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"Zwei Handvoll Leben" Anna und Charlotte - ganz normale Frauen?

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Katharina - die Enkelin von Anna und Charlotte.

(Foto: Jürgen Bauer)

Dies ist die Geschichte zweier junger Frauen, Anna und Charlotte. Sie haben vollkommen unterschiedliche Startbedingungen - die eine, Anna Tannenberg, in eher bescheidenen Verhältnissen in einem kleinen Ort im Spreewald, und die andere, Charlotte Feltin, auf einem Hofgut in Sachsen aufgewachsen. Dennoch sind sich die beiden Frauen ähnlicher, als man denken könnte. Beide haben Eltern, die ihre Mädchen - auf ihre Art - lieben, und sie haben Pläne. Eltern und Töchter müssen sich jedoch eingestehen, dass nicht nur die starken Charaktere der Mädchen für Verwirrung und Trubel sorgen, sondern dass vor allem die Geschicke der Weltpolitik ihnen allen einen Strich durch die Rechnung macht.

Anna und Charlotte sind nicht aus dem Jetzt, aber sie würden gut in unsere Zeit passen, denn Katharina Fuchs schreibt über zwei außergewöhnliche, starke Frauen - zwei Frauen, die vor über hundert Jahren geboren wurden, 1899 um genau zu sein, die zwei Weltkriege überlebt haben und ihre eigenen Enttäuschungen. Fuchs erzählt keine Fantasiegeschichte, sie schreibt über ihre beiden Großmütter, und zwar in einem abwechselnden Turnus, der es dem Leser und der Leserin möglich macht, vollkommenen Anteil an den jeweiligen Entwicklungen der beiden zu nehmen. Mit Spannung lesen wir, wie es Anna und Charlotte gelingt, trotz aller Widrigkeiten ein erfülltes Leben zu führen. Es ist die Ehe ihrer Kinder, die die beiden ungleichen Frauen dann zusammenführt: Anna und Charlotte begegnen sich 1953 in Berlin - hinter ihnen liegen zwei Weltkriege und ihr deutsches Schicksal.

Katharina Fuchs, geboren 1963 in Wiesbaden, studierte Jura, wurde Rechtsanwältin und Justiziarin eines Dax-notierten Unternehmens. "Zwei Handvoll Leben" basiert auf ihrer Familiengeschichte. Mit n-tv.de spricht sie über Anna und Charlotte.

n-tv.de: Frau Fuchs, wie haben Sie recherchiert, wann haben Sie angefangen?

Katharina Fuchs: Der Auslöser war tatsächlich ein Tagebuch von Charlotte, das ich aus ihrem Nachlass bekommen habe. Es enthält sporadische Einträge von 1933 bis 1953. Ich habe immer wieder darin geblättert, und der Gedanke, daraus einen Roman zu machen, ließ mich nicht mehr los. Aber auch das Leben meiner Großmutter Anna im Spreewald und in Berlin durch zwei Weltkriege hindurch, hat mich schon von klein auf fasziniert. Ich fing dann an, über beide zu schreiben, immer abwechselnd, mir fehlte aber die Vision für einen großen Roman. Das war vor circa fünfzehn Jahren. Erst vor zwei Jahren hat meine Literaturagentur diese ersten einhundert Seiten, die ich damals geschrieben habe, bei mir "entdeckt" und das Romanprojekt auf der Frankfurter Buchmesse unter den Verlagen versteigert. Das ist ein gängiges Prozedere in der Buchbranche. Danach wurde das Projekt endgültig zu einer "Herzenssache". Ich bin dann sehr tief in die Recherche eingestiegen, bin in den Osten gereist, wo ich das Herrenhaus abgerissen fand, habe Kontakt mit dem KaDeWe aufgenommen, wo Anna ja lange arbeitete, unzählige Geschichtsdokumentationen gelesen und angeschaut.

Haben Sie mit Ihren Großmüttern denn noch direkt über ihr Leben sprechen können? Wie viel ist Fiktion?

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Ja, glücklicherweise, denn sonst hätte ich das Buch nicht schreiben können. Sie sind erst 1982 und 1987 gestorben. Ich habe oft die Ferien in der Neuköllner Wohnung bei meiner Oma Anna verbracht, im geteilten Berlin. Übrigens dieselbe Wohnung, in die sie in den Zwanzigerjahren eingezogen ist, mit Kohlenheizung und Herdringen. Wenn sie aus den Zwanziger und auch den Dreißigerjahren über ihr Leben in Berlin erzählte, habe ich alles aufgesaugt. Und auch, wenn meine Oma Charlotte, meine Tanten und Onkel bei Familienfesten von unserem Hofgut in Sachsen erzählten, habe ich sehr genau zugehört. "Zwei Handvoll Leben" ist deshalb sehr eng an die echte Lebensgeschichte meiner Großmütter angelehnt.

Haben Sie mit Ihren Eltern viel über die Kriegszeiten geredet?

Das war ganz wichtig und ich sehe es als ein unschätzbares Privileg an, diese Möglichkeit immer noch zu haben. Sie sind 89 und 94 Jahre alt, geistig voll auf der Höhe und konnten mir noch unendlich viele Fragen beantworten, auch solche, über die früher eher geschwiegen wurde. Gemeinsam haben wir alte Fotos angesehen und gedeutet. Meine Mutter hat mir geholfen, das Tagebuch zu entziffern, denn es war in Sütterlinschrift geschrieben. Es gab sehr berührende und auch schmerzhafte Momente.

Was haben Ihre Omas Ihnen bedeutet?

Besonders zu meiner Berliner Oma Anna hatte ich ein sehr enges Verhältnis. Sie war ein besonders warmherziger und altruistischer Mensch. Sie ist später in unsere Nähe gezogen und ich konnte immer und mit allen großen und kleinen Problemen zu ihr kommen. Sie spendete Trost, oder auch mal ein Brot mit ungarischer Salami (lacht), und hatte immer irgendeine Lösung. Meine sächsische Oma Charlotte hat den Charakter der Gutsherrin niemals ganz abgelegt. Schließlich hat sie das große Hofgut durch den Zweiten Weltkrieg hindurch navigiert. Beide haben viel Leid erlebt, geliebte Menschen, ihre Heimat verloren und waren trotzdem niemals wehleidig, haben nie darüber geklagt oder gejammert. Das finde ich unglaublich bewundernswert.

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Welcher Großmutter waren Sie näher, sind Sie ähnlicher?

Siehe oben, Anna stand ich sicher näher. Welcher ich in irgendeiner Weise ähnlich bin, ist schwer zu sagen. Vielleicht habe ich etwas von Annas Kreativität abbekommen, denn sie hat ja in ihrem kleinen Konfektionshaus selbst Modelle entworfen und auch als Juristin und erst recht als Schriftstellerin ist man täglich kreativ. Von Charlotte habe ich sicher die Liebe zu Land, Wald, Tieren und der Natur.

Was haben Sie von den beiden gelernt, was haben Sie von ihnen im Blut?

Alle beide haben immer wieder gerne Sprüche und Weisheiten aufgesagt, die für uns heute vielleicht nicht mehr zeitgemäß klingen. Mir ist der Satz: "Kopf hoch, auch wenn der Hals dreckig ist", immer im Ohr geblieben. Ich habe in meinem Leben zwar noch nie etwas so Schlimmes erlebt wie meine Großmütter, aber jeder hat ja einmal Niederlagen oder traurige Ereignisse wegzustecken. Dann hilft mir dieses Lebensmotto.

Hatten Sie auch schon mal das Gefühl, Leben "verschwendet" zu haben?

Ja, es gab Fälle in meiner juristischen Laufbahn, die ich bearbeiten musste und so überflüssig fand, dass dieses Gefühl durchaus aufkam (lacht).

Mit Katharina Fuchs sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de

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