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Das Trikot der anderen: Lukas Podolski.
Das Trikot der anderen: Lukas Podolski.(Foto: REUTERS)
Montag, 05. September 2011

"Schwarze Adler - Weiße Adler": Deutsch-polnische Fußballgeschichten

von Thomas Badtke

Mit Polen verbindet Deutschland eine besondere Beziehung, auch beim Fußball. Da wäre etwa die legendäre "Wasserschlacht von Frankfurt" 1974 und die damit verbundene Niederlage der "weißen Adler" gegen die "schwarzen Adler" - das größte Trauma der polnischen Fußballgeschichte. Oder der "Polackenclub" Schalke 04. Oder ein vergessener Wunderstürmer.

Das Verhältnis des polnischen Fußballs zur Frankfurter Feuerwehr ist, gelinde gesagt, ein wenig unterkühlt. Das liegt am entscheidenden Spiel der WM-Zwischenrunde 1974. Bei der Partie Deutschland gegen Polen geht es um den Finaleinzug. Austragungsort ist das Frankfurter Waldstadion, damals noch ohne Drainage. Und genau das sollte den bis dahin so spiel- und kombinationssicheren Polen, bis dahin das Überraschungsteam der Weltmeisterschaft, zum Verhängnis werden: Ein Wolkenbruch erwischt die "weißen Adler" auf dem falschen Fuß.

Eine halbe Stunde vor dem Anpfiff öffnet der Himmel seine Schleusen. Innerhalb weniger Minuten steht das Spielfeld komplett unter Wasser. Die anrückende Feuerwehr der Mainmetropole kann nicht viel machen: Sie fährt mit einigen Löschzügen über den Rasen, Pumpen hat sie keine dabei. Der Anpfiff verschiebt sich um eine halbe Stunde. Dann betreten die in weiß gekleideten Deutschen, den schwarzen Adler auf der Brust, und die in roten Trikots und weißem Adler auf den Hemden auflaufenden Polen das Spielfeld, das diesen Namen an diesem fußballgeschichtsschwangeren Tag völlig zu Unrecht trägt, denn ein Spiel kommt nicht zustande.

Franz Beckenbauer (r) im Spiel gegen Jan Domarski.
Franz Beckenbauer (r) im Spiel gegen Jan Domarski.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Der Ball bleibt immer wieder in Pfützen hängen, ein Kombinationsspiel, wie es die Polen in den Spielen zuvor nahezu mustergültig gezeigt haben, ist nicht möglich. Zu allem Überfluss beendet der Schiedsrichter einen vielversprechenden Angriff der Polen mit dem Halbzeitpfiff. Als ausgleichende Gerechtigkeit mag da der von Bernd Hölzenbein herausgeholte und von Uli Hoeneß nicht verwandelte Elfmeter angesehen werden. Am Ende kommt es aber, wie es kommen muss: In der Mitte der zweiten Hälfte schießt Gerd Müller das entscheidende 1:0 für Deutschland, das im Anschluss auch Weltmeister wird.

In Polen gilt die "Wasserschlacht von Frankfurt" als das größte Fußballtrauma des Landes. Die "weißen Adler" hätten Weltmeister werden können, wie auch deutsche Spieler damals nach dem Turnier bestätigen. "Kaiser" Franz Beckenbauer verweist auf den morastigen Boden, der die Polen benachteiligt habe: "Bei regulären Verhältnissen hätten wir wohl keine Chance gehabt." Und auch Paul Breitner sieht das so: "Die Polen waren eigentlich die beste Mannschaft der WM 74."

Kompetenz und Lesefreude

Die "Wasserschlacht von Frankfurt" ist nur ein Kapitel in Thomas Urbans Buch "Schwarze Adler - Weiße Adler: deutsche und polnische Fußballer im Räderwerk der Politik", das im "Verlag Die Werkstatt" erschienen ist. Darin schildert Urban in elf Geschichten erstmals, wie die politisch spannungsreiche und wechselhafte Geschichte der beiden Länder den Fußball beeinflusst hat. Die besondere Fußballverwandtschaft der "schwarzen Adler" und "weißen Adler" zieht sich dabei von den Anfängen des runden Leders bis in die Gegenwart.

Urban, dessen Eltern Heimatvertriebene aus Breslau sind und der mit einer Polin verheiratet ist, gilt als profunder Kenner der polnischen Geschichte und der Politik. Sei Ziel ist es, zum Dialog zwischen den früheren deutschen und jetzigen polnischen Einwohnern der Gebiete östlich von Oder und Neiße beizutragen. Mit seinem Buch "Schwarze Adler - Weiße Adler" ist ihm das sehr gekonnt mit tiefgründigen und lebendigen Schilderungen gelungen.

Der "vergessene Wunderstürmer"

Thomas Urban schrieb "Schwarze Adler, weiße Adler".
Thomas Urban schrieb "Schwarze Adler, weiße Adler".

So erzählt Urban die Geschichte eines beim DFB in Vergessenheit geratenen "Wunderstürmers", dessen Grabstein in Karlsruhe die Besonderheit aufweist, dass sein Vorname auf Deutsch und sein Nachname auf Polnisch darauf steht: Ernst Wilimowski. Willimowski, so die deutsche Schreibweise seines Nachnamens, spielt immerhin acht Mal für die deutsche Fußballnationalmannschaft, von 1941 bis 1942. Er erzielt dabei 13 Treffer und verdrängt einen gewissen Helmut Schön aus der Stammelf von Trainer Sepp Herberger.

Willimowski hat aber nicht nur den "schwarzen Adler" auf seiner Brust getragen, sondern auch den "weißen". Bereits als 17-Jähriger 1934 ins polnische Team berufen, erzielt er in 21 Spielen bis 1939 22 Treffer. Bis heute eine nie wieder erreichte Quote in der polnischen Fußballnationalmannschaft.

Miro, Poldi und die "Polacken"

"Polnische" Stürmer treffen scheinbar gern für Deutschland: Allen voran Miroslav Klose, dessen Familie aus Oppeln in Oberschlesien stammt und als Spätaussiedler nach Deutschland kam. Während Miros Vater Josef unter anderem für Odra Oppeln auf Torejagd ging, beginnt Miros Karriere in der Jugend beim FC Homburg. Den Durchbruch schafft er dann beim 1. FC Kaiserslautern. "Ich fühle mich als Deutscher", sagt Klose selbst. In der Nationalmannschaft singt er die deutsche Hymne mit voller Stimme mit.

Kloses Familie stammt aus dem polnischen Opole (Oppeln).
Kloses Familie stammt aus dem polnischen Opole (Oppeln).(Foto: REUTERS)

Sein Sturmkollege Lukas Podolski tut das nicht - aus Prinzip. Nach seinen beiden Toren beim letzten Aufeinandertreffen zwischen Deutschland und Polen bei der EM 2008, dass Deutschland dank zwei Poldi-Toren 2:0 gewinnt, freut er sich auch nicht nach außen, läuft nach dem Spiel sogar stolz mit dem übergezogenen Polen-Trikot zu den polnischen Fans. Das kommt in Polen gut an. Auch weil Podolski selber mit breitem, oberschlesischen Akzent sagt: "Mein Herz schlägt auf Polnisch." Auch andere namhafte Bundesliga-Fußballer und deutsche Nationalspieler wie Piotr Trochowski, Dariusz "Darek" Wosz oder Lukas Sinkiewicz verleugnen ihre polnischen Wurzeln nicht.

Diese Beispiele machen aber auch deutlich, dass die deutsch-polnische Fußballbeziehung eine ganz besondere ist. Das weiß auch der FC Schalke 04, der nach dem Gewinn der Deutschen Meisterschaft 1934 den Beinamen "Polackenclub" bekommt, weil ein Großteil der Spieler um Szepan und Kuzorra polnische Vorfahren haben, wie die polnische Presse damals schreibt. Die deutschen Zeitungen wiederum sehen das etwas anders und verweisen darauf, dass die Vorfahren eines großen Teils der Spieler Deutschstämmige seien und aus dem "preußischen Masuren" stammen,wie Urban sehr detailliert schildert.

Ein Buch als Appell an die Völkerverständigung

"Schwarze Adler, weiße Adler" ist im "Verlag Die Werkstatt" erschienen.
"Schwarze Adler, weiße Adler" ist im "Verlag Die Werkstatt" erschienen.

Rund ein Jahr vor der Euro 2012 in Polen und der Ukraine ist Urbans Buch "Schwarze Adler - Weiße Adler" ein längst überfälliges Werk. Es ist ein Muss für jeden Fußball-, Geschichts- und Politikfan und steht damit in einer Linie mit Ronny Blaschkes "Angriff von Rechtsaußen". Urbans Werk liefert jede Menge Wissenswertes rund um den deutsch-polnischen Fußball.

Kurzum: "Schwarze Adler - Weiße Adler" ist ein Appell an die Die wahre Exotik liegt in Warschau - und hilft dieser mehr als so manches politische Spitzentreffen.

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Quelle: n-tv.de