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So siehts heute aus: sanierte Altbauten in der Oderberger Straße, am linken Rand die Feuerwache - die älteste noch in Betrieb befindliche Wache einer Berufsfeuerwehr in Deutschland.
So siehts heute aus: sanierte Altbauten in der Oderberger Straße, am linken Rand die Feuerwache - die älteste noch in Betrieb befindliche Wache einer Berufsfeuerwehr in Deutschland.(Foto: imago/Markus Heine)
Sonntag, 22. Oktober 2017

Besonderer Ort im Mauerschatten: Die Oderberger - nicht irgendeine Straße

Von Andrea Beu

Wer heute den durchsanierten Touristenmagneten sieht, ahnt kaum, was für ein besonderer Ort die Oderberger Straße in Berlin einmal war. Ein Buch erzählt die spannende Geschichte von den Bewohnern, dem Hirschhof, Fluchttunneln und einem prächtigen Bad.

Berlin hat knapp zehntausend Straßen und die meisten sind einfach nur Verkehrswege mit Häusern auf beiden Seiten. Manche heben sich jedoch heraus - durch besondere Bauwerke, bemerkenswerte Bewohner oder bestimmte historische Ereignisse. Die Oderberger Straße im Stadtteil Prenzlauer Berg ist so eine besondere Straße. An ihr, in ihr zeigt sich die Geschichte Berlins, sogar Deutschlands der letzten 140 Jahre.

Kinder, Wasserpumpe, Trabant: die Oderberger Straße im April 1990.
Kinder, Wasserpumpe, Trabant: die Oderberger Straße im April 1990.

Freya Klier und ihre Tochter Nadja lebten hier zehn Jahre lang. Für die Buchreihe "Berliner Orte" haben sie nun ein Buch über diese Straße geschrieben, in dem sie chronologisch deren Geschichte erzählen, von den Anfängen 1871, als die Oderberger Straße angelegt wurde, bis heute, da sie ein durchsanierter Touristenmagnet geworden ist. Die beiden Autorinnen haben sich das Buch geteilt - jede hat ihre Geschichten aufgeschrieben und jeweils etwa die Hälfte der Kapitel beigetragen.

Genug Stoff für Mehrteiler

Dabei mussten sie sich an die in der Reihe "Berliner Orte" vorgegebene maximale Länge von 144 Seiten halten, so Nadja Klier bei der Buchvorstellung gegenüber n-tv.de. Sie hätten sonst gern mehr geschrieben und hätten auch sehr viel mehr Stoff - genug für einen Fernseh-Mehrteiler, wie sie lachend hinzufügt. (Den 45-minütigen Dokumentarfilm "Meine Oderberger Straße" haben beide schon 2015 gedreht.)

Das Stadtbad Oderberger Straße, erbaut ab 1899 im Stil der Neorenaissance.
Das Stadtbad Oderberger Straße, erbaut ab 1899 im Stil der Neorenaissance.(Foto: imago/Jürgen Ritter)

Die Reihe "Berliner Orte" gibt es seit 2013; bei der Buchvorstellung Ende September - stilecht im Stadtbad Oderberger - moderierte Kino-King Knut Elstermann, der selbst schon "Meine Winsstraße" verfasst hatte. Er stellte Freya und Nadja Klier als erstes Autorenduo der Reihe vor. Und einen Ehrengast des Abends: Irmgard Grätz, geboren 1939, die seit ihrer Kindheit in der Oderberger Straße wohnt - und es immer noch tut, seit Jahrzehnten in derselben Wohnung. Sie ist damit eine der wenigen alteingesessenen Mieter - die Bewohner der Straße sind seit Mauerfall fast komplett ausgetauscht, heute ist die Oderberger eine begehrte und teure Wohngegend mit vielen Restaurants und Lifestyle-Geschäften, durch die die Touristen strömen.

Die Mauer am Ende der Straße

"Größter Schock": die Mauer am Ende der Oderberger (r.) an der Ecke zur Eberswalder Straße (l., Bild von 1981). Am Eckhaus sieht man das Schild "Klub der Volkssolidarität".
"Größter Schock": die Mauer am Ende der Oderberger (r.) an der Ecke zur Eberswalder Straße (l., Bild von 1981). Am Eckhaus sieht man das Schild "Klub der Volkssolidarität".

So sagt Freya auch: Heute ist die Straße von damals kaum noch zu finden. Und Nadja fügt hinzu: Die Oderberger sei für sie schon nicht irgendeine Straße, sondern sehr wichtig für ihr Leben, aber ihr heute zu schick. Das war komplett anders, als sie 1978 hierherzogen. "Der größte Schock bei unserer Ankunft in der Oderberger Straße ist die Mauer", so Freya im Buch. Denn die begrenzt die Straße an einer Seite und macht sie so zur Sackgasse. Die Nähe der Mauer weckt auch Fluchtgedanken - Tunnel werden gegraben oder die Kanalisationsrohre genutzt, unter anderem von der Oderberger Ecke Eberswalder Straße aus, wo damals die Volkssolidarität ihren Klub hatte. Manche Flucht gelingt, viele scheitern - manche durch Verrat, andere durch Spitzel oder einfach durch Pech.

"Die Oderberger Straße" ist im Bebra-Verlag erschienen, 144 Seiten, 12 Euro.
"Die Oderberger Straße" ist im Bebra-Verlag erschienen, 144 Seiten, 12 Euro.(Foto: Bebra Verlag)

Über der Mauer, an der oberen Kante, ragt auf Höhe der Oderberger eine Aussichtsplattform auf: "1964 lässt der Regierende Bürgermeister Willy Brandt hier eine so hohe Aussichtsplattform aus Stahl aufziehen, dass man auf ihrem obersten Podest weit über die Sichtblenden hinweg in die Schwedter, Oderberger und Eberswalder Straße schauen kann." Ein Abstecher dorthin wird für Besucher aus dem Westen, seien es private oder offizielle, bald fast ein Pflichttermin. Im September 1964 steht sogar Bürgerrechtler Martin Luther King dort oben und schaut auf den gespenstischen Todesstreifen.

Besondere Mischung und Gemeinschaft

Und auf den Kiez mit seiner besonderen Mischung an Menschen: In den heruntergekommenen Altbauten wohnten Arbeiter, Studenten und Künstler - ganz unterschiedliche Schichten, aber alle hatten wenig Geld, das verband sie und man lud sich schon mal gegenseitig zum Essen ein oder half sich anderweitig aus, so erinnern sich Freya und Nadja.

Mai 1985: Privat organisiertes Punkkonzert im Hirschhof, in einer nicht so idyllischen Ecke.
Mai 1985: Privat organisiertes Punkkonzert im Hirschhof, in einer nicht so idyllischen Ecke.(Foto: imago/Frank Sorge)

Auch eine gemeinschaftliche Aktion, von der alle Anwohner was hatten: der Hirschhof auf der Freifläche zwischen der Oderberger Straße 15-17 und der Kastanienallee 10-12. Die Idee, "die große, leere und ziemlich vermüllte Fläche in ihren Hinterhöfen in einen Spielplatz zu verwandeln, mit richtig viel Grün!" ist eine Bürgerinitiative, also keine staatliche Idee, sondern kommt "von unten". Das wird nicht gern gesehen in der DDR. Denn "nichts ist schlimmer für die herrschende SED als mitdenkende Bürger, die eigene Ideen entwickeln, gute Ideen, die nicht von der Partei kommen. Und das auch noch in unmittelbarer Sichtweise zum Klassenfeind." Aber es gelingt dennoch, über alle Widerstände hinweg, mit einigen Tricks und viel Beharrlichkeit - von dem Beginn mit einer Unterschriftenaktion 1979 bis zur Einweihung 1985 vergehen doch einige Jahre. Im Sommer 1985 wird auch der namensgebende Hirsch dort aufgestellt, eine knapp drei Meter hohe Plastik aus Stahlschrott. (Trauriges Ende heute: Der Zugang zum alten Hirschhof ist auf Druck der neuen, privaten Hausbesitzer seit Jahren geschlossen. Dem ging ein langer Rechtsstreit voraus, schließlich wurde auf dem Nachbargrundstück 2011/12 der "Neue Hirschhof" gebaut.)

"Es wird eng"

11. November 1989 an der Bernauer, Ecke Oderberger/Schwedter Straße: DDR-Grenzsoldaten kontrollieren die Ausweise.
11. November 1989 an der Bernauer, Ecke Oderberger/Schwedter Straße: DDR-Grenzsoldaten kontrollieren die Ausweise.(Foto: imago/Rolf Zöllner)

Gegen Ende der 80er-Jahre wird es ungemütlicher, bedrückender; immer mehr vor allem junge Leute reisen aus, gehen in den Westen; der Druck durch den Staat, die Bespitzelung durch die Staatssicherheit nimmt zu. Freya Klier und ihr Lebensgefährte Stephan Krawczyk werden 1986 mit Berufs- und Auftrittsverbot belegt, sie treten nur noch in Kirchen oder Privatwohnungen auf und leben von der Kirchenkollekte. In der Folge wird auch Tochter Nadja überall verfolgt, Tag und Nacht, auf dem Schulweg, auf dem Heimweg von der Disco ... Wie sich später herausstellt, hatten sie seit 1986 Wanzen in der Wohnung, werden auch im Schlafzimmer beim Sex belauscht. 1988 folgt die Verhaftung von Stephan und Freya, kurze Zeit später die Ausweisung. Sie müssen die Oderberger Straße, Berlin, die DDR verlassen. Von heute auf morgen.

Das ist der bewegendste Abschnitt des Buches - neben dem Mauerfall am 9. November 1989 selbstredend: "Plötzlich kam ein älterer Herr und bahnte sich den Weg. Er hatte einen großen Vorschlaghammer ... Das war ergreifend, denn er schob nun alle weg, die da hackten. Er sagte: 'Lasst mich das machen, es ist meine Arbeit. Ich war im August '61 hier und musste das bauen. Und ich, und nur ich, werde nun die wichtigen Schläge machen'. Es wurde mucksmäuschenstill, wir haben eine Gänsehaut bekommen." So erging es auch dem Publikum, als bei der Buchvorstellung diese Passage vorgelesen wurde - nicht wenige hatten einen Kloß im Hals und auch Freya musste am Ende Tränen unterdrücken, wie sie lachend feststellte.

Die persönlichen Erlebnisse sind die Stärken dieses Buches - sie machen die Geschichte erleb- und nachvollziehbar. Es hält zugleich eine gute Balance zwischen interessanten geschichtlichen Fakten und ebenjenen persönlichen Geschichten. Man kann mit dem Buch in der Hand durch die Straße gehen und sie so (neu) kennenlernen. Eine spannende, emotionale Spurensuche.

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Quelle: n-tv.de

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