Unterhaltung
Ein Duell überirdischer Wesen, oder eine Reaktion auf den Terror in Paris - Szene aus einer Geschichte von Manuele Fior.
Ein Duell überirdischer Wesen, oder eine Reaktion auf den Terror in Paris - Szene aus einer Geschichte von Manuele Fior.(Foto: Manuele Fior / Avant Verlag 2018)
Sonntag, 03. Juni 2018

Neues vom Comic-Salon Erlangen: Das Ende der Unschuld

Von Markus Lippold

Erwachsenwerden, sich emanzipieren, sich entwickeln. Keine leichte Aufgabe. Weder für einen 13-Jährigen, der für eine 16-Jährige entbrennt, noch für einen stillen Zimmerer, der es mit ein paar trotzigen Kindern zu tun bekommt. Sie sind die Helden neuer Comics.

Urlaub mit den Eltern und dem kleinen Bruder. Für den 13-jährigen Antoine ist das noch eine Selbstverständlichkeit. Jedes Jahr derselbe Ort am Meer, dasselbe Ferienhaus, dieselben Gesichter. In diesem Jahr aber ist etwas anders: Eine Freundin der Mutter hatte eine Fehlgeburt, weshalb sie ein paar Tage am Meer ausspannt, zusammen mit ihrer 16-jährigen Tochter Hélène. Welchen großen Unterschied diese drei Jahre ausmachen, merkt Antoine schnell. Hélène ist in seinen Augen fast schon erwachsen. Doch sie ist für ihn mehr als eine große Schwester. Bald fühlt er sich zu der jungen Frau hingezogen, sie weckt seine sexuelle Begierde.

In Gesprächen im Bett kommen sich Antoine und Hélène langsam näher.
In Gesprächen im Bett kommen sich Antoine und Hélène langsam näher.(Foto: Bastien Vivès / Reprodukt Verlag 2018)

Jungenhaft zeichnet Bastien Vivès diesen Antoine in seinem Comic "Eine Schwester" (Leseprobe). Ein Wuschelkopf mit großen Augen, die noch kindlich in die Welt schauen. Hélène bringt ihn ordentlich durcheinander. Sie nimmt ihn ernst, fragt ihn nach seinen Interessen, behandelt ihn gleichwertig. Er genießt diese Vertrautheit, die sie ihm als Ältere entgegenbringt. Andererseits ist Antoine auch ein ernster Junge, der zeichnet und sich rührend um seinen kleinen Bruder kümmert, was Eindruck auf Hélène macht. Langsam zeichnet Vivès die Annäherung der beiden nach: das erste Gespräch, die erste gemeinsame Zigarette, das erste Besäufnis mit geklautem Wein, dann der erste Kuss unter der Dusche. Antoine lernt von Hélène, dass man Grenzen überschreiten und rebellieren kann.

Schon in seinen letzten Krimi-Bänden war Vivès' Stil sehr reduziert, geradezu skizzenhaft hingeworfen. "Eine Schwester" ist noch minimalistischer, aber mit den dynamischen Rundungen auch sehr elegant und intensiv, geradezu sinnlich. Mitunter lässt der Zeichner etwa die Augen weg, doch dann legt er den Schwerpunkt auf andere Details. So fängt Vivès die Veränderungen bei Antoine in Gestik und Mimik ein: verstohlene Blicke auf Hélènes Körper, eine Erektion, aber auch erste Eifersucht, weil sich Hélène mit älteren Jugendlichen trifft.

"Eine Schwester", erschienen bei Reprodukt, 216 Seiten, Hardcover, 24 Euro.
"Eine Schwester", erschienen bei Reprodukt, 216 Seiten, Hardcover, 24 Euro.

So sensibel Vivès dabei manche Szenen gelingen, in denen er die wachsende Vertraulichkeit zwischen Antoine und Hélène behutsam darstellt, so forsch geht er in anderen vor. Hélène ist keine schüchterne 16-Jährige: Sie genießt Antoines Bewunderung, zieht sich vor ihm aus, küsst ihn, berührt ihn, lässt sich berühren, bläst ihm einen oder befriedigt ihn mit der Hand. Gehört das noch zum kindlichen Spiel, zur erwachenden Sexualität? Oder will Vivès mit diesen expliziten Szenen zwischen zwei Teenagern provozieren? Es wirkt, als bringe er eigene Fantasien zu Papier, statt seine Protagonisten in den Mittelpunkt zu stellen. Und es stört den Gesamteindruck eines eigentlich großartigen Comics über das Erwachsenwerden.

"Eine Schwester" bei Amazon bestellen

Gefühlsexplosion auf Japanisch

Formale Strenge, emotionale Distanz: Shigeji und Ritsu. Doch in ihrem Innern brodeln die Gefühle.
Formale Strenge, emotionale Distanz: Shigeji und Ritsu. Doch in ihrem Innern brodeln die Gefühle.(Foto: 2013 Minetaro MOCHIZUKI, Shugoro YAMAMOTO)

Noch ein Comic, oder besser: Manga, über zarte Gefühle, diesmal von jungen Erwachsenen: "Chiisakobee" von Minetaro Mochizuki. Die Romanvorlage von Shugoro Yamamoto ist von 1957 und spielt in der Edo-Periode, Mochizuki holt sie in die Gegenwart. Doch diese "kleine Nachbarschaft", so der Untertitel des Vierteilers, ist recht traditionell: Shigeji ist Zimmerermeister, seine Eltern starben bei einem Brand, der auch das Familienunternehmen zerstörte. Nun muss er den Betrieb retten. Mit "Menschlichkeit und Willenskraft", wie ihm sein Vater einst mit auf den Weg gab. Shigeji ist freilich nicht ganz allein: Als Haushaltshilfe bekommt er Ritsu zur Seite gestellt. Doch die hat auch noch fünf trotzige Waisenkinder im Schlepptau, um die sie sich kümmert, und die nun alle unter dem Dach des traditionellen japanischen Hauses leben.

Mit Shigeji und Ritsu prallen dabei zwei starke Charaktere aufeinander, die ganz eigene Erfahrungen und Vorstellungen haben. Der eigenbrötlerische Shigeji, dessen Gesicht meist durch lange Haare und einen wallenden Bart verdeckt wird, ist wortkarg und verschlossen. Ritsu ist noch recht jung und etwas kindlich. Sie weiß trotzdem, wie sie sich durchsetzen kann. Doch dann taucht Yuko auf, die etwa so alt wie Shigeji ist und die Waisen betreuen soll. Ritsu sieht in ihr eine Konkurrentin und damit nimmt das Leben unter einem Dach erst so richtig Fahrt auf.

"Chiisakobee, Band 1, erschienen bei Carlsen, 216 Seiten, 14,90 Euro.
"Chiisakobee, Band 1, erschienen bei Carlsen, 216 Seiten, 14,90 Euro.

Anders als bei Vivès brechen die Gefühle hier nicht hervor. Sie bleiben schön unter der Oberfläche - typisch japanisch, mag man da als Westler denken. Dass man trotzdem mit den Protagonisten mitfühlt, liegt an Mochizukis Zeichenkunst, die natürlich viele Manga-Elemente aufweist, diese aber auch immer wieder durchbricht. Mit einem subtilen Blick auf Details wie Gestik und Mimik, auf geballte Fäuste und verschränkte Körperhaltung, offenbart er, wie es um das Innenleben seiner Figuren steht. Meistens nicht so gut: Shigeji schweigt, Ritsu weint und Yuko wirkt abgeklärt. Mochizuki beobachtet das kühl, mit einem detailreichen, realistischen Strich, der Distanz hervorruft. Manch einer wünschte sich da wohl, Gefühle könnten so wunderbar klar und strukturiert sein wie diese Seiten und Bilder. Sind sie aber natürlich keinesfalls. Gleichwohl: Spätestens zum Ende des ersten Bandes fiebert man trotz der ruhigen, unaufgeregten Erzählweise mit den Hauptfiguren mit.

Band 1 und Band 2 von "Chiisakobee" bei Amazon bestellen

Der schwarze Gesetzeshüter

Es wird blutig bei "Marshal Bass".
Es wird blutig bei "Marshal Bass".(Foto: Splitter Verlag 2018)

Eine andere Art der Emanzipation erlebt Bass Reeves. Er wurde als Sklave geboren, doch später der erste Schwarze, der westlich des Mississippi zum Deputy US Marshall ernannt wurde. Nach eigenen Angaben brachte er mehr als 3000 Verbrecher hinter Gitter und tötete mehrere Outlaws. Reichlich Stoff ist also vorhanden für die Western-Comicserie "Marshal Bass" (Leseprobe). Wobei sich Autor Darko Macan und Zeichner Igor Kordey ein paar künstlerische Freiheiten herausnehmen und ihre Geschichten nur vage an die historische Figur anlehnen.

So wird Bass im ersten Band "Schwarz und Weiß" auf eine Bande schwarzer Ex-Sklaven angesetzt, die mordend und plündernd durch die Gegend zieht. Unter falscher Identität schleust sich der Marshal ein, permanent in der Gefahr, enttarnt zu werden. Und er staunt nicht schlecht, als er den Anführer Milord zu Gesicht bekommt. Schnell wird allerdings auch klar: Ein Held ist dieser Bass sicher nicht. Er hadert, den Job als Marshal überhaupt anzunehmen. Denn wieso sollte er sich in den Dienst einer Gesellschaft stellen, die ihn noch immer wie einen Menschen zweiter Klasse behandelt?

"Marshal Bass", erschienen bei Splitter, 56 Seiten, Hardcover im Albenformat, 14,80 Euro.
"Marshal Bass", erschienen bei Splitter, 56 Seiten, Hardcover im Albenformat, 14,80 Euro.

Rassismus und Gewalt sind in den USA der 1870er-Jahre, in denen die Reihe spielt, noch allgegenwärtig. Vor allem in den rauen Gegenden, in die es Bass verschlägt. Macan und Kordey greifen das in Story und Zeichnungen auf: "Marshal Bass" ist eine harte und blutige Reihe, deren actionreiche Handlung kaum durch Humor gebrochen wird. Die Zeichnungen, die in erdigen, oft düsteren Tönen gehalten sind, erinnern mit ihrem realistischen Stil etwas an die legendäre Reihe "Blueberry". Doch sie erreichen nicht deren Qualität, dafür fehlt ihnen die Klarheit. Stellenweise kippt der Strich ins karikative, und auch die Handlung ist mitunter etwas überzogen. Aber die Desillusionierung der Titelfigur kommt gut rüber. Diese hat der Comic mit den Italowestern des Kinos gemein. Platz für Heldentum gibt es hier nicht. Jeder ist damit beschäftigt, zu überleben. Vor allem, wenn man ein schwarzer Deputy US Marshal ist.

"Marshal Bass" bei Amazon bestellen

Verloren in der Fremde

So oft und so sehr sich Figuren in Comics entwickeln - das gilt mitunter auch für deren Zeichner. Ihr Stil kann sich verändern, sie können Neues ausprobieren, neue sprachliche Mittel finden. Einen Einblick in so eine Entwicklung gewährt "Die Tage der Amsel" von Manuele Fior (Leseprobe). Der Band versammelt zehn Kurzgeschichten des Italieners, die in den letzten Jahren in Anthologien, Zeitungen oder Magazinen erschienen und unterschiedliche Herangehensweisen für ganz unterschiedliche Themen präsentieren.

Der Italiener Davide sucht auf dem Tempelhofer Feld nach seinem Sohn.
Der Italiener Davide sucht auf dem Tempelhofer Feld nach seinem Sohn.(Foto: Manuele Fior / Avant Verlag 2018)

Die Sammlung beginnt mit einer Kurzgeschichte, die in Berlin spielt: Davide hat auf dem Tempelhofer Feld seinen Sohn verloren und ist nun verzweifelt. Fior spiegelt das im unruhigen Aufbau der Seiten, mit schnellen Perspektivwechseln und Details der fremden Architektur. Ganz anders die zweite Geschichte in Paris, über eine unbeliebte Lehrerin auf Klassenfahrt: Der Seitenaufbau ist ruhiger, dafür konzentriert sich Fior ganz auf seine Protagonistin, deren Gestik und Mimik ihre zunehmende innere Wut zeigen. Eine weitere Geschichte, die stilistisch stark an Fiors Comic "Fünftausend Kilometer in der Sekunde" erinnert, lebt vom Kontrast der Aquarell-Farbgebung, die Außen und Innen, Kalt und Warm wiedergibt.

Auch andere Geschichten erinnern thematisch oder stilistisch an Bücher Fiors, darunter "Fräulein Else" und "Die Übertragung". An Letzteres knüpft die Titelgeschichte "Die Tage der Amsel" an, die in naher Zukunft von einer mysteriösen Kraftquelle erzählt. Fior wählt hier große Einzelbilder, die wie die schweren Brocken des Handlungsorts, eines Steinbruch, wirken. Zwei weitere Beiträge des Bandes sind dagegen dokumentarisch angelegt, darunter ein Beitrag nach den Anschlägen in Paris im November 2015 - Fior bleibt hier vager, skizzenhafter.

"Die Tage der Amsel", erschienen bei Avant, 104 Seiten, Hardcover im Albenformat, 22 Euro.
"Die Tage der Amsel", erschienen bei Avant, 104 Seiten, Hardcover im Albenformat, 22 Euro.

Den Abschluss bildet "Gare de l'Est", wo sich zwei riesige Roboterwesen eine Schlacht liefern, die das Umfeld in Schutt und Asche legt. Auch diese Geschichte, die mit ihrer Action und den schnellen Schnitten an Superhelden-Comics erinnert, kann als Reaktion auf den Terror in Paris gelesen werden und als Wunsch, der Ohnmacht der Menschen etwas entgegensetzen zu können. Dies eint die Geschichten: Sie handeln vom Verlorensein in der Fremde, von Ausnahmesituationen, in die Fior seine Figuren wirft. So bietet "Die Tage der Amsel" einen Querschnitt durch das Werk eines der interessantesten europäischen Comickünstler.

"Die Tage der Amsel" bei Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de