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Bildungsinfluencer Bob BlumeBeim Lesen "liegt die Zumutung im Inhalt"

08.02.2026, 12:33 Uhr
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Bob Blume ist Bildungsinfluencer, Lehrer und Buchautor. (Foto: picture alliance / SZ Photo)

Menschen in Deutschland lesen im Durchschnitt rund eine halbe Stunde pro Tag. Das ist durchaus ausbaufähig, findet Bob Blume. Der Lehrer und Autor wünscht sich eine Rückbesinnung auf die großen Kulturtechniken Lesen und Schreiben und verspricht sich davon nicht weniger als die Stärkung der Demokratie.

ntv.de: Ihr Buch ist ein leidenschaftliches Plädoyer fürs Lesen. Viele Menschen werden Ihnen sagen: Aber ich lese doch. Welches Lesen vermissen Sie?

Bob Blume: Wir lesen sehr viel pragmatische Texte. Da geht es auf WhatsApp darum, was man noch einkaufen muss, dazu vielleicht Überschriften oder Nachrichtentexte. Ich nenne das im Buch eine Form von bewusstlosem Lesen. In Zeiten von KI und großer medialer Schnelllebigkeit bildet man sich oftmals auf der Grundlage dieser kurzen Informationsfetzen Urteile. Wofür ich werbe, ist das Lesen von Büchern.

Warum?

Das physische Buch zwingt einen noch mal mehr, sich Zeit zu nehmen. Und ich finde es wichtig, dass man an einem Gedanken dranbleibt, dessen Entstehung man dann erst richtig wahrnimmt. Diese Differenziertheit in den Gedanken und dann auch im Austausch können wir als Gesellschaft gerade sehr gut gebrauchen.

Was leistet das Lesen dazu?

Mir ist schon klar, dass dieser Ansatz ein Ideal darstellt und in gewisser Weise vielleicht sogar naiv ist. Die Idee ist, dass wir Perspektiven brauchen, die nicht unsere eigenen sind, dass wir Zumutungen ertragen müssen und diese übers Lesen auch erlangen können, um dann vielleicht auch im Gespräch besser zu verstehen, was der andere eigentlich will. Das ist für den gesellschaftlichen Zusammenhang zentral.

Was macht das Buch dabei besser als das Smartphone?

Ich würde nicht pauschal davon ausgehen, dass jede Nutzung des Smartphones schlecht ist. Was ich aber wichtig finde, ist, dass Lesen eine aktive Tätigkeit ist. Der Text selber spricht nur dann zu einem, wenn man ihm Aufmerksamkeit gibt und wenn man mitdenkt. Und gleichzeitig haben wir es mit Technik zu tun, die psychologisch so fein an unsere Gehirne angedockt wird, dass wir ohne Selbsttätigkeit, aber mit deutlich größerer Serotoninausschüttung quasi in einen Sog der Kurznutzung gezwungen werden. Ich habe in den letzten 15 Jahren und vor allem seit Tiktok rausgekommen ist mit vielen jungen Menschen gesprochen. Die haben bestätigt, dass das eine Form von Kontrollverlust ist, den sie gar nicht wollen. Und ich glaube, das steht sich jetzt gegenüber. Auf der einen Seite ein Kontrollverlust in die Passivität und auf der anderen die Entscheidung für eine Aktivität, die zunächst mal anstrengend ist.

Das sagen viele Menschen, Lesen ist anstrengend, es ist eine Zumutung, ein ganzes Buch zu lesen. 200 Seiten, vielleicht sogar 300 oder 500. Wann ist das Lesevergnügen abgelöst worden von diesem Gefühl?

Ich bin natürlich jemand, für den das keine Zumutung ist, sondern jemand, der das Lesen liebt. Für mich liegt die Zumutung im Inhalt, weil ich Dinge lese, denen ich nicht zustimme. Wenn in den sozialen Medien Bücher komplett verrissen werden, bestelle ich mir die direkt, um nicht nur zu lesen, was ich sowieso schon weiß. Und es gibt immer noch viele, die gerne lesen. Viele sagen, die Jugend liest halt nicht, aber das stimmt nicht so ganz. Sie lesen schon, es gibt Booktok, und es gibt auch genügend ältere Leute, die von sich als Selbstdiagnose sagen, sie kommen nicht mehr zum Lesen. Es geht also eher darum, die Kontrolle über die eigene Entscheidung zurückzuerlangen.

Wie kann das gelingen?

Ich versuche denjenigen einen kleinen Schubs zu geben, die vielleicht sowieso schon sagen, sie würden gern wieder mehr lesen. Vielleicht schaffen sie die 80 Seiten und sagen dann, da waren doch echt spannende Gedanken drin. Ich habe jetzt wieder Lust auf mehr. Das wäre meine größte Freude, wenn das so wäre.

Warum können Menschen, die begeistert lesen, das nicht unbedingt jenen vermitteln, die es nicht tun?

Das ist ja bei vielen Tätigkeiten so, dass das Selbermachen und das Erleben etwas anderes ist, als das darüber sprechen. Deshalb ist es so wichtig, dass Lesen aus Eigenmotivation entsteht. Ehrlich gesagt ist das die Krux von jeder Bildung, dass sie gleichzeitig Ziel und eigene Voraussetzung ist. Ich bin zum Beispiel immer dafür, dass junge Leute, wenn sie das Lesen entdecken, egal was lesen. Ja, 14-Jährige sollten keine Dark Romance lesen, das ist schon klar. Aber Donald Duck oder Lucky Luke? Warum nicht? Da müssen wir auch ein bisschen vom hohen Ross herunterkommen, dass das ja keine Literatur ist. Jedes Mal, wenn junge Menschen zum Lesen kommen, öffnet das einen größeren Horizont, ein größeres Verständnis.

Sie haben die These, dass Lesen gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht.

Ja, ich glaube, in gewisser Weise ist es ein Bedingungsgefüge, kann man fast sagen. Über die Erweiterung des Horizonts sind immer mehr Dimensionen der Differenzierung möglich und man kommt eher in eine Position, die es einem erlaubt, verschiedene Möglichkeiten in der Betrachtung der Welt in Betracht zu ziehen. Gelebte Demokratie ist ja immer Aushandlung, Konsensfindung, Diskussion, Debatte. Wir leben in einem Zeitalter der Verkürzung, die auch sozial und medial forciert wird. Das nutzt denjenigen, die verkürzen wollen, weil sie zum Beispiel populistische Thesen einfach in den Raum werfen. Und genau da liegt der Wert von Differenzierung. Über das Lesen und Schreiben kommen wir im besten Fall zu einem Verständnis, das die Verkürzung zunächst mal auch als solche erkennt, sie hinterfragt und dann überlegt, welcher Weg zu einer tatsächlichen, eben weniger verkürzten, politischen Idee führen könnte.

Inwieweit ist dann der nächste Schritt, darüber in Austausch zu treten?

Lesen selber ist nicht objektiv, sondern knüpft immer an das an, was man selber schon erfahren, erlebt und eben auch schon gelesen hat. Das heißt, man setzt eigene Schwerpunkte und im Austausch können sie dann zusammen geschärft werden. Ich schreibe auch deshalb, um mir meiner Gedanken besser gewahr werden zu können. Und diese Gedanken entfalten sich manchmal erst sehr viel später, manchmal sogar Jahre später.

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Sie sind Lehrer, auch wenn Sie gerade nicht aktiv unterrichten. Was davon kann auch Schule leisten?

Jeden Teil davon kann Schule leisten. Ich habe in den letzten 15 Jahren Schülerinnen und Schüler im Deutschunterricht Blogs führen lassen. Weil ich der Auffassung war, dass man nur durchs Schreiben besser wird im Schreiben. Es gibt ja diese Legende, für Deutsch könne man nicht lernen. Das stimmt nicht. Es ist nur eine andere Form von Lernen. Man setzt sich nicht einen Abend vorher hin und prügelt irgendwas in sich rein, sondern es geht über Monate. Über das Bloggen haben die Schülerinnen und Schüler plötzlich eine Form von Selbstwirksamkeit des eigenen Schreibens erfahren. Eine ehemalige Schülerin hat beispielsweise einen Text über Feminismus geschrieben, mittlerweile studiert sie Kulturwissenschaft. Und sie sagt, dass sie im Schreiben eine Perspektive von Ungerechtigkeit entwickelt hat, die sie dann nie wieder losgelassen hat. Dieser Text war der Anfang davon, jemand zu werden, der sie heute ist. Das zeigt, was Bildungsprozesse leisten können.

Mit Bob Blume sprach Solveig Bach

Quelle: ntv.de

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