Unterhaltung

Großkonzert in Berlin geglückt Roland Kaiser macht die Krise vergessen

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Roland Kaiser hat in Berlin ein Großkonzert gegeben - und ist nun der Heilsbringer der Unterhaltungsbranche.

(Foto: dpa)

Als erster Künstler durchbricht Roland Kaiser die Zwangspause für Großveranstaltungen. In der Berliner Waldbühne gibt der Schlagerstar ein Konzert vor Tausenden Fans und sendet damit ein Signal. Das Krisenkonzept geht auf, Zweifel bleiben.

Die Herausforderung für Roland Kaiser war reizvoll, aber auch enorm: Gelingt es dem Schlagerstar, mit einem Konzert vor Tausenden Fans die kulturelle Corona-Tristesse im Land zu zerschlagen? Seit mehr als einem halben Jahr stand die deutsche Konzertbranche wegen der amtlichen Pandemie-Vorgaben nahezu still. Bis zu jenem angenehmen Spätsommerabend in der Berliner Waldbühne. Als erster Künstler trat Roland Kaiser wieder vor Publikum in nennenswerter Größenordnung auf, um inmitten der Krise ein Zeichen für Normalität zu setzen. "Jeder soll merken, dass alle in der Veranstaltungsbranche zurück wollen und dass Konzerte möglich sind", hatte er vor dem Auftritt gegenüber ntv.de verkündet. Wenige Stunden später lässt der 68-Jährige seinen kühnen Worten Taten folgen.

Am Abend erscheint auf den ersten Blick alles wie immer, wenn die Waldbühne zu einem Konzert lockt. Menschen strömen massenweise in den tiefsten Berliner Westen, fliegende Händler bewerben ihre Getränke. Die Stimmung ist gelöst. Doch dann erinnern Lautsprecheransagen mehrfach an mittlerweile Altbekanntes: Masken, Abstand, Handwäsche. Zur Sicherheit gibt es auch Plakate, das Hygienekonzept ist allgegenwärtig. Sogar auf dem Boden, wo Pfeile und Linien die Richtung vorgeben. Fieber gemessen wird nicht, dafür müssen am Einlass persönliche Daten hinterlassen werden. Danach: Zugewiesenen Platz ein- und Maske abnehmen. Das von Veranstalter Semmel und der Waldbühne erarbeitete Konzept wirkt. Normalität? Bislang Fehlanzeige.

Doch all dies gehört zum Preis dieses Pilotprojekts, dessen Flugkapitän mit mehr als 90 Millionen verkauften Platten ein Schwergewicht der Schlagerbranche ist. "Roland Kaiser ist einer der erfolgreichsten Künstler in seinem Genre und ein langjähriger Partner. Wir haben ihn als erstes gefragt, ob er dieses Experiment mitmachen will und er hat sofort ja gesagt", sagt Veranstalter Dieter Semmelmann zu ntv.de.

Auch nicht nein gesagt haben die rund 3500 Fans. Zwar erlaubt die Infektionsschutzverordnung des Landes Berlin Freiluftveranstaltungen mit bis zu 5000 Personen, doch das bezieht auch sämtliches Personal mit ein. Und so ist der Anblick in der 22.000 Plätze fassenden Waldbühne gewöhnungsbedürftig.

"Kultur ist kein Luxus, sondern ein Grundbedürfnis"

Die erwartungsfrohe Stimmung wird nach oben katapultiert, als Roland Kaiser mit seiner Band die Bühne entert. Mit "Kurios" startet der Monarch der deutschen Musikszene fulminant in sein erstes Konzert seit sechs Monaten und beweist, dass er in der Zwangspause nichts verlernt hat. Jeder Dritte im Publikum zückt reflexartig sein Smartphone, der Rest tanzt und singt drauf los. Im bestuhlten Innenraum lässt der erste Discofox nicht lange auf sich warten, die abstandsgeregelten Leerreihen machen's möglich. Vier Frauen in der ersten Reihe halten ein Transparent in die Höhe: "Wir haben dich vermisst." Es scheint, als habe Kaiser im Gespräch mit ntv.de nicht zu viel versprochen, als er einen "emotionalen Abend" ankündigte. "Ich bin sowas von glücklich, ich hab Sie vermisst - und meine Band auch", sagt er nun und erinnert sich selbst daran, das Publikum zu duzen.

Es sei ein "Wiederanfang", verkündet Kaiser, der Hoffnungsträger der Unterhaltungsbranche. Zwar seien viele Dinge wichtiger als Kultur. "Aber Kultur ist kein Luxus, sondern ein Grundbedürfnis." Die Menge applaudiert. Mit verlässlicher Professionalität und beeindruckend voller Stimme schmettert Kaiser einen Ohrwurm nach dem anderen. "Santa Maria" - dessen 40. Bestehen Kaiser würdigt - ist ebenso dabei wie "Stark" oder "Ich glaub es geht schon wieder los". Viele Hits scheinen wie für die derzeitige Krise geschrieben: Die Sehnsucht nach Normalität, Unbeschwertheit und Konstanz vereint alle, die an diesem Abend gemeinsam mit Kaiser singen und schunkeln. Es scheint, als könne "der Kaiser" das Virus wegsingen. Bei all der Träumerei vergessen manche dabei die Maskenpflicht, doch Ordner schreiten schnell ein.

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Mit pinken Kaiser-Krönchen gegen die Krise: Fans bei dem Konzert in der Berliner Waldbühne.

(Foto: dpa)

Der Spagat zwischen Corona-Normalität und der altbekannten Welt, er ist allgegenwärtig. Zwar ist das Publikum mindestens genauso gut aufgelegt wie Roland Kaiser. Doch wer zwischendurch einen Blick in die Menge wagt, wird immer wieder an den experimentellen Charakter und die Besonderheiten dieses Abends erinnert. Enges Schunkeln? Nein. Viel Pink und Funktionskleidung? Ja. Erdbeerbowle? Nein. Von sieben Fässern Wein ganz zu schweigen. Alkoholische Getränke, das Schmiermittel der meisten Konzerte, sind nicht erlaubt.

Zweifel bleiben

Dennoch ist dieser beachtliche Auftritt des gebürtigen Berliners ein Heimspiel. Wie gewohnt ist Kaiser elegant in einen dunkelblauen Anzug gekleidet - Blau, die vertrauensstiftende Farbe. Ihm gegenüber wedeln euphorisierte Frauen mit Leuchtstäben, als wollten sie ihrer Ikone ein Zeichen geben, dass auch sie noch da sind. Das Konzert übertrifft alle Erwartungen.

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Es bleiben jedoch Zweifel, dass das Konzept dieses Abends auch für andere Musikgenres praktikabel ist. So könnte beispielsweise ein Rammstein-Konzert einen deutlich größeren Kraftakt voraussetzen. Der Auftritt von Roland Kaiser ist nur einer von sieben innerhalb der Konzertreihe "Back to Live", mit denen die Branche um Gehör und gegen den Untergang kämpft. Das erste Signal hat nun Roland Kaiser gesendet - in dieser Lungenviruskrise passenderweise einer, der eine transplantierte Lunge hat.

Nach knapp zwei Stunden verabschiedet sich Kaiser von seinem Publikum und von einem der wohl ungewöhnlichsten Auftritte seiner 46-jährigen Karriere. Eine Zeitlang hat er die Pandemie verfliegen lassen. Und das Experiment? Es darf als geglückt gelten, denn das Zeichen ist - vorbehaltlich einer konstanten oder gar besser werdenden Viruslage - eindeutig: Großkonzerte sind auch in Corona-Zeiten möglich. Nachdem der letzte Ton verklingt, herrscht wieder gespenstische Stille. Wie nach einer Andacht verlassen die Besucher beseelt, aber auch für Konzerte seltsam bedächtig ihren heutigen Tempel. Es wirkt, als hätten sie einen Ausflug in eine mittlerweile surreale Welt hinter sich. Ihre Masken erinnern sie daran, dass Roland Kaiser das Virus noch nicht vollends wegsingen konnte.

Quelle: ntv.de