Kino

Amazing Aretha Die Soul Queen ruft zum Göttinnendienst

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Aretha Franklin 1972 in "Amazing Grace": Bei ihrer elfminütigen Darbietung des Titelsongs kann sogar der Reverend seine Tränen nicht mehr zurückhalten.

(Foto: imago images / Prod.DB)

Wenn Sister Aretha Franklin in einer Kirche Gospels singt, ist natürlich auch das purer Soul. Intensiv, eindringlich, voller Schmerz und voller Liebe. Sydney Pollack war mit der Kamera 1972 bei den Aufnahmen zu "Amazing Grace" in einer Kirche in Los Angeles dabei - nun endlich kommt der Film ins Kino.

Als die Aufnahmen zu "Amazing Grace" entstanden, im Januar 1972, war Aretha Franklin schon ein Star. Sie war noch nicht mal dreißig Jahre alt, aber hatte schon mehr als zwanzig Studioalben herausgebracht, fünf Grammys und elf Nummer-eins-Hits. Angefangen zu singen hatte die Soul-Königin, wie so viele, als Kind in der Kirche - in der Baptistenkirche, in der ihr Vater C. L. Franklin Prediger war. Nun kehrte sie zu ihren musikalischen Wurzeln zurück - auch, um Vorwürfen zu begegnen, sie sei zu weltlich geworden und hätte sich zu sehr von der Kirche, vom Glauben entfernt - und nahm in der Missionary Baptist Church in Los Angeles ein Gospelalbum auf. Es wurde das meistverkaufte Gospelalbum aller Zeiten.

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Die Aufnahmen zu "Amazing Grace" entstanden in einer einfachen, schlichten Baptistenkirche in Los Angeles.

(Foto: Courtesy of Amazing Grace and Weltkino)

Dass der Kinozuschauer an den Aufnahmen und diesem denkwürdigen Ereignis teilhaben kann, liegt zum einen daran, dass Franklin das Album nicht im Studio aufnehmen wollte, sondern öffentlich und live - das Publikum sollte zu hören, die besondere Atmosphäre zu spüren sein. Zum anderen, weil Warner Brothers den Starregisseur Sydney Pollack beauftragt hatte, das Kirchenkonzert zu filmen - Warner hoffte damit den (finanziellen) Erfolg der "Woodstock"-Doku wiederholen zu können.

Verzaubert, hingerissen, berührt, gebannt

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Aretha Franklin bewegte die Zuhörer in der Kirche tief.

(Foto: Courtesy of Amazing Grace and Weltkino)

  Die Aufnahmen entstanden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, Aretha Franklin wurde begleitet von Reverend James Cleveland und dem Southern California Community Choir. Im Publikum: mehrheitlich Schwarze, vereinzelt Weiße - darunter auch Mick Jagger und Charlie Watts von den Rolling Stones, die sich dieses besondere Konzert nicht entgehen lassen wollten. Die Kamera zeigt: Wie alle anderen sind sie verzaubert, hingerissen, berührt, gebannt. Die Zuhörer singen, tanzen, weinen, beten, klatschen mit.

Denn Aretha Franklin ist zu sehen und zu hören in all ihrer Kraft und Herrlichkeit. Ihre Stimme, ihr Gesang ist voller Liebe, Verzweiflung, Schmerz, Not, Trost, Dankbarkeit, Sehnsucht, Inbrunst - aber immer wieder und vor allem Liebe, denn darum geht es ja auch beim Gottesdienst: um die Liebe zu Gott. Aber auch nichtreligiöse Menschen dürfte ihre Kraft und Intensität nicht kaltlassen. Die Kamera kommt Aretha Franklin sehr nahe, ihr läuft der Schweiß in Strömen, die Schminke verläuft, sie singt so voller Hingabe, dass es ans Herz geht, so berührend, dass man innerlich vor ihr auf die Knie geht. Anbetungswürdig.

Film-Material erst unbrauchbar

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Manche Gospels singt Franklin stehend, manche am Klavier sitzend - sie war nicht nur eine herausragende Sängerin, sondern auch eine gute Pianistin.

(Foto: Courtesy of Amazing Grace and Weltkino)

Warum kommt der Film erst jetzt, Jahrzehnte später, in die Kinos? Das hatte erst technische, dann juristische Gründe: Ton- und Bildspur waren durch einen Fehler nicht synchron, das gedrehte Material war unbrauchbar; das Problem konnte erst viel später mit digitaler Technik behoben werden. Dann aber war Aretha Franklin nicht mehr mit der Veröffentlichung einverstanden; erst nach ihrem Tod im August 2018 stimmte ihre Familie zu. Die Dokumentation ist der erste in einer Reihe von aktuellen Filmen, die sich dem Leben der Queen of Soul widmen - 2020 kommt das Biopic "Respect" ins Kino, in dem Jennifer Hudson die Hauptrolle übernommen hat. Und National Geographic widmet Franklin den dritten Teil seiner "Genius"-Reihe; sie folgt dort auf Albert Einstein und Pablo Picasso. Gespielt wird sie hier von Cynthia Erivo. Die Dreharbeiten haben im November begonnen, im Frühjahr 2020 soll "Genius: Aretha" dann zu sehen sein.

"Amazing Grace" lief im Wettbewerb der Berlinale 2019 - ich erlebte eine der Vorstellungen, bei der nicht wenigen Zuschauern die Tränen liefen, am Ende des Films brandete lauter Beifall und Jubel auf und alles tanzte zum Abspann aus dem Saal. Wer noch eines Beweises bedurfte, warum Aretha Franklin zur Queen of Soul gekürt wurde: Hier ist er.

Am 28. November kommt "Amazing Grace" in die deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de