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"Be careful who you love"Melanias Film erspinnt eine Traumwelt zum Fremdschämen

31.01.2026, 06:46 Uhr rpeters_foto1x1Von Roland Peters, New York
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"Melania" - ein teures Unterfangen. (Foto: AP)

Eine Doku ist "Melania" nicht. Sondern ein langer Werbestreifen, dessen Phrasendrescherei zum Fremdschämen zwingt. Die Widersprüche zwischen Melanias filmischer Traumwelt und der Realität sind überwältigend.

Freitagmorgen um 10 Uhr im südlichen Manhattan. Neun Versprengte haben sich im Kinosaal am Fuße der Williamsburg Bridge zusammengefunden, um sich die erste Vorstellung des neuen Films der Trump-Regierung anzusehen: "Melania". Alle Zuschauer sind Journalisten. "Jeder will es wissen, hier ist die Antwort", werden die ersten Worte der First Lady aus den Lautsprechern sein, auf die Bilder von 20 Tagen aus dem Leben Melania Trumps folgen - die ersten Tage des Jahres 2025, bevor Donald zum zweiten Mal zum US-Präsidenten vereidigt wird.

Zunächst flimmert wie üblich Werbung für andere Filme über die Leinwand, danach beginnt das 104 Minuten lange Hauptwerk. Doch je länger Melania sich durch die Minuten lächelt und mit Voiceover die Aufnahmen von sich selbst mit patriotischen Floskeln und pathetischen Banalitäten kommentiert, desto eindeutiger wird: Melania versucht sich an einer Kinorevolution. Die Trailer davor werden die einzigen Filmszenen sein, die man zu sehen bekommt. Dieses Mal kommt die Werbung danach.

Werbung für sich und ihren Ehemann, für ihre Aufgaben in dessen Kosmos, ihre Talente, angeblich hehren Prinzipien und Ziele. Darin sind die Vereinigten Staaten eine Abfolge von Flügen zwischen Mar-a-Lago, New York und Washington, von unterwürfigen Schneidern und ihren Abendkleidern, verschiedenen High Heels, Sonnenbrillen hinter verdunkelten Limousinen-Fenstern, überladen mit patriotischer Phrasendrescherei, die den Film zu einem republikanischen Werbefilm, vielleicht sogar Propagandastreifen macht. Für die angebliche Doku der First Lady gab Amazon rund 75 Millionen Dollar aus, 28 Millionen davon flossen direkt in Melanias Tasche.

Hauptsache High Heels

Die Zuschauer bekommen keine Konflikte zu sehen oder zu hören, sondern eine perfekte Traumwelt, die sich Melania als Produzentin selbst zusammengesponnen hat und wo sie die Geschicke der anderen mitlenkt. Eine Welt, wo sie etwa die Ehefrau einer israelischen Geisel trifft und ihr verspricht: Donald werde es nach Amtsantritt zu seiner Priorität machen, ihr zu helfen. In der sie sagt: "Kinder werden immer meine Priorität sein", und Brigitte Macron wie eine alte Freundin anruft, um darüber zu sprechen.

Es braucht einen Anlauf vieler Nichtigkeiten, Nahaufnahmen von Schuhen, Stoff und perfekt sitzenden Haaren, bis Melania in ihrem Film das erste Mal etwas Persönliches preisgibt. Es geht um ihre verstorbene Mutter, die deshalb nicht erneut mit ins Weiße Haus ziehen wird. Es sei "ein sehr wichtiger Ort in der Geschichte unseres Landes", erklärt sie in diesem Zuge. Diese Spannungsstärke behält der Film bei.

Laut Melania erfindet sie die Rolle der First Lady mit ihren Tätigkeiten derzeit neu. Das bekommt auch Donald zu spüren. "Hast Du es geguckt?", fragt er hörbar stolz per Handy, als das Maß seines Wahlsiegs deutlich wird. "Nein, ich hatte den ganzen Tag Meetings", erklärt sie ganz geschäftlich. "Ich werde mir die Nachrichten angucken. Glückwunsch." Und Donald: "Ja, so etwas gab es noch nie. Niemals." Melania lobt: "So viel ist sicher."

Überwältigende Gegensätze

Die Bilder und darüber gesprochenen Sätze Melanias reihen überwältigende Gegensätze zur Politik ihres Mannes aneinander; als hätte jemand mit aller Macht versucht, "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen" in filmischer Form zu widerlegen. Melania spricht von Liebe, von ihrem Aufstieg als Einwanderin, unterhält sich mit einer anderen darüber, die den "Amerikanischen Traum" lobt. "Es sollte nur Liebe, keinen Hass auf der Welt geben", sagt das Ex-Model an einer Stelle: "Es gibt zu viel Hass." Der altbewährte Bühnenwunsch nach "World Peace" in anderem Wortgewand. Es ist zum Fremdschämen.

Als Melania in einem Nebenraum des Kapitols von Washington auf ihren Auftritt warten wird, sie trägt nun das zuvor für sie geschneiderte schwarz-weiße Kleid mit Hut, beobachtet sie per Fernsehsender CNN, was im Saal der Vereidigung vor sich geht. "Jeder sollte alles in seiner Macht Stehende tun, um unsere individuellen Rechte zu schützen", sinniert sie; am Ende des Anti-Migranten-Wahlkampfes, der ihren Mann und sie zurück an die Macht gebracht hat. "Letztlich sind wir alle, unabhängig davon, woher wir kommen, durch dieselbe Menschlichkeit miteinander verbunden", säuselt Melania.

Am Vortag hatte Elon Musk vor Tausenden Besuchern bei der Siegesfeier ihres Mannes zweimal den Hitlergruß gezeigt. Nach der Vereidigung wird Donald eine ganze Serie an Dekreten unterschreiben, unter anderen: Rückzug aus der Weltgesundheitsorganisation, Ende von Gleichstellungs- wie Anti-Rassismus-Maßnahmen in US-Behörden, Härteres Vorgehen gegen Migranten, und viele mehr.

Melania und ihr Film pflegen zudem Donalds Opfermythos. "Niemand hat in den vergangenen Jahren so viel durchgemacht wie er", meint sie; es klingt, als zitiere sie aus einer Wahlwerbung: "Man hat versucht, ihn zu ermorden, ihn einzusperren, ihn zu verleumden, und doch ist er noch da. Ich bin so stolz auf ihn."

Sie kann es sich leisten

Am ersten Todestag ihrer Mutter fährt Melania in die St. Patricks Kathedrale nach Manhattan, fünf Blocks vom Trump Tower entfernt. Donald ist noch nicht Präsident, aber der Zugang ist für sie abgesperrt, die Geistlichen empfangen sie persönlich und Melania lässt sich segnen. Dies ist mit einer Live-Version von Aretha Franklins "Amazing Grace" unterlegt, eine Bürgerrechtshymne Schwarzer US-Amerikaner. Als Melania eine Kerze anzündet, applaudiert das Publikum. Eine bizarre Überschneidung von Bild und Ton.

Während all dem verfolgt die Kamera sie als diejenige, die sie ist: Eine Frau, die sich leisten kann, tatsächlich in dieser abgeschotteten Fantasiewelt zu leben, womöglich sogar muss an Trumps Seite; mit Modedesignern, die ihr auf Schritt und Tritt folgen; der jeder Wunsch von den Augen abgelesen wird, weil immer jemand herumschwirrt, der dafür bezahlt wird. Die Abfolge von großen Autos, Flugzeugen, Gold und Stein, begleitet von Klaviermusik, erinnert an die Fernsehserie "Succession", in der ein Familienpatriarch sein konservatives Medienimperium lenkt. Die sich wie Könige aufführen, die alles dürfen, weil sie es können.

Nach Donalds erstem Wahlsieg 2016 soll Melania vor Entsetzen geweint haben, weil sie die öffentliche Rolle der First Lady nicht übernehmen wollte. Neun Jahre später hat sie sich damit allerbestens arrangiert. Als Melania einmal mehr in einer Limousine in New York herumfährt, wird sie aus dem Off gefragt, wer ihr Lieblingsmusiker sei. "Michael Jackson", antwortet sie. Und ihr Lieblingssong? "Billie Jean". Die Musik erklingt im Auto. "Be careful of who you love / And be careful of what you do"; Melania trällert Teile mit, während draußen die Stadtszenerie vorbeizieht, "cause the lie becomes the truth".

Quelle: ntv.de

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