Sommer: Berlin war damals auch wie ein Märchen. Nicht im üblichen Sinne, aber diese ganze Szene, die Hausbesetzungen, der Aufbruch, das Zusammenwachsen - mal mehr, mal weniger gelungen - das muss doch erzählt werden, auch für die jüngeren Leute. Auch die Drag-Queens, das SchwuZ, dieses Stigma der queeren Szene, das darf nicht vergessen werden. Es gibt kein deutsches Theaterstück oder Musical, das diese Zeit mit all seinen Problemen, aber auch Neuerungen, erzählt. Denken wir auch mal an die Leute, die beim Mauerfall meinetwegen 50 waren – die konnten nicht ganz von vorn anfangen so wie wir, die haben jahrelang mitgemacht in einem System, das sie entweder unterstützt oder gehasst haben. Die Karrieren vieler DDR-Bürger waren beendet.
Plate: Solche Geschichten dürfen nicht vergessen werden, das stimmt.
Sommer: Erinnert ihr euch an die Frau vom ehemaligen Berliner Bürgermeister Walter Momper, Anne Momper? Die ist mit Schwulen und HIV-Kranken schwimmen gegangen, nachdem dazu aufgerufen wurde, einem schwulen Schwimmverein das Schwimmen in einem öffentlichen Schwimmbad zu verbieten. Wegen der Ansteckungsgefahr hieß es damals. Sowas muss doch erzählt werden.
Plate: Bevor wir es vergessen, so kurz vor alt …
Das Stück ist also autofiktional, wie man so schön sagt …
Sommer: Das ist überhaupt die beste Erfindung, diese Autofiktion! Wenn echte Geschichten mit fiktionalen Figuren verschwimmen. Aber auf eine gewisse Art ist das alles wirklich so passiert in unserem Leben. Das Wichtigste ist, dass wir Hoffnung transportieren, und tief in mir drin glaube ich tatsächlich immer noch, dass das Gute siegt.
Ich muss gerade an die sehr platten Begriffe "Jammer-Ossi" und "Besser-Wessi" denken …
Plate: Da ist es endlich mal wieder schön, älter zu werden (lacht). Inzwischen darf man über ein paar Dinge lachen. Zum Beispiel darüber, dass es damals auch Leute gab, West-Berliner, die ihrem schönen alten West-Berlin hinterhergetrauert haben. Was damals aber keiner so gesagt hätte …
… denn wir haben uns ja kollektiv gefreut …
Sommer: … genau (lacht). In unserem Stück gibt es ganz viel Ost und West, es ist für jeden was dabei, wir reißen solche Themen wie Künstler aus dem Osten, die alle bei Rosi im Salon waren, an. Unsere Musiker und Schauspieler mussten ja gegen die aus dem Westen ankommen, und die waren natürlich viel cooler, erstmal. Eine wie Tamara Danz wurde im "Spiegel" mit Erich Honecker gezeigt, als ob sie ihn angehimmelt hätte. Dabei haben wir in einer Diktatur gelebt, und manchmal blieb den Leuten nichts anderes übrig, als dem Staatsapparat die Hand zu geben. Widerstand hieß einfach sehr häufig, dass man nichts mehr machen konnte oder ins Gefängnis gewandert ist. Das im Nachhinein zu verurteilen war teilweise sehr ungerecht.
Plate: Wir sind sehr glücklich, dass wir jetzt die Gelegenheit haben, ein paar Dinge gerade zu rücken. Wir haben damals die Geschichte neu geschrieben. Das klingt wie ein Klischee, ist aber wahr. Für mich, als Musik-affiner Mensch, war das ganz schlimm damals, wie die westdeutsche Presse über die ostdeutschen Musiker berichtet haben, es war geradezu niederträchtig. Das wurde nie aufgearbeitet, niemand hat sich je entschuldigt.
Inzwischen, im Endeffekt, geht es uns, jetzt, in diesem Land, allen aber ziemlich gut, oder?
Sommer: Auf jeden Fall. Wie privilegiert wir sind! Wir müssen die Demokratie um jeden Preis aufrechterhalten!
Plate: Und wir müssen auf unsere Sprache aufpassen. Dass die, die sich für Pazifismus stark machen, als naiv gelten, ist eine Unverschämtheit. Ich finde, die sind professionell. Wenn man träumt, ist man nicht naiv. Und wenn man schreibt, und sei es ein Musical, schon gar nicht!
Mit Peter Plate und Ulf Leo Sommer sprach Sabine Oelmann