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Camorra 2.0 "Babygangs" terrorisieren Neapel

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Schrecken verbreiten durch Willkür: Immer wieder rasen Kinderbanden auf ihren Motorrollern durch die Straßen und schießen um sich. Tote und Verletzte nehmen sie in Kauf.

imago/Kickner

Vom Drogendealer zum Killer: Neapel hat ein gefährliches Problem mit minderjährigen Banden. In seinem Roman "Der Clan der Kinder" beschreibt Roberto Saviano den Aufstieg einer solchen "Babygang".

Ein 15-Jähriger wird vor einer U-Bahn-Station zusammengeschlagen und kann nur durch eine Notoperation gerettet werden. Ein 17-Jähriger erleidet auf einer belebten Straße durch Messerstiche in Hals und Brustkorb lebensgefährliche Verletzungen. Es sind nur zwei von elf Fällen aus den vergangenen Wochen, in denen Jugendliche in Neapel Opfer von willkürlicher Gewalt geworden sind. Die Täter: durch die Straßen der Altstadt und Vororte marodierende Horden von Minderjährigen. Ihr Ziel: Angst und Schrecken verbreiten.

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Roberto Saviano lebt seit seinem Tatsachenbericht "Gomorrha" unter ständigem Polizeischutz.

(Foto: imago/Future Image)

In seinem ersten Roman "Der Clan der Kinder" erzählt Anti-Mafia-Autor Roberto Saviano vom Aufstieg einer dieser sogenannten "Babygangs". Seine elf Hauptfiguren - zu Beginn ist keine älter als 14 Jahre - heißen Lollipop, Dentino (Zähnchen) oder Biscottino (Keks). Ihre Spitznamen klingen harmlos. Ihre Taten sind es nicht, sie reichen von Demütigungen der schlimmsten Art bis hin zum Mord - und sind nicht erfunden. Saviano orientiert sich an der realen Geschichte der Bande des neapolitanischen Viertels Forcella.

Was die Jungen zu ihren Gewaltexzessen treibt? Im Camorra-Jargon wird eine bewaffnete Kindergruppe "Paranza" genannt. Ursprünglich stammt der Begriff aus der Fischerei und bezeichnet ein Boot, das mit einem starken Lichtstrahl am Bug junge Fische anlockt. Ähnlich funktioniert es bei jungen Neapolitanern: Sie werden vom vermeintlichen Glanz des schnellen Geldes und der Macht magisch angezogen.

So auch Nicolas, die Hauptfigur in Savianos Roman. Nicolas kommt aus einer bürgerlichen Familie, sein Vater ist Lehrer, seine Mutter betreibt eine Wäscherei. Doch das Leben seiner Eltern ist ihm zu fade. Das Einzige was für ihn zählt: teure Klamotten und Uhren. Er will seiner Freundin imponieren und wie Camorra-Größen im Nobellokal "Nuovo Maharaja " - daher sein Spitzname Maraja - ein- und ausgehen. Der einzige ihm bekannte Weg dahin ist der des Verbrechens.

"Trainingsschüsse" auf Migranten

Es beginnt mit Handlangertätigkeiten für den Boss des Viertels. Nicolas und seine Freunde verticken Drogen, arbeiten als Kellner bei einer Mafioso-Hochzeit und setzen ihren Lohn sofort in angesagte Sneaker um. Als der Boss im Gefängnis landet, sieht Nicolas seine Chance gekommen.

Zielstrebig gründet er eine Paranza und knüpft Camorra-Bande. Instinktiv weiß er, wen er hofieren, wen er beleidigen muss. Von seinen Freunden fordert er bedingungslosen Gehorsam. Es dauert nicht lange, bis ein Menschenleben weniger gilt als ein gebrochenes Wort.

Der Clan der Kinder: Roman
EUR 24,00
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Bald besitzen die Jungs ein riesiges Waffenarsenal. Als "Training" schießen sie zuerst auf Mülltonnen, dann auf nordafrikanische Migranten. Schließlich rasen sie auf ihren Motorrollern durch Neapel und ballern wahllos durch die Gegend, Tote nehmen sie in Kauf. Sie erobern Drogenumschlagplätze, starten Erpressungen, begehen Raubüberfälle. Am Ende mutieren sie zu kaltblütigen Killern: "Um ein Junge zu werden, habe ich zehn Jahre gebraucht, um dir ins Gesicht zu schießen, brauche ich eine Sekunde", so Biscottino, der Jüngste der Paranza, bevor er abdrückt.

Ausgedacht hat sich Saviano diesen Satz nicht, dafür hätte seine Fantasie nicht gereicht, erklärt er im "Corriere della Sera". Die Worte stammen aus einem der Abhörprotokolle, die er für seine Geschichte intensiv studiert hat, ebenso wie Polizeiakten und Verhörmitschriften.

Gewaltspirale drastisch beschrieben

In dem Wissen, dass sich hinter der Fiktion eine erschreckende Realität verbirgt, fällt die Lektüre nicht immer leicht. Man merkt dem Roman an, dass er auch ein weiteres Sachbuch hätte werden können. Der Tatsachenbericht "Gomorrha", in dem er 2006 die Klarnamen von Camorra-Bossen nannte, brachte Saviano Morddrohungen ein. Seitdem wechselt er ständig seinen Aufenthaltsort und wird von einer Polizeieskorte geschützt.

Trotzdem hört er nicht auf, die Strukturen der organisierten Kriminalität offenzulegen. In "Der Clan der Kinder" beschreibt Saviano drastisch die Gewaltspirale der "Camorra 2.0", die in Neapel zu einem gefährlichen Problem geworden ist. Literarisch ist das nicht immer überzeugend. Aber er macht am Beispiel von Nicolas' Bande eindrücklich die sozialen Mechanismen sichtbar: "In Neapel gibt es keinen geschützten Weg zum Heranwachsen: Man wird schon in der Wirklichkeit geboren, mittendrin, entdeckt sie nicht erst nach und nach."

Die Wenigsten der Jungen stammen aus einer Camorra-Familie, aber sie leben in einer gewaltbereiten Umgebung, in der der Staat abwesend ist. Viele sehen bereits in jungen Jahren ihren ersten Mafiatoten und hören blutige Geschichten, die nicht für Kinderohren bestimmt sind.

Ihre Vorbilder finden sie in Internet und TV. Aus Film- und Serienszenen basteln sie sich ihre eigene Camorra-Welt aus teils skurrilen Ritualen zusammen. Und füllen schließlich das Machtvakuum, das durch die Verhaftung ganzer Clans entsteht. Deren System, das auf einem Ehrenkodex und gewissen - wenn auch makabren - Regeln beruht, ist den Mitgliedern der Banden egal. Sie setzen auf das Prinzip der Grausamkeit ohne Anlass: "Unordnung schaffen und über die Unordnung herrschen: Wirrwarr und Chaos für eine Herrschaft ohne Regeln."

Quelle: n-tv.de

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