Politik

9. November 1989 Momper - der Mann, der den Anstoß gab

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Die Dynamik war nicht aufzuhalten: Walter Momper (l.) und der Ostberliner Oberbürgermeister Erhard Krack treffen sich am 12. November 1989 am Potsdamer Platz.

(Foto: REUTERS)

Als Politbüromitglied Schabowski am 9. November 1989 die neue Reiseregelung der DDR verkündet, herrscht Verwirrung. Kurzerhand erklärt Westberlins Regierender Bürgermeister die Grenze für geöffnet. Walter Momper trägt so entscheidend zum Fall der Mauer bei.

n-tv.de: Herr Momper, seit wann wussten Sie, dass die DDR die Mauer öffnen würde?

Walter Momper: Das war damals, im Herbst 1989, zu erwarten. Seit August, September rechneten wir damit, dass eines Tages der Sturm von hinten über die Mauer kommen würde. Es war ja völlig absurd, dass die Leute es sich gefallen lassen mussten, über Prag oder Budapest auszureisen, aber nicht den Grenzübergang um die Ecke nehmen konnten.

Vor fünf Jahren berichtete der damalige evangelische Konsistorialpräsident Manfred Stolpe uns von einem von ihm vermittelten Geheimtreffen, bei dem Sie über die bevorstehende Maueröffnung informiert wurden.

Am 29. Oktober hatte uns der Berliner SED-Chef Günter Schabowski bei einem längeren Gespräch im Palasthotel in Ostberlin mitgeteilt, dass es Reisefreiheit geben werde. Ich habe dann gefragt, wann das sein werde und wie genau das aussehen werde. "Noch vor Weihnachten", hat er geantwortet. Über die praktische Durchführung hatte Schabowski sich noch gar keine Gedanken gemacht. Wir sagten ihm, die elf bestehenden Grenzübergänge würden kaum reichen. Das sah er auch sofort ein. Gleich am nächsten Tag wurde eine Ost-West-Verhandlungskommission auf den Weg gebracht, die neue Grenzübergänge festlegen sollte. Schabowski versprach, er würde uns rechtzeitig Bescheid geben, damit wir das richtig inszenieren und würdigen konnten; die Bundesregierung einladen und so weiter.

Das hat er nicht gemacht.

Nein. Am 9. November verkündete Schabowski die neue Reiseregelung, selbst nicht richtig wissend, was er da tat. Damit war der Tag da. Wir waren allerdings vorbereitet, weil wir in den zehn Tagen, die hinter uns lagen, Arbeitsgruppen eingesetzt hatten, für jedes Ressort eine. Die mussten sich jeweils für ihre Bereiche überlegen, was zu tun war, um die Besuchermassen zu bewältigen.

Mit wie vielen Besuchern aus dem Osten rechneten Sie?

Wir gingen davon aus, dass 500.000 Besucher aus der DDR und aus Ostberlin kommen würden. Tatsächlich war es dann eine Million in der kleinen Zwei-Millionen-Stadt Westberlin.

Zurück zu Schabowskis Auftritt. Glauben Sie, dass das eine Show war?

Schabowski hat es in seinen Erinnerungen so beschrieben: Nach der Sitzung des Zentralkomitees der SED fragte er beim Rausgehen den neuen SED-Generalsekretär Egon Krenz, ob noch was sei. Krenz drückte ihm darauf einen Zettel in die Hand und sagte, das müsse er noch verkünden. Schabowski steckte den Zettel zu seinen anderen Papieren und dachte während der Fahrt ins Presseamt nicht mehr daran. Um 18 Uhr begann die Pressekonferenz. Es ging dabei um die Neuaufstellung des Politbüros: Wer fliegt raus, wer kommt rein, wie wird die SED neu aufgestellt - solche Dinge. Erst gegen Ende der Pressekonferenz fällt ihm [auf Nachfrage eines Journalisten] ein, dass er noch diesen Zettel hat. Er kramt ihn raus und liest ihn vor - man sieht ja, wie stockend Schabowski das vorträgt; er kannte den Text zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht.

Die Pressekonferenz wurde live im DDR-Fernsehen übertragen. Haben Sie das verfolgt?

Nein, ich war bei einer Veranstaltung im Hochhaus des Springer-Verlags an der Kochstraße. Kurz nach 19 Uhr kam der Chefredakteur der "Berliner Morgenpost" zu mir. Er hatte die Pressekonferenz mitgeschnitten und zeigte mir die letzten fünf Minuten, in denen Schabowski die Reiseregelung verkündete.

Was haben Sie da gedacht?

Zunächst habe ich gedacht: Warum hat er uns nicht Bescheid gesagt? Der zweite Gedanke war: Jetzt müssen wir der SED den Rückweg abschneiden und Dynamik in die Situation bringen, Druck aufbauen. Deshalb fuhr ich zum SFB, unserem damaligen Berliner Stadtsender, wo gerade die Abendschau lief. Dort habe ich davon gesprochen, dass wir uns freuen, dass jetzt alle hin- und herreisen können. Ich habe die Westberliner gebeten, die Besucher aus der DDR mit offenen Armen zu empfangen. Die Ostberliner habe ich gebeten, mit U- und S-Bahn zu kommen.

Es war ziemlich mutig, faktisch den Mauerfall zu verkünden, denn zu diesem Zeitpunkt war ja noch kein Grenzübergang offen.

Ich habe ja nicht den Mauerfall verkündet, sondern nur gesagt, dass dies ein Tag der Freude ist. Das war der feine Unterschied. Natürlich haben die Leute das anders verstanden, und das war ja auch beabsichtigt. Dass es so kommen würde, wie es dann kam, habe ich allerdings auch nicht geahnt. Ich dachte eher, dass die Leute erst am nächsten Morgen zu den Meldestellen der Volkspolizei gehen würden, um ihre Reiseanträge auszufüllen.

Waren Sie an dem Abend noch in Berlin unterwegs?

Beim SFB habe ich erst noch mehrere Interviews für Radio und Fernsehen gegeben. Um 22 Uhr fand eine Sondersitzung des Senats statt. Danach fuhr ich wieder zum SFB, um an einer Livesendung teilzunehmen. Ich saß neben der Ostberliner Schauspielerin Steffie Spira [die fünf Tage zuvor auf der großen Demonstration am Alexanderplatz gesprochen hatte]. Gegen 23 Uhr wurde mir ein Zettel gereicht, auf dem stand, dass an der Bornholmer Straße mehrere Hundert Personen die Grenze überquert hätten. Später erhielt ich eine weitere Nachricht, dass alle Grenzübergänge offen seien, was zu diesem Zeitpunkt noch nicht stimmte. Ich habe den Zettel unterm Tisch der Steffie Spira gezeigt und gesagt: Wenn ich das jetzt hier verlese, dann ist in Berlin die Hölle los. Ich habe also gewartet, bis der SFB die ersten Bilder zeigen würde. Das dauerte nur zwei, drei Minuten. Man sah ein junges Paar, das mit ihren blauen DDR-Personalausweisen wedelte und tränenüberströmt war vor Freude. Diese Frau sagte das Wort der Nacht: Wahnsinn. Das war es auch.

Waren Sie auch noch an der Grenze?

Ich bin dann aufgestanden, habe gesagt, dass ich jetzt gehen müsse, und bin zur Invalidenstraße gefahren. Dort waren Tausende, Zehntausende Menschen, alle in Feierstimmung, mit Rotkäppchensekt oder Bier. Ich habe den Hauptmann der Grenztruppen gebeten, mich zu seinem Major zu bringen. Der verschwand daraufhin in seiner Baracke. Kurz darauf waren alle Grenzer verschwunden; bis dahin hatten die noch Ausweispapiere kontrolliert, als sei nichts geschehen. Ich dachte: Mensch, wenn die jetzt die Grenze hier zumachen und von vorn mit der Bereitschaftspolizei reingehen, dann gibt es ein Blutbad - wir glaubten natürlich immer, die Grenztruppen würden schießen, wenn so etwas passiert. Noch im Februar war Chris Gueffroy am Britzer Zweigkanal erschossen worden. Ich habe mir von der Westberliner Polizei ein Megafon kommen lassen und bin auf einen Tisch geklettert. Von dort habe ich versucht, die Leute aus dem Kontrollpunkt rauszubekommen. Ich sagte: Liebe Berlinerinnen und Berliner, hier spricht Ihr Regierender Bürgermeister - die jubelten nach jedem Halbsatz, da hätte ich auch das Telefonbuch verlesen können. Ich habe sie gebeten, wenigstens die Wege freizumachen, damit die Fahrzeuge durchkommen. Verstanden hat mich wohl kaum einer, aber die Leute waren trotzdem sehr diszipliniert.

War das Kanzleramt in Bonn eigentlich in die Vorbereitungen für den Tag der Maueröffnung einbezogen?

Nein, was sollten wir mit denen planen? Am 6. November hatte ich einen Brief an den Bundeskanzler geschrieben, in dem ich darauf hinwies, was Schabowski uns mitgeteilt hatte, welche Folgen das für Berlin haben dürfte und was das alles kosten würde. Der Brief ist irgendwann Ende November beantwortet worden. Die Bundesregierung war ja völlig von der Rolle - während wir nach dem 29. Oktober Urlaubssperre für unsere Beamten verhängt hatten, ist fast das gesamte Bundeskabinett zum Staatsbesuch nach Polen gefahren. Helmut Kohl und der größte Teil des Kabinetts waren in Warschau, als die Mauer fiel, weit weg vom Schuss.

Kohl kam erst am 10. November nach Berlin. Als er vor dem Schöneberger Rathaus eine Rede hielt, wurde er ausgepfiffen.

Ich fand das nicht nett von den Leuten, denn so behandelt man Gäste einfach nicht. Aber die Stimmung war so. Man darf nicht vergessen: Kohl war zu jenem Zeitpunkt auf dem Tiefpunkt seines Ansehens. Er war sehr unbeliebt, zumal bei jungen Leuten. Ich fand's nicht gut, dass sie ihn ausgepfiffen haben, ich wollte sie auch daran hindern. Aber Kohl ließ mich nicht. Er sprach lieber weiter.

Sie sagten vor dem Schöneberger Rathaus, es gehe jetzt um ein "Wiedersehen und nicht um eine Wiedervereinigung". Kohl warf Ihnen später vor, Sie hätten sogar vom "Volk der DDR" gesprochen. Waren Sie gegen die Einheit?

Die Einheit stand einfach nicht auf der Tagesordnung. Die Opposition in der DDR wollte sie nicht. Die wollten eine schönere, liberalere, freiheitlichere, demokratischere DDR haben, als die alte Bundesrepublik es war. Das war deren Ziel, daran habe ich mich orientiert.

Was empfinden Sie heute, wenn Sie an den Mauerfall zurückdenken?

Das war eine tolle Sache und ein bewegender Moment, ein Glück in der Geschichte. Für mich war es ein großes Geschenk, dass ich zu dieser Zeit Regierender Bürgermeister von Berlin war. Und ich denke, so schlecht haben wir's auch nicht gemacht.

Mit Walter Momper sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de

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