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"Der Wahrheit verpflichtet" Kamala Harris - eine ungewöhnliche Frau

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Die erste farbige Frau, die Vize-Präsidentin der USA ist: Kamala Harris. Ein Triumph.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Kamala Harris hat ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben und es lohnt sich durchaus, sie zu lesen. Man lernt die Frau, die jetzt Vize-Präsidentin der Vereinigten Staaten ist, noch besser kennen - ihren Antrieb, ihre Ziele, und auch ein paar Gedanken abseits dessen, was bisher bekannt war.

Um es gleich mal vorweg zu sagen - man erfährt nicht allzu viel über die Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten, was das Private angeht. Aber will man das überhaupt? Können wir nicht froh sein, wenn sie ihren ganzen privaten Krempel für sich behält? Sich ausbreiten, zu viel preisgeben, das machen andere doch schon zur Genüge. Mussten wir nicht bereits darüber spekulieren, ob der ehemalige Präsident der USA eine Doppelgängerin für seine Frau einsetzte? Ob ein deutscher ehemaliger Bundeskanzler sich die Haare färbte oder tönte, ob der französische Staatschef eine Geliebte hatte oder der aus Großbritannien was mit der Steuer am Hacken hatte? Bei Frau Harris können wir uns ziemlich sicher sein: "What you see is what you get", Skandale sind eher nicht zu erwarten. Und das ist auch gut so.

Kamala Harris ist eine Frau, ganz klar im Kopf, ganz klar auch in ihrem Auftreten, mit Zielen. Eines davon hat sie nun erreicht, sie ist Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten, und das ist schon ziemlich genial. Denn vieles sprach bis jetzt dagegen: Sie ist eine Frau. Sie ist eine Person of Colour, sie ist recht jung für ein solches Amt. Sie ist geschieden, wieder verheiratet, hat keine eigenen Kinder und trägt Turnschuhe. Mit ihrem Präsidenten führt sie eine veritable Beziehung. Nicht von der anrüchigen Sorte, eher Modell "Tochter-Vater", aber kollegial, gleichberechtigt geradezu. Dabei ist manchmal nicht eindeutig, wer wen nötiger braucht. Das Schöne ist allerdings, dass beide in den höchsten Tönen voneinander sprechen, und voller Achtung.

Fest steht auch: Diese Frau hat Humor. Denn wenn man ihr Buch "Der Wahrheit verpflichtet - Meine Geschichte" nur einmal kurz in die Hand nimmt und durchblättert, wie man es meist mit Büchern macht, bevor man beginnt zu lesen, dann springt eines dem potentiellen Leser als Erstes ins Auge: Kamala Harris, die erste farbige Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten, lacht viel und gerne auf den vielen Fotos, die im Buch zu finden sind. Sie scheint ein durch und durch aufgeräumter, fröhlicher, liebenswerter und liebevoller Mensch zu sein. Dass sie eine solche Karriere gemacht hat, dass sie eine Frau ist, dass sie farbig ist und dass dies meist nicht unbedingt die Zutaten für einen Lebensweg sind, wenn es um Personen mit genau diesen Voraussetzungen geht, das wissen wir inzwischen. Und wie dieser Weg begann, das hat die 56-Jährige eindrucksvoll aufgeschrieben.

Eine Aufsteigerinnengeschichte

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Ja, es stimmt, und das hat man inzwischen auch schon woanders lesen können, dieses Buch wird wohl nicht den Literatur-Nobelpreis für die schönste Sprache bekommen, aber die Handlung kann sich sehen lassen. Kamala ist die Tochter einer indischen Einwanderin und eines Jamaikaners, ihre Eltern sind gebildet, gutaussehend und integriert, leider lassen sie sich jedoch recht bald scheiden, Kamala ist erst sieben, sie wächst mit ihrer jüngeren Schwester fortan bei der Mutter auf. Wir erfahren viel von ihren Großeltern, von der Liebe, die in der Familie herrschte, aber auch von der Erwartung, etwas aus ihrem Leben zu machen. Allein Kamala Harris' Mutter ist ein Vorbild, wie es besser wohl kaum taugen könnte: Alleinerziehend, aber nie klagend, sondern im Gegenteil, immer aktiv. Unter einem Foto steht: "Mit 25 hatte meine Mommy einen Doktortitel - und mich." Der Vater spielt nach der Trennung der Eltern keine allzu große Rolle mehr.

Natürlich prägt das alles die kleine Kamala, und so verwundert es nicht, dass sie, eingebettet in ihre Großeltern-Familien, Onkel und Tanten in Jamaika, Lusaka, Harlem und Berkeley, zwischen Schule und Demos, Reisen und Lernen, eine steile Karriere hinlegen wird: Studium, Staatsanwältin, Justizministerin Kaliforniens - um nur einige Stationen dieser Vorzeige-Karriere zu nennen. Beharrlich ist sie, fokussiert, und wirkt dabei dennoch nie verbissen. Vieles scheint ihr leicht zu fallen. Sie ist authentisch. Sie erzählt dem Leser, was ihr wichtig ist, den Rest lässt sie weg. Leider berichtet Harris in dem Buch nicht von ihrem Weg zur Vize-Präsidentin, zu früh vor dem Wahlkampf hatte sie es bereits verfasst, aber da bahnt sich sicher eine Fortsetzung an. Die wir gerne wieder lesen werden, genau wie dieses Buch.

Ja, man sollte sich mehr für die Arbeit von Kamala Harris interessieren, weniger für Klatsch und Tratsch oder ihr Liebesleben - das es durchaus gibt - aber hier schreibt eine Vollblutjuristin, eine Frau, die mit beiden Beinen im Leben steht. Die sich über Konventionen hinweg setzt, die man gern sieht, der man gern zuhört, die über sich selbst und ganz sicher auch über andere lachen kann, die nicht uneitel ist, ganz sicher aber darüber steht, wenn mal ein "Vogue"-Cover mit ihr in die Hose geht.

Dieses Buch liest man nicht aus literarischen Gründen, sondern weil man sich für die Frau, um die es geht, interessiert, und weil sie eine Botschaft hat. Manchmal gerät das sehr amerikanisch, eventuell etwas zu pathetisch an der ein oder anderen Stelle, aber das sei ihr verziehen. Dieses Buch wirkt wie das Buch, das sie vor ihrem Meisterwerk schreiben wird, denn in der Fortsetzung wird es ganz sicher ums Eingemachte gehen: Kamala Harris wird von ihrem Einzug ins Weiße Haus berichten können, davon, was das mit ihr gemacht hat. Was sie dort vorgefunden hat, und was sie bereits ändern konnte. Wir werden dann sicher auch mehr darüber erfahren, wie es ihrem Mann, den Stiefkindern und ihr dort ergangen ist, ob Jill Biden und sie beste Freundinnen sind und welche Tipps sie von Michelle Obama bekommt. Denn dann, in ein, zwei Jahren, wird Kamala Harris eine Institution sein. Wenn 2024 wieder gewählt wird, wird Amerika ein anderes Amerika sein, eines nach Corona, nach Trump und auch nach Joe Biden. Ein Amerika, dem eine Präsidentin, eine Person of Colour, sehr gut stehen würde.

Quelle: ntv.de

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