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Jeder kennt jemanden, der kokst, ist sich Roberto Saviano sicher.
Jeder kennt jemanden, der kokst, ist sich Roberto Saviano sicher.(Foto: picture alliance / dpa)
Sonntag, 23. März 2014

Saviano folgt der weißen Linie: Höllentrip in die Welt der Kokain-Mafia

Von Katja Sembritzki

70.000 Tote im mexikanischen Drogenkrieg, 13 Millionen Kokser alleine in Europa, 400 Milliarden Narco-Dollar pro Jahr: In seinem neuen Buch erklärt Mafia-Experte Saviano, wie das weiße Pulver die Welt beherrscht.

Roberto Saviano mutet seinen Lesern Einiges zu. In seinem neuen Buch "Zero Zero Zero" berichtet er von Drogenkurieren, die über 100 Kokainkapseln herunterwürgen und einen qualvollen Tod riskieren, von südamerikanischen Narcos, die einem ihrer Opfer bei vollem Bewusstsein einen Schraubenschlüssel in den Schädel drehen, und von Drogenbossen mit so grotesken Namen wie "El Majadero" (Trottel) oder "El Mata Amigos" (Freundesmörder), die so reich sind, dass sie ihr Geld nicht zählen, sondern wiegen.

Seit fast acht Jahren steht Saviano auf der Todesliste der Camorra.
Seit fast acht Jahren steht Saviano auf der Todesliste der Camorra.

Sie alle sind Teil eines ebenso brutal wie effektiv agierenden Systems, das den Stoff in Umlauf bringt, nach dem die Welt giert: Kokain. Die Droge vermittele den Konsumenten das Gefühl alles erreichen zu können, sie sei daher "die erschöpfende Antwort auf das dringendste Bedürfnis unserer Zeit" und verbinde als weiße Linie alle Gesellschaftsschichten miteinander, so Saviano. Allein in Europa soll die Zahl der Kokser bei 13 Millionen liegen.

Aber die Leistungsdroge putscht nicht nur Banker, Chirurgen und Lkw-Fahrer auf, sondern auch die globale Wirtschaft. Kein anderes Geschäft sei so lukrativ und werfe so hohe Gewinne ab, wie das mit dem "weißen Erdöl", schreibt Saviano. Es entfessele eine Dynamik aus Gewalt, Macht und Geld. "Kokain ist die Achse, um die sich alles dreht", lautet die gleichzeitig verwegene und aufrüttelnde These des Mafia-Experten.

"Für die 38.000 gemeinsam verbrachten Stunden"

Um die Verstrickungen von Drogenhandel und Weltwirtschaft offenzulegen, folgt der gebürtige Neapolitaner der Spur des Kokains. Coca-Bauern, Broker, Logistiker, Pusher - sie alle porträtiert er. Sogar den Drogenhunden widmet er ein Kapitel. Dann wieder gibt er verdeckten Ermittlern das Wort und erzählt von seiner Begegnung mit einem ehemaligen Elitesoldaten, der für die südamerikanische Mafia gemordet haben soll.

Die Recherche für sein Buch fand unter erschwerten Bedingungen statt. Seit bald acht Jahren lebt der 34-Jährige im Untergrund. Als er 2006 seinen Tatsachenroman "Gomorrha" veröffentlichte, der die kriminellen Machenschaften der Camorra aufdeckt, wurde er nicht nur schlagartig einem Millionenpublikum bekannt. Saviano landete auch auf der Todesliste der neapolitanischen Mafia, denn er nannte die Bosse beim Namen. Immer wieder hat Saviano in den letzten Jahren betont, dass er "Gomorrah" nicht noch einmal in dieser Form veröffentlichen würde. Es hat sein Leben zerstört, denn seither wird er rund um die Uhr bewacht und muss ständig seinen Aufenthaltsort wechseln. "Zero Zero Zero" hat er den Carabinieri seiner Eskorte gewidmet: "Für die 38.000 gemeinsam verbrachten Stunden. Und für die Stunden, die wir noch gemeinsam verbringen werden. Wo auch immer."

Das Buch ist bei Hanser erschienen, hat 480 Seiten und kostet 24,90 Euro.
Das Buch ist bei Hanser erschienen, hat 480 Seiten und kostet 24,90 Euro.

Das fast 500 Seiten umfassende Buch - eine Mischung aus Reportage, Essay, Roman und biografischen Passagen - ist ein emotionaler Rundumschlag, Distanz halten, ist nicht Savianos Sache. Über Kokain zu schreiben, sei, wie selbst welches zu nehmen, es mache süchtig, bekennt er. Und tatsächlich: Er reiht in einem solchen Tempo Zahlen, Fakten, Namen und Anekdoten aneinander, springt zwischen den Jahrzehnten und den Kontinenten hin und her, dass einem beim Lesen die Luft wegbleibt. Es ist ein wahrer Höllentrip. Und der beginnt in einem Land, das wie kein anderes für den blutigen Drogenkrieg steht: Mexiko, die Wiege des Kokainhandels.

Dort liefern sich die Kartelle einen erbitterten Kampf um den Zugang zum Drogenmarkt und die besten Schmuggelrouten. Korruption und Gewalt - mal gezielt, mal willkürlich - sind an der Tagesordnung. Innerhalb von sechs Jahren sollen offiziellen Angaben zufolge über 70.000 Menschen ums Leben gekommen sein. Die Dunkelziffer dürfte allerdings weitaus höher liegen. Und das nicht nur, weil es das Markenzeichen der "Zetas" ist, ihre Opfer mit der Kettensäge zu zerstückeln, sie in fremden Gräbern zu verscharren oder die toten Körper in Ätznatron aufzulösen.

Narco-Dollar sind Zünglein an der Waage

Die Brutalitäten verfehlen ihre Wirkung nicht. Mit makaberen Foltermethoden und Hinrichtungen, die Saviano in einem seitenlangen Staccato detailliert dokumentiert, schüchtern die Drogenbosse ihre Gegner gnadenlos ein. Ihre so entstehende Macht ist die Grundlage dafür, dass gigantische Geldströme fließen. Die U-Boote, die im Dschungel für Millionen Dollar extra gebaut und nach erfolgreicher Übergabe von Tonnen des weißen Pulvers vor der Küste Floridas einfach versenkt werden, sind nur ein Auswuchs ihres Reichtums.

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Weltweit werden jährlich mit dem Handel von Kokain geschätzte 400 Milliarden Dollar umgesetzt. Schmutzige Dollar, die gewaschen und in das legale Wirtschaftssystem eingespeist werden müssen. Die südamerikanischen Kartelle sollen dabei laut Saviano mehr als 97 Prozent ihrer Einnahmen über Banken in den USA und in Europa abwickeln.

Auf diese Weise sorgen die Narco-Dollar für Liquidität in den Kassen großer und kleiner Banken - mit weitreichenden Konsequenzen. Während der Bankenkrise 2009 sollen die Gewinne krimineller Organisationen für viele Geldhäuser das einzige flüssige Investitionskapital gewesen sein, das sie vor einer Pleite gerettet habe, schreibt Saviano und warnt: Das Geld der Mafia könne "das Zünglein an der Waage bilden, damit das Finanzsystem Bestand hat. Darin liegt eine Gefahr".

Legalisierung als Lösung?

Der Fluss des illegalen Drogengeldes lenkt den Blick auch nach Deutschland. Über 60 Milliarden Euro sollen hier jährlich gewaschen werden. Für sein deutschsprachiges Publikum hat Saviano seinem Buch ein Extra-Kapitel hinzugefügt, in dem er erklärt, dass die Bundesrepublik ein "Eldorado" für den Drogenhandel sei, weil sich die organisierte Kriminalität zum einen schwer bekämpfen lasse, da das Gesetz einen Straftatbestand der Zugehörigkeit zu einer mafiaartigen Vereinigung nicht vorsehe. Zum anderen scheine das Motto zu gelten: "Wenn man nicht über die Mafia spricht, existiert sie nicht". Und das trotz des Massakers in Duisburg, bei dem 2007 sechs 'Ndranghetisti ermordet wurden, und trotz Drogenfunden wie den 140 Kilo Kokain, die erst kürzlich in Bananenkisten von Aldi entdeckt wurden.

Die südamerikanischen Kartelle klügeln immer neue Transportmöglichkeiten aus, um das Kokain nach Europa zu bringen. Dort wird es vor allem von der italienischen 'Ndrangheta verteilt, und auch die russische Mafija ist beteiligt, sie hat die nötigen Waffen. Für jemanden, der aufmerksam die Nachrichten verfolgt, ist vieles von dem, was Saviano erzählt, nicht neu. Aber es ist ein erschreckendes Panorama, das sich vor dem Auge des Lesers auftut, denn selten sind die Zusammenhänge des Narcokapitalismus so eindringlich und anschaulich aufgearbeitet worden. Angesichts dieser Dimensionen wirkt es dann auch etwas hilflos, dass Saviano die Legalisierung der Droge als einzige Lösung in Betracht zieht, um den Kokainkrieg zu beenden und den gefährlichen Kreislauf aus Angebot und Nachfrage zu durchbrechen.

Am Ende des Buches wird Saviano dann noch einmal sehr persönlich. Gleich einem Mafioso habe er es verinnerlicht, den Menschen zu misstrauen und ihre Loyalität anzuzweifeln. So bitter das ist, ein Zurück gibt es für ihn nicht. Deswegen macht er einfach weiter. Denn Schreiben ist für ihn die einzige Möglichkeit, dem Gefängnis zu entfliehen, in das ihn die Veröffentlichung von "Gomorrha" gesperrt hat. Und so wird das grausame Geschäft mit dem Kokain nicht der letzte Abgrund bleiben, in den Saviano blickt.

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Quelle: n-tv.de