Oscar-Favorit "Marty Supreme"Timothée Chalamet schlägt ganz groß auf

Nicht erst seit gestern wird Timothée Chalamet zu den herausragenden Jungstars in Hollywood gerechnet. Und für seine Rolle in "Marty Supreme" winken dem 30-Jährigen nun tatsächlich auch Oscar-Weihen. Seine Verkörperung eines erfolgshungrigen Tischtennisspielers ist brillant.
In seinem neuen Film hat Timothée Chalamet ziemlich sichtbare Aknenarben. Das veranlasste seine Schauspielkollegin Gwyneth Paltrow dazu, ihm am Rande des Drehs Hautpflegetipps zu geben. Was Paltrow aber nicht wusste: Die Aknenarben sind nur Teil von Chalamets Maske. In echt, erzählte Paltrow in einem Interview, habe Chalamet wunderschöne Haut.
Die beiden sind zusammen in "Marty Supreme" zu sehen. Und wie in allen seinen Filmen zuletzt wirkt Chalamets Rolle so authentisch, dass die Grenzen zwischen echtem Menschen und Filmfigur schon mal verschwimmen. Chalamet verkörpert einen Tischtennisspieler mit Aufstiegshunger, dem alles recht ist, um sein Ziel zu erreichen.
Der Film ist weniger Sportlerbiografie als Charakterstudie. "Marty Supreme" erzählt vom Preis des Ehrgeizes und einer wahnhaften Suche nach Erfolg. Im Fokus steht ein junger Mann namens Marty, der im Manhattan der frühen 1950er Jahre aufwächst und eigentlich im kleinen Schuhgeschäft seines Onkels arbeiten soll.
Marty aber hat andere Ziele und will Tischtennis-Champion werden. Um sich Reisen zu verschiedenen Turnieren etwa in Japan finanzieren zu können, belügt er seine Familie, beklaut sein Umfeld und strotzt dabei vor Selbstvertrauen. Während er mit Turnieren um die Welt reist, wartet in New York seine schwangere Affäre - die aber eigentlich mit jemand anderem verheiratet ist.
"Hitlers schlimmster Alptraum"
Er habe dafür jahrelang Tischtennis gelernt, sagte Chalamet. Und präsentierte sich in Interviews zum Film so größenwahnsinnig wie sein Filmcharakter. Er erzählte auch, dass er Kontaktlinsen getragen habe, die sein Sichtfeld verschwammen - so dass er wie sein Filmcharakter eine Brille mit echter Sehstärke tragen konnte.
In "Marty Supreme" erreicht Chalamet, da ist sich die Kritik einig, tatsächlich Großes. Er verkörpert seinen Antihelden mit beeindruckender körperlicher Präsenz. Jede nervöse Schulterbewegung, jeder Blick erzählt vom inneren Druck, der Marty antreibt.
Ein Teil von Martys Selbstverständnis liegt - so legt es der Film nahe - in seiner jüdischen Identität und dem Erbe des Holocaust begründet. Er sei "Hitlers schlimmster Alptraum", sagt er an einer Stelle.
Gwyneth Paltrow als Gegengewicht
Im Interview des Senders NPR beschrieb Regisseur Josh Safdie Martys Ausgangslage so: "Er stammt aus einem sehr provinziellen Ort, der Lower East Side, Mitte des 20. Jahrhunderts, die zwar ein Schmelztiegel war, aber eine hohe Konzentration jüdischer Einwanderer aufwies. Und nach dem Krieg blühte das Konzept des jüdischen Stolzes gewissermaßen auf. Und das Überleben des Holocaust war etwas, worauf man irgendwie stolz sein konnte."
Grundsätzlich geht es auch um die Schattenseiten der US-amerikanischen "hustle culture", also einem Lebensstil, der Selbstoptimierung, Leistung und ständige Arbeit glorifiziert. Das hat Safdie gemeinsam mit seinem Bruder Benny schon im Film "Der schwarze Diamant" (Originaltitel: "Uncut Gems") mit Adam Sandler thematisiert.
Ein Gegengewicht zu Marty bildet die abgeklärte Filmdiva Kay Stone (Paltrow). Marty lernt sie in einem Hotel kennen und beginnt eine Affäre mit ihr. Sie ist mit einem sehr reichen Unternehmer verheiratet, von dem sich Marty Geld erhofft. Dafür lässt er so einiges mit sich machen - sich zum Beispiel mit einem Tischtennisschläger den nackten Hintern verprügeln. Einem Interview mit Darsteller Kevin O'Leary zufolge verzichtete Chalamet in dieser Szene auf ein Double.
Herausragende Kameraarbeit
Der Schauspieler und seine Kolleginnen machen den Film ebenso sehenswert wie die herausragende Kameraarbeit. Safdie inszeniert "Marty Supreme" sehr gelungen als nervöses Sittenbild der Nachkriegszeit. Die Kamera ist rasant, saust mit dem Tischtennis-Ball hin und her oder rast mit Marty auf einer Flucht die Feuertreppe hinterher. Das New York der 1950er Jahre ist schmutzig, laut und voller Verheißungen, die nur selten eingelöst werden.
Es gibt im Film zudem einige eigenwillige Ideen, die gut funktionieren. Gleich am Anfang etwa hat Marty mit seiner Jugendfreundin Rachel (Odessa A'zion) in einem Lagerraum Sex. Was daraus resultiert, ist in einer Art Retro-Animation zu sehen: Spermien befruchten eine Eizelle, die sich schließlich in einen Tischtennis-Ball verwandelt.
Das Filmgeschehen ist mit einem herausragenden 1980er-Jahre-Soundtrack unterlegt. Tears for Fears' "Everybody Wants To Rule The World" ist ebenso zu hören wie "Forever Young" von Alphaville.
"Ein unglaublicher Moment"
Doch vor allem bleibt der Film wegen Chalamets Schauspielleistung in Erinnerung. Er gilt als heißer Anwärter für den Oscar als bester Darsteller. Insgesamt ist "Marty Supreme" neunmal für die Oscars nominiert, die Verleihung findet in der Nacht vom 15. auf den 16. März statt.
Wie kam es eigentlich zur Zusammenarbeit? Safdie erzählte in einer Pressekonferenz, er sei mit "Call Me By Your Name" auf Chalamet aufmerksam geworden. Das Drama war Chalamets Durchbruch. Safdie sah den Film in New York, wie er bei einer Pressekonferenz erzählte, anschließend gab es eine Fragerunde mit dem Filmteam. "Und du sitzt nicht still, sondern wippst hin und her und fällst auf den Hintern", sagte Safdie an Chalamet gewandt.
"Das gesamte Publikum, 1200 Leute, hat gelacht (...). Das war ein unglaublicher Moment. Für mich war es einfach perfekt, weil er dieser superernste, verschlossene Typ war, der auf den Hintern fällt. Da war ein Teil von Marty dabei, und da dachte ich mir: Oh Mann, mit dem Typen muss ich arbeiten."
"Marty Supreme" läuft ab 26. Februar in den deutschen Kinos.