VIP, VIP, Hurra!Ideenlos, aber bitte innovativ!
Die Promikolumne von Verena Maria Dittrich
Die Kaulitz-Brüder übernehmen "Wetten, dass..?", bei den Beckhams hängt der Haussegen schief, und "innovativ" ist das neue "anspruchsvoll". Willkommen in einer Woche, in der TV-Machern wieder mal die Ideen ausgehen und den Promis die Nerven.
Lieber Leser, ich möchte Ihnen in dieser "VIP, VIP, Hurra!"-Ausgabe ein Wort vorstellen, das inzwischen so ziemlich alles bedeutet und damit nichts mehr. Es lautet: innovativ. Wenn Sie also etwas anbieten, das weder neu noch gut noch besonders durchdacht ist, dann nennen Sie es einfach innovativ! Ein Projekt ohne Idee? Innovativ. Ein Podcast, bei dem zwei Leute reden, weil sie halt gerade da sind? Innovativ. Ein altes Konzept mit neuem Logo? Hochinnovativ. Ich musste dabei an Reinhard Mey denken, der das schon vor Jahrzehnten perfekt auf den Punkt gebracht hat. In seinem Lied "Anspruchsvoll" heißt es: "Bei allem Scheiß, wo keiner weiß, was es bedeuten soll, sagen wir vorsichtshalber erst mal: Das ist anspruchsvoll!"
Genau da stehen wir gerade. Anspruchsvoll war gestern, heute ist alles innovativ. Und während man sich gegenseitig auf die Schulter klopft für diese sprachliche Nebelkerze, merkt man langsam, dass es weniger an Mut mangelt als an Ideen. Vor allem im Fernsehen.
Haben Sie diese Woche auch kurz gedacht, Sie hätten eine alte Videokassette wiedergefunden und sie noch einmal in den guten alten Videorekorder eingeschoben, den Sie eigentlich schon lange entsorgen wollten, aber weil das Teil damals bei Neckermann 1800 Mark gekostet hat und Sie die Summe als Student in Raten abgestottert haben, bringen Sie es einfach nicht übers Herz? Hach ja, die guten alten Zeiten!
"Wetten, dass..?" wird neu bezogen
Jedenfalls ging es mir in dieser Woche so. Kaum schaut man einmal nicht hin, stolpert man über Meldungen, bei denen man unwillkürlich prüft, ob man nicht doch gerade in den 80ern gelandet ist, nur eben mit schlechterem Humor. Die Kaulitz-Brüder übernehmen "Wetten, dass..?", und ich hab mich kurz gefragt: Ist das ernst gemeint?
Wie dem auch sei, das ZDF meint es ernst und glaubt offenbar fest daran, dass sich der Samstagabend wie ein durchgesessenes Sofa neu beziehen lässt. Bill und Tom Kaulitz als neue Gesichter eines Formats, das so tief im kollektiven Gedächtnis verankert ist: Das klingt erst mal nach einem cleveren Schachzug. Die beiden sind ja sehr "internäschenell". Nur stellt sich eben die Frage: Wer soll da eigentlich gemeinsam auf dem Sofa sitzen? Heidi und Leni Klum? Joko und Klaas?
Die Stammkundschaft von "Wetten, dass..?" ist mit diesem Format alt geworden, und das ist nicht abwertend gemeint. Diese Sendung war jahrzehntelang ein Ritual. Gleichzeitig ist die Zielgruppe, die mit den Kaulitz-Brüdern sozialisiert wurde, nicht dafür bekannt, am Samstagabend geschniegelt vor dem linearen Fernsehen zu warten, bis endlich der Bagger kommt - oder mit anderen Worten: Man probiert es halt mal, wenn einem sonst nichts einfällt. Innovativ eben.
Und dann, mitten in all diesem Fernseh-Revival, explodieren wieder einmal die sozialen Medien. Im Mittelpunkt: die Beckhams. Oder vielleicht sollte man besser sagen: eine schrecklich nette Familie. Plötzlich meldet sich der älteste Sohn, Brooklyn, zu Wort und packt im wahrsten Sinne des Wortes aus. Von Kontrolle ist die Rede, davon, dass ein Leben lang alles Teil einer Marke gewesen sei. Seine Mutter Victoria habe ihm sogar seine Hochzeit versaut. Es ist ein riesiges Schlagzeilenmeer, in das man sich unverzüglich stürzen könnte und das Social Media in Team Beckham und Team Brooklyn teilt.
Dann ist da auch noch Nicola Peltz, die Schwiegertochter, über die man plötzlich sehr viel mehr wissen will, weil sie nicht einfach nur die Frau an Brooklyns Seite ist, sondern Teil einer Familie, die in den USA echten Einfluss hat. Geld, politische Nähe, all das spielt hier eine Rolle. Stoff für Netflix bietet dieses Fiasko jedenfalls reichlich.
Und als wäre das alles nicht genug für eine Promi-Woche, kommen dann auch noch die Oscar-Nominierungen daher. Ein Vampirfilm räumt ab, und man denkt sich: Auch hier geht es längst nicht mehr nur um Qualität, sondern vor allem um Signale, was gerade gut, ach nein, "innovativ" aussieht.
Das Lebensgefühl dieser Tage fühlt sich ein Stück weit an wie ein ständiges Pendeln zwischen dem Wunsch nach vertrauten Gesichtern und der Angst, dass einem nichts Neues mehr einfällt. Bis dahin bleibt uns immerhin eines: zu staunen und leise zu denken, ganz im Sinne von Reinhard Mey: Wenn man nichts versteht, nennt man es anspruchsvoll. Oder eben doch: innovativ.
In eigener Sache:
Am heutigen Freitag, dem 23., geht das Dschungelcamp wieder los, und ich begleite den herrlichen Buschbums auch diesmal für ntv.de. Wer also Lust hat auf große Egos und schlechte Nerven, ist herzlich eingeladen, die nächsten zwei Wochen mitzugucken und hier gerne wieder mitzulesen. Ich wünsche allen dabei viel Spaß, mit allem, was der Dschungel so ausspuckt.