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Identitätspolitische Debatte "Gorman-Streit setzt an der falschen Stelle an"

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Für manche ist Amanda Gorman so etwas wie eine Nationalheilige geworden - dieser Künstler verewigt das Gesicht der jungen Poetin an einer Wand in Los Angeles.

(Foto: AP)

Frank Heibert ist einer der bedeutendsten Übersetzer US-amerikanischer Literatur. Hier erzählt er, wie schwierig es ist, das Gedicht von Amanda Gorman ins Deutsche zu bringen, was er von der identitätspolitischen Debatte hält und warum er als Schwuler Heteros übersetzt.

ntv.de: Herr Heibert, zunächst einmal: Was haben Sie gedacht, als Sie das Gedicht von Amanda Gorman zum ersten Mal gehört haben?

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Frank Heibert hätte das Gedicht selbst nicht übersetzt - aber nicht, weil er ein weißer Mann ist.

(Foto: Helmut Jasny )

Frank Heibert: Gemischte Gefühle: Etwas Unwohlsein bei so viel Patriotismus, Bibelinbrunst und Moralpathos. Dann Freude über ihren mitreißenden, mutmachenden Schwung. Und die ganze Zeit zugleich Begeisterung über die Musikalität dieser Rap-Predigt und die Sprachmagie der Wort- und Klangspiele. Politisch war ich glücklich über die Performance einer jungen Schwarzen bei der Inauguration des Präsidenten der von Rassismus durchtränkten Vereinigten Staaten.

Überrascht es Sie, dass ausgerechnet "The Hill We Climb", ein Gedicht, das verbinden will, einen identitätspolitischen Streit ausgelöst hat?

Ja. Der Streit entzündete sich an der falschen Stelle. Teilhabe und Chancengleichheit für alle weniger Privilegierten, wunderbar! Literaturübersetzung ist aber keine der Plattformen von Einfluss oder Deutungsmacht in der Gesellschaft: Warum also ausgerechnet hier kämpfen?

Sie leben offen schwul, kennen also Diskriminierung. Trotzdem übersetzen Sie seit Jahrzehnten erstklassig die Werke amerikanischer Heteros. Spielte das jemals eine Rolle für Sie?

Das ist der noch wichtigere Punkt, bei dem die Debatte falsch ansetzte: Literaturübersetzung ist immer Einfühlung in das Andere. Wer übersetzen will, muss neben allen notwendigen sprachkünstlerischen Kompetenzen dieses Talent und diese Lust an der Einfühlung in oft fremde Welten und Menschen mitbringen. Eine Nähe der persönlichen Identität und Erfahrung kann helfen, aber auch im Wege sein und sollte nicht als Voraussetzung gefordert werden.

Es heißt in der Debatte immer wieder, dass Weiße sich nicht in die Gefühlswelt von nicht-weißen Diskriminierten hineindenken könnten. Ist das so? Wie gehen Sie vor?

Ich glaube, prinzipiell können wir Weißen schon versuchen, uns in fremde Diskriminierungserfahrungen hineinzudenken. Der zu überbrückende Abstand kann aus einer anderen Diskriminierungserfahrung, einer anderen Persönlichkeit oder einer anderen Epoche mit ihrer Welt und Mentalität bestehen. Je größer der Abstand, desto mehr Recherche braucht es, in sachlicher und emotionaler Hinsicht. Nach der eingehenden Lektüre von James Baldwin oder Toni Morrison hat jemand zudem Einiges an emotionaler Recherche geleistet. Und zusätzlich muss man eben mit Menschen reden, bei historischen Romanen etwa mit Wissenschaftlern.

Hätten Sie das Gorman-Gedicht gerne übersetzt?

Das Sprachtüfteln, das nötig wäre, um Gormans Spoken Word Poetry im Deutschen nachzuschaffen, hat mir schon immer Spaß gemacht. Einfühlung in eine rebellische und zugleich versöhnliche Haltung auch. Aber ich habe den Sound der 20- bis 30-jährigen deutschen Spoken-Word-Poeten nicht drauf, nicht in der coolen Glaubwürdigkeit. So viel zu der Kompetenzfrage, die meiner Meinung nach immer die wichtigste sein sollte. Dazu kommt die politische Bedeutung und Positionierung. Ich gehöre zu den Privilegierten, und dies wäre für mich ein schöner Beispielfall dafür gewesen, dass wir lernen müssen, abzugeben, um an größerer Chancengleichheit mitzuwirken. Aus zwei Gründen also: nein.

Was ist die Herausforderung bei der Übersetzung des Gorman-Gedichts?

Ein Werk, in dem Rhythmus, Sprachklang und Aussage - hier auch noch eine politische - mit einem kulturspezifischen Hintergrund so miteinander verflochten und gleichermaßen wichtig sind, stellt größte Herausforderungen an die Übersetzung. Sie muss sich noch stärker vom Original und seinem Wortlaut frei machen als sowieso schon. Oft bietet das nah am Original übersetzte Wort nicht den gewünschten Klang, weil eine Alliteration schön wäre, oder der Rhythmus stimmt nicht. In der aktuell so aufgeladenen Situation ließe sich eine so freie Fassung nur in enger Absprache mit der Autorin erarbeiten, was trotz der Kürze des Gedichts viel Zeitaufwand bedeuten würde.

Kurz zur Erklärung: Alliterationen sind zwei oder mehr Wörter mit gleichen Anfangsbuchstaben kurz hintereinander. Man kennt es bei uns etwa von "bei Nacht und Nebel" oder von "mit Schimpf und Schande".

Gormans Gedicht ist voll davon. Und dazu die vielen religiösen Bezüge. Nehmen wir "We've braved the belly of the beast". Das ist eine Bibelanspielung auf Jona im Bauch des Wals als Metapher für große, bedrohliche, aber gemeisterte Herausforderungen. Rhythmus und Klangmagie machen den Vers zu einem guten Beispiel für das, was in Gormans Text so anspricht. Im Deutschen steht neben der Wal-Bibel-Anspielung auch der "Bauch der Hölle" oder die "Höhle des Löwen" zur Verfügung. Um für Klangmagie im Deutschen zu sorgen, müsste das entsprechend rhythmisch und klanglich in den Kontext eingebaut werden. Insofern ist "Wir haben tief in den Abgrund geblickt", wie es in der gerade erschienenen deutschen Übersetzung heißt, inhaltlich nachvollziehbar, aber klanglich und rhythmisch nicht mit dem Original zu vergleichen.

"To compose a country committed / To all cultures, colors, characters, / And conditions of man" wurde so ins Deutsche gebracht: "Ein Land für Menschen aller Art / jeder Kultur und Lage, jeden Schlags." Es verwundert, dass das wichtige Wort "Farbe" rausgefallen ist.

Wenn auf Deutsch von "Farbe" oder "Hautfarbe" gesprochen wird oder etwas unbeholfen von "Farbigen", schwingen andere Bewertungen mit, als wenn es auf Englisch "color" heißt. Da das Übersetzungsteam explizit die Absicht verfolgt hat, Wörter zu finden, "die niemanden verletzen", vermute ich, dem Wegfall von "color" ist eine entsprechende Diskussion vorausgegangen. Verwundert hat es mich aber auch. An die Stelle der c-Alliterationen sind im Deutschen die a-Klänge getreten, etwas weniger prägnant und erneut weniger rhythmisch. Bei dieser Übersetzung hat politische Sensibilität eindeutig eine größere Priorität bekommen als sprachkünstlerische Ausgestaltung, trotz aller Einzelbeispiele für gelungene Klangspiele oder einzelne rhythmisierte Passagen. Daher stellt sich die magische Wirkung des Originals leider nicht ein.

Mit Frank Heibert sprach Thomas Schmoll

Quelle: ntv.de

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