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#ichauch, aber ... Sexismus, Passivität, Macht

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Das ist ein guter Anfang: keine Angst mehr zu haben!

(Foto: imago/Levine-Roberts)

"Männer sind Schweine", sangen bereits Die Ärzte. Dem ist nicht viel hinzuzufügen, werden viele Frauen nun denken, die bedrängt oder kaltgestellt wurden. Hoffentlich zeigen diese Frauen diese Männer in Zukunft an. Sofort! Damit wir kein #metoo mehr brauchen.

Es ist so unglaublich zweischneidig, dieses Schwert. Auf der einen Seite all die Frauen, die sexuell unterdrückt, bedrängt oder gar missbraucht wurden. Auf der anderen Seite die Frage: Warum in drei Teufels Namen habt ihr nichts gesagt, ihr Frauen? Ja, Angst ist ein großer Faktor, Scham auch, alles verständlich. Ich versteh' es trotzdem nicht. Ich werde gerade von allen Seiten aufgefordert, mich auf Facebook mit #metoo dazu zu bekennen, dass auch ich sexuell belästigt wurde.

Um das gleich vorweg zu klären: Es ist ein Verbrechen, wenn Frauen sexuell oder überhaupt bedrängt werden. Das fängt bei der Bloßstellung einer Schülerin an, geht über eine dumme Anmache der Studentin und endet bei der tatsächlichen Vergewaltigung einer Frau. Diese Art von Machtausübung eines männlichen über ein weibliches Wesen ist strengstens zu verurteilen. Es geht um Dominanz. Das hat jedoch nicht immer etwas mit Sex zu tun. Es ist dennoch verachtenswert und hinterlässt Spuren und Narben. Diese Art von Macht versuchen allerdings auch Frauen über andere Frauen auszuüben, Männer über Männer, immer ein vermeintlich Stärkerer über einen vermeintlich Schwächeren. Alles ekelhaft.

Zurück zu #metoo: Ich musste tatsächlich eine Weile überlegen, ob ich überhaupt schon mal sexuell belästigt wurde - und komme zu folgendem Ergebnis: Ja. Oft. Dennoch fühle ich mich nicht #metoo. Der Lehrer, der so tat, als hätte er was mit mir gehabt auf einer Schülerreise - peinlich. Ein anderer Lehrer stand im Schulgebäude immer am Treppengeländer unten und schaute allen Mädchen unter den Rock. Nicht einfach bei der damaligen Jeans-Dichte. Ganz arm. Solche Geschichten können alle Mädchen erzählen, da bin ich sicher. Und wenn ich mich etwas geschmeidiger in der Uni angestellt hätte, dann würde ich jetzt vielleicht sogar im Fernsehen zu sehen sein. Aber egal, ich habe ja meinen Traumjob.

Raus aus der Passivitiät

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Ryan Gosling zum Beispiel tut es leid, dass er nie etwas bemerkt hat.

(Foto: dpa)

Ist eine Anmache in der Disko sexistisch? Tja, kommt drauf an. Irgendwie müssen Männchen und Weibchen ja zueinander finden und nicht jeder Spruch kann sitzen. Die Ohrfeige sollte allerdings sitzen, wenn ein Mann einer Frau zwischen die Beine fasst und zwickt und so guckt, als ob er dafür auch noch gelobt werden möchte. Dann gibt es eben Gewalt zurück - und die Erkenntnis, dass der Typ ein armes Würstchen ist.

Sollte frau das nun alles weiterhin einfach so hinnehmen? Niemals! Aber runterkommen von dieser Passivitäts-Schiene sollten wir, denn die klingt so: "Es werden Frauen vergewaltigt. Es werden Mädchen belästigt. Teenagermädchen werden schwanger. Gegen Frauen wird Gewalt ausgeübt." Ist in diesen Feststellungen, diesen Sätzen, einmal das Wort "Mann" vorgekommen? Sollte es nicht heißen: "Männer vergewaltigen. Jungs belästigen. Ein Mann/Junge hat einen Teenager geschwängert. Mann übt gegen Frau Gewalt aus." Das ist aktiv. Das ist grausam, bescheuert, dumm. Man/frau sollte das anzeigen, dringend. Frauen sollten sich nicht schämen!

Ja, Frauen müssen Angst haben vor Brutalität, das müssen Männer aber auch. Und Frauen haben Angst davor, ihren Job zu verlieren oder gar nicht erst zu bekommen, das haben Männer aber auch. Es gibt Männer, die fürchten sich regelrecht vor der Frauenquote. Denn es könnte eine Frau einen Job bekommen, für den ein Mann besser qualifiziert sein könnte. Stimmt. Aber umgekehrt ist das schon immer so, get over it!

"Was macht eigentlich ...?"

Und hat uns Hollywood-Aktrice Jennifer Lawrence nicht gerade wissen lassen, dass bei einem Casting eine ProduzentIN sie aufgefordert hatte, sich mit ungefähr fünf anderen Frauen, die viel, viel dünner als sie waren, nackt aufzustellen? Nach dieser demütigenden Prozedur habe ihr die Produzentin obendrein gesagt, sie solle die Fotos, die davon gemacht wurden, als Inspiration für ihre Diät verwenden. Das ist richtig erniedrigend. Und ging von Frau zu Frau. Weil auch Frauen Schweine sind, nicht nur Männer.

Jede Art von Chauvinismus gehört geächtet. Und auch die, die jetzt sagen: "Pffh, diese Besetzungscouch beim Film, die gab es doch schon immer", machen die Tatsache kein bisschen weniger dramatisch, bloß weil es "schon immer so war". Das muss aufhören! Wenn Frauen auf der "Besetzungscouch" nämlich nicht Platz genommen oder ihre Brüste gezeigt haben oder dem Mann auf andere Art und Weise zur Hand gegangen sind, dann hat sich das in den meisten Fällen ganz sicher dramatisch auf ihre Karriere ausgewirkt. Und wir haben uns nur gefragt: "Was macht eigentlich ...?"

Kamen in diesem Text jetzt einmal die Worte "Harvey" und Weinstein" vor? Nein, und das kann ja nicht sein, wenn es um das Thema #metoo geht. Daher hier nun die Aufforderung an - zum Beispiel - Harveys Bruder Bob, sich mit "me, too" zu bekennen, denn der soll auch Frauen bedrängt und von den Machenschaften seines Bruder gewusst haben. Ja, hier direkt mal eine Aufforderung an alle Männer, sich mit "me, too" zu bekennen, die einer Frau unlauter an die Wäsche gegangen sind, sie ausgenutzt haben, erniedrigt haben, von Dingen gewusst und dennoch geschwiegen haben. Selbst unser Liebling Colin Firth bekennt, sich schuldig zu fühlen, weil er bereits vor langer Zeit über Weinstein Bescheid wusste und nichts gesagt hat.

Festzustellen bleibt: Nicht alle Männer sind schlecht, auch wenn fast alle Frauen sich bereits sexuell bedrängt fühlten. Die Botschaft ist und kann nur sein: Passt auf eure Töchter auf, auf eure Freundinnen, eure Mütter, eure Kolleginnen. "Es" wird ihnen passieren, aber sie können gewappnet sein. Sie können sich wehren, sie müssen nicht schweigen!! Vor allem müssen sie nicht jahrelang schweigen! Bei leichter Anmache: Auslachen! Bei Belästigungen durch Lehrer oder Profs oder Vorgesetzte: weitersagen, anzeigen. Bei schlimmer körperlicher Bedrängung: wegrennen, schreien, auf jeden Fall anzeigen. Und zwar sofort!!

Sicher gilt weiterhin nicht nur in Hollywood: "Sex sells". Aber ganz sicher gilt auch weiterhin, dass zum Sex Freiwilligkeit und Freude gehört. Von allen Seiten.

Quelle: n-tv.de

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