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Übersetzung von Amanda Gorman Ein "Wunder", dem es an Magie fehlt

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Sorgte mit ihrem Auftritt bei Bidens Inauguration für einen magischen Moment: Amanda Gorman.

(Foto: REUTERS)

Einen kleinen Platz in der Weltgeschichte hat sich die junge Dichterin Amanda Gorman wohl schon gesichert. Ihr Gedicht ist ein Meisterwerk. Vom Olymp der Weltliteratur ist sie trotzdem noch entfernt - erst recht, wenn man die deutsche Übersetzung zum Maßstab nimmt.

Oprah Winfrey scheint auf Pathos zu stehen. Hochgradig feierlich - und damit ganz nach Geschmack ihrer Landsleute - liest sich ihr Vorwort zu dem Gedicht von Amanda Gorman, das die 23-Jährige am 20. Januar bei der Amtseinführung von US-Präsident Joe Biden rezitiert hat. Zig Millionen Menschen auf der ganzen Welt empfanden ihren Auftritt als Freudenfest für Ohren und Augen. Sie, eine junge schwarze Frau, und nicht Biden, ein alter weißer Mann, spendete Hoffnung, die gespaltenen Staaten von Amerika wieder zu einen. Gorman war es, die mit ihrer Poesie einen symbolischen Schlusspunkt unter die hässliche Sprache des Donald Trump setzte.

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In ihrem - wie auch das Buch - religiös aufgeladenen Vorwort hebt Winfrey ihre Landsfrau nicht nur auf einen Sockel, sondern überhöht sie, erklärt sie zur Erlöserin. "Ein Inbild sanfter Anmut" habe dem Land gezeigt, "wohin es gehen muss", schreibt die Milliardärin und schreckt nicht einmal davor zurück, den Tag, an dem Gorman "in ihrer strahlenden Präsenz ans Mikrofon trat, in dieser Stunde der Wahrheit ein Zeichen setzte", als "Wunder" zu bezeichnen.

Noch harrt das Mirakel auf seine Vollendung. Derweil läuft - parallel zur Corona-Sintflut - eine Marketing-Welle durch die USA. Die Revolution frisst dort nicht ihr neues Lieblingskind, sie verkauft oder kauft es: Es gibt alles, von Tassen über Socken bis hin zu T-Shirts, Tage- und Notizbüchern sowie Bettwäsche mit Gormans Porträt drauf oder drin, mal aufgedruckt, dann eingewoben oder eingebrannt, oft so bizarr schlecht, dass man nur am roten Haarband vermuten kann, möglicherweise handele es sich um die von Winfrey besungene Lichtgestalt.

Geschäft und Erlösung gehen in den USA seit Ewigkeiten gerne einher. Wer politisch links steht in den Staaten, muss noch lange kein Antikapitalist, Geldverächter und Umverteiler sein. Nun also ein Buch. Es kam weltweit am 31. März auf den Markt. In der englischen Ausgabe enthält es nur ihr Gedicht "The Hill We Climb", das die junge Frau im Januar in Washington vorgetragen hat. Es umfasst 32 Seiten. Die deutsche Variante trägt den Titel "Den Hügel hinauf", ist beim Hamburger Verlag Hoffmann und Campe erschienen und - da zweisprachig - doppelt so dünn.

Übersetzung fehlt "literarischer Mut"

Sein Erscheinen in Europa wird von einer identitätspolitischen Debatte begleitet. Die Niederländerin Marieke Lucas Rijneveld gab den Auftrag zur Übersetzung zurück, nachdem ihre Eignung wegen ihrer weißen Hautfarbe in Zweifel gezogen worden war. In Spanien kündigte der Verlag dem schon engagierten Übersetzer, da er ein weißer Mann ist. Hoffmann und Campe umging das Risiko, in die Diskussion hineingezogen zu werden, dadurch, dass er weise und vorausschauend gleich drei Frauen die Übertragung überließ: der erfahrenen Übersetzerin Uda Strätling sowie den schreibenden Aktivistinnen Hadija Haruna-Oelker und Kübra Gümüşay.

Wer dem deutschen Verlag vorauseilenden Gehorsam vor dem Twitter-Mob unterstellen will, möge bedenken, dass die Entscheidung, ein Trio anzuheuern, vor der Debatte in den Niederlanden getroffen worden war und er der Schriftstellerin Monika Maron ein neues verlegerisches Zuhause gab, die der Fischer Verlag wegen angeblichen Hangs zur Neuen Rechten vor die Tür gesetzt hatte. Befremdlich ist eher, dass die Wahl auf Gümüşay fiel. Auf ihrer Webseite wehrt sie sich gegen diverse Vorwürfe. Sie schreibt etwa: "In meinem Buch 'Sprache und Sein' habe ich an einer Stelle einen berühmten türkischen Dichter genannt, dessen u.a. alevitenfeindliche, antisemitische und andere mit meinen Überzeugungen nicht vereinbare Äußerungen mir nicht bekannt waren."

Das mag sein. Wer aber ein Buch zu "Sprache und Sein" schreibt, sollte die Macht des Wortes kennen. Und besser recherchieren in Zeiten, wo jedes Wort auf der Goldwaage landet. Abgesehen davon: Eine einzige Frau hätte für die Gorman-Übersetzung vollkommen gereicht, nämlich Strätling - obwohl sie eine Weiße ist. In Diskussionen um Gleichstellungen wird stets betont, dass es nicht auf die Hautfarbe ankomme. Aber in der Literatur soll sie eine Rolle spielen? Aus Äußerungen des Trios geht hervor, dass viele Zeilen ein Kompromiss sind. Kunst als Konsenssuche - ein schrecklicher Gedanke.

In seiner ARD-Sendung "Druckfrisch" sagte Denis Scheck: "Liest sich gut, die Kommentierung ist plausibel." Wer den Literaturkritiker kennt, weiß, was gemeint ist: Es ginge deutlich besser. Scheck weiter: Der Übersetzung "fehlt leider ausgerechnet die hervorstechendste Qualität des Originals: literarischer Mut". Und zum identitätspolitischen Streit sagte er: "Literatur ist das Medium, das uns erlaubt, buchstäblich aus unserer Haut zu fahren und in die Haut anderer zu schlüpfen." Wer auf Gleichheit "von Erfahrungs- und Erlebniswelten von Autor und Übersetzer beharrt, hat das schöne Spiel der Literatur, fürchte ich, nicht ganz verstanden".

Die Gefahr des Missklangs ist groß

Scheck nannte als Beispiel dafür, was dem Literaturbetrieb verloren ginge, die starken Übersetzungen der Werke des Amerikaners James Baldwin, ein Schwarzer, durch Miriam Mandelkow, eine Weiße, geboren in Amsterdam und in Hamburg lebend. Dem Autoren dieses Textes fiel sofort Frank Heibert ein, der den absurd schwierig zu übertragenden Roman "Lincoln im Bardo" von Georges Saunders sensationell ins Deutsche brachte und kürzlich eine hochgelobte Neuübersetzung von George Orwells "1984" im Präsens (!) vorlegte. Der Berliner ist zwar ein weißer Mann, weiß aber aus eigenem Erleben, wie es ist, diskriminiert zu werden: Er ist schwul und macht keine Anstalten, es vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Heibert schrieb jüngst für die "Zeit" einen Beitrag, in dem er klug und anschaulich darstellte, welche Schwierigkeiten die Übertragung von "The Hill We Climb" mit sich bringt und bringen muss, wenn man allen Anforderungen gerecht werden will. Er sagt: "Ein Werk, in dem Rhythmus, Sprachklang und Aussage - hier auch noch eine politische - mit einem kulturspezifischen Hintergrund so miteinander verflochten und gleichermaßen wichtig sind, stellt größte Herausforderungen an die Übersetzung."

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Die Gefahr des Missklangs ist also groß. Und so kam es dann auch prompt, dass die Übersetzung an mancher Stelle hölzern ist und dem funkelnden Original nicht nahe genug kommt, was man selbst dann merkt, wenn man nicht perfekt Englisch spricht. Ein Beispiel: "We are striving to forge a union with purpose" heißt in der deutschen Ausgabe: "Wir streben vielmehr nach Verbundenheit, gemeinsamen Perspektiven und Zielen." Das klingt nach einem Koalitionsvertrag von Parteien, die vorgeben, im Interesse des Landes harmonieren zu wollen - aber weniger nach Lyrik.

Gorman hat mit ihrem Werk samt Auftritt der Erde einen magischen Moment beschert und sich in wenigen Minuten vielleicht einen kleinen Platz in der Weltgeschichte gesichert. Ihr Gedicht ist ein Meisterwerk. Vom Olymp der Weltliteratur ist sie noch entfernt - erst recht, wenn man die deutsche Übersetzung zum Maßstab nimmt.

Quelle: ntv.de

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