Unterhaltung
Bei Ann-Marlene Henning wird auch schon mal mit den Papp-Daumen darüber abgestimmt, wie man sich am besten in den Sozialen Netzwerken verhält.
Bei Ann-Marlene Henning wird auch schon mal mit den Papp-Daumen darüber abgestimmt, wie man sich am besten in den Sozialen Netzwerken verhält.(Foto: Gebrüder Beetz Filmproduktion)
Dienstag, 12. Juli 2016

"Hör auf mit der Hirnwäsche, Hure!": Wer hat Angst vor Aufklärung?

Von Samira Lazarovic

Teenager haben Fragen zum Thema Sex und homosexuelle Pärchen brauchen auch mal Hilfe in Sachen Intimität und Nähe. Was für TV-Sexologin Ann-Marlene Henning das Normalste der Welt ist, verleitet "neue Puritaner" zu schlimmen Drohungen.

"Ich habe noch keine Kinder, aber sollte ich welche bekommen, hoffe ich, dass du bis dahin tot bist und deine Ideologie mit dir." - "Die Hirnwäsche, die Sie Kindern unterziehen, ist offensichtlich dazu gedacht, Ihren pädophilen Neigungen öffentlich nachzugehen."

Die Sexologin Ann-Marlene Henning wappnet sich schon für die Reaktionen auf die neuen Make-Love-Folgen: "Mir hat vor allem geholfen, mit Experten darüber zu reden, welches Weltbild hinter den Beschimpfungen steht."
Die Sexologin Ann-Marlene Henning wappnet sich schon für die Reaktionen auf die neuen Make-Love-Folgen: "Mir hat vor allem geholfen, mit Experten darüber zu reden, welches Weltbild hinter den Beschimpfungen steht."(Foto: Gebrüder Beetz Filmproduktion)

Solche Mails erreichen Ann-Marlene Henning regelmäßig. Die "neuen Puritaner", wie die Sexologin die Absender nur noch halb scherzhaft nennt, schreiben unter Klarnamen nicht nur Klartext. Aus dem konservativ-rechtspopulistischem Milieu heraus wurde auch ein Internet-Video verbreitet, in dem nicht nur die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung angegriffen wird, sondern auch Henning. "Danach fingen die Todesdrohungen an, ich wurde als Superhure beschimpft und so weiter." Grund: Die Aufklärungsarbeit der Sexologin.

Schon ihr erstes Buch "Make Love", ein Aufklärungsbuch für Teenager und Erwachsene, hatte hohe Wellen geschlagen. "Mittlerweile habe ich hier Brief und Siegel von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, dass das Buch jugendfrei ist." Zuletzt sorgte Anfang des Jahres ihre Zusammenarbeit mit einer Hamburger Schule für Aufruhr. In einer Schriftlichen Kleinen Anfrage an den Senat beschwerte sich ein AfD-Abgeordneter über den Vortrag Hennings, der "schambehaftete Äußerungen zu Sexualpraktiken" enthalten haben soll. Was war das für ein Vortrag? "Ich bin auf Wunsch der Eltern in die Schule gegangen und habe dort keinen Aufklärungsunterricht gemacht, sondern einfach nur die Fragen der Schüler beantwortet", erzählt Henning n-tv.de. Fragen wie "Kann ich nur Sex haben, wenn ich mir vorher Achseln und Schambereich rasiere?" oder "Bin ich sexsüchtig, weil ich ein paarmal am Tag an Sex denke?" bewegten die Jugendlichen. 

Generation Sehnsucht statt Generation Porno

Dass die Vermittlung eines positiven Bildes der menschlichen Sexualität zum regulären Aufklärungsunterricht gehört, sah auch der Hamburger Senat in seiner Antwort auf die Kleine Anfrage so.

Auch wenn der Streit um die Hamburger Schule beigelegt ist, das Thema Kinder und Sexualität bleibt ein Aufreger: "Was Kirche und Staat nicht geschafft haben zu verbieten, das schaffen jetzt die neu aufkommenden Moralverhandlungen der Gesellschaft", glaubt Henning. "Bei Kindern und Sexualität wird gleich an Pädophilie gedacht. Dabei ist Aufklärung so wichtig, denn wo Verbote und Unwissen sind, passieren mehr Grenzüberschreitungen. Das sollte auch den neuen Puritanern klar sein, wenn sie das Reden über Sex verbieten wollen."

In dieser Stimmung wird wohl auch gleich die erste Folge ihrer neuen "Make-Love"-Doku-Reihe, die das ZDF ab den 12. Juli sendet, für Aufregung sorgen: "Wie lieben Teenager?" Henning will in einer Leipziger 9. Klasse herausfinden, ob Kinder heutzutage angesichts der ständigen Verfügbarkeit von Pornografie im Internet verrohen.

Die Antwort nach der 45-minütigen Folge: Überhaupt nicht. Stattdessen halten die Jugendlichen Werte wie Liebe und Treue hoch. "Für mich ist das nicht die Generation Porno, sondern die Generation Sehnsucht", meint Henning. Sie sind vorsichtig, fast weise bei der Wahl ihrer Partner ("Erstmal das Paket öffnen, um zu sehen was drin ist") und reagieren rührend, als sich ein Klassenkamerad als homosexuell outet.

Das war auch für Ann-Marlene Henning und ihr Team eine herausfordernde Situation. "Wir haben diskutiert, ob wir das überhaupt zeigen sollen und dem Jungen klargemacht, was eine Ausstrahlung bedeutet. Auch mit seiner Mutter haben wir natürlich geredet, die wusste bis dahin nichts von der Homosexualität ihres Sohnes", erzählt Henning. Die Mutter reagierte entspannt und der Junge blieb dabei. Es wirkt, als habe der Schüler nur auf die Sexologin gewartet, um sein Anliegen loszuwerden. "Hat er auf jeden Fall", bestätigt Henning. "Wäre das vor der Klasse schiefgegangen, hätte ich eingreifen können. Ich würde auch anderen Jugendlichen in einer solchen Situation raten, eine Vertrauensperson einzubeziehen."

"Homosexualität ist kein wildes Thema"

Was tun mit der Sehnsucht nach mehr Nähe und Intimität? Die Tipps, die Ann-Marlene Henning für das homosexuelle Paar in den neuen Folgen hat, können ebenso heterosexuellen Paaren nützlich sein.
Was tun mit der Sehnsucht nach mehr Nähe und Intimität? Die Tipps, die Ann-Marlene Henning für das homosexuelle Paar in den neuen Folgen hat, können ebenso heterosexuellen Paaren nützlich sein.(Foto: Gebrüder Beetz Filmproduktion)

Wichtig sei zudem die offene, liebevolle Atmosphäre gewesen, die der Junge mit ihrem Team erlebt habe, so Henning. "So müsste es bei diesen Themen immer sein, wertfrei und wohlwollend!" Wie auch bei der Make-Love-Folge "Routine im Alltag", wo Sexologin erstmals im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein homosexuelles Paar berät. Die Folge soll am 20. Juli gesendet werden.

Dass es für Furore sorgt, wenn im ZDF ein homosexuelles Paar beim Sex zu sehen ist, kann Henning nicht verstehen. "Ich sehe kein wildes Thema hier, das ist ein ganz normales Paar, süß und sehnsüchtig." Auch Berichte darüber, wie mutig das ZDF ist, das Format des dafür mehrfach mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Produzenten Christian Beetz überhaupt zu zeigen, findet die Sexologin zum Schmunzeln.

"Sicher hat die Genehmigung länger gedauert, Stichwort Gremien", so Henning. Aber hinterher war dann die Sorge groß, dass die homosexuelle Gemeinde enttäuscht sein könnte, weil das gezeigte Paar so "normal" sei. "Ich wette: Die schreien 'Hurra' und laufen im Kreis, weil sie nicht als Sondergruppe dargestellt werden!"

Witzig sei auch die Betitelung der Folge mit "Routine im Alltag", findet sie: "Hier ging es nämlich eigentlich um ein homosexuelles Paar, das Probleme mit Analsex hat." Könne sie verstehen, dass es für einige Fernsehzuschauer schwierig ist, sich diese Folge anzuschauen? "Nicht wirklich", sagt Henning. "Wenn man sich die Szenen mit unserem Modell-Paar anschaut, könnte das auch ein heterosexuelles Paar sein. Da sind wahrscheinlich einfach die Vorstellungen mancher Zuschauer sehr eng, wie Sex zwischen zwei Männern aussieht. Das passiert, wenn man sich nicht traut zu fragen oder auch schlicht niemanden kennt, der sich damit auskennt." Doch alles was nicht in die eigene Vorstellung reinpasse, könne unter bestimmten Umständen von bestimmten Gruppen abgelehnt werden. "Aber über die haben wir ja schon gesprochen."

Quelle: n-tv.de