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Politiker, Stasi-Spitzel, Vater Ibrahim Böhme "wollte nicht normal sein"

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Ibrahim Böhme war 1990 für wenige Wochen Vorsitzender der Ost-SPD. Er trat zurück, als seine Tätigkeit als Stasi-IM bekannt wurde.

(Foto: imago stock&people)

Ibrahim Böhme gilt in der Wendezeit als politische Lichtgestalt. Doch noch 1990 wird er als Stasi-Spion enttarnt. Nun hat Tatjana Böhme-Mehner ihre Erinnerungen an den Vater in einem Buch niedergeschrieben. Mit n-tv.de spricht sie über einen abwesenden Vater und dessen Talent, sich Wirklichkeit zu schaffen. Und über eine der schönsten Liebeserklärungen, die er ihr nach seinem Tod gemacht hat.

n-tv.de: Sobald der Name Ibrahim Böhme fällt, sagen alle: Ah ja, der Stasi-Spitzel, der beinahe DDR-Ministerpräsident geworden wäre. Wie fühlt sich das für Sie als seine Tochter an?

Tatjana Böhme-Mehner: Es stört irgendwann weniger. Gerade dort, wo ich inzwischen lebe, im äußersten Westen der Bundesrepublik, ist dieses Erinnern weniger belastet als direkt nach der Wende im Osten.

Was hat Sie bewogen, Ihre Sicht auf den Vater nun doch noch aufzuschreiben?

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Tatjana Böhme-Mehner in einem der seltenen Momente mit Mutter und Vater.

(Foto: privat)

Ich bin immer wieder gefragt worden, wie ich das alles als Tochter erlebt habe: Als er politisch plötzlich Karriere machte und als er als Stasi-Spitzel enttarnt wurde. Und das erzählt sich nicht in drei Sätzen, weil es sich eben auch daraus erklärt, wie speziell unser Verhältnis war. Wir hatten eine andere Nähe und Distanz, als das in Vater-Tochter-Beziehungen üblicherweise ist. Und ich wollte beschreiben, wie es ist, mit einem solchen Vater zu leben. Ich hatte diesen konkreten Vater, aber ich bin ja nicht die Einzige, die derartige Erfahrungen gemacht hat. Inzwischen habe ich bei meinen Lesungen eine Reihe von Menschen getroffen, die Ähnliches ganz anders und Anderes ganz ähnlich erlebt haben. Ich wollte auch von der späten DDR-Zeit und Wende erzählen, davon, wie die Provinz in der DDR funktioniert hat. Nach all den Jahren hatte ich genug räumliche und zeitliche Distanz, um das aufzuschreiben. Ich bin davon so weit weg, dass ich eine andere Perspektive habe.

Wie hat Ihr Vater denn mit Ihnen und Ihrer Mutter gelebt?

"Mit" ist schon ein schwieriger Begriff, weil wir selten tatsächlich zusammen waren. Auf dem Papier bestand die Ehe meiner Eltern von 1975 bis Mitte der 1980er-Jahre. Wir haben uns auch nie losgesagt von ihm. Meine Mutter hat mit der Scheidung eher eine Art Richtigstellung vor dem DDR-System angestrebt, was Verantwortung und Verantwortlichkeiten voreinander und füreinander angeht. Mein Vater hat für sich die Verantwortung für eine Familie ja immer abgelehnt, wollte sich dieser nicht stellen. Aber als sie geschieden wurden, hat das am Verhältnis meiner Eltern nicht wirklich etwas geändert. Mein Vater war genauso da und nicht da wie vorher. Es war und blieb eine Fernbeziehung, wir haben nie wirklich zusammengelebt. Das war der Normalzustand, mit dem ich aufgewachsen bin und gelebt habe. Wir haben ihn nur ein einziges Mal besucht. Er kam zu uns, aber nicht regelmäßig oder irgendwelchen Gesetzmäßigkeiten folgend, sondern wann es ihm beliebte. Das konnten vier Wochenenden in Folge sein und dann monatelang nicht. Im Einzelfall waren es auch Jahre.

Haben Sie sich über diesen abwesenden Vater gewundert?

Gewundert keinesfalls. Die Situation war mir ja klar. Mein Zuhause war anders, als das anderer Kinder. Aber um etwas zu vermissen, hätte ich wissen müssen, was. Meine Großeltern und meine Mutter haben ja alles kompensiert, was ich hätte vermissen können. Deshalb fehlt mir für das Vermissen das Fehlen von etwas. Alles, was andere vielleicht mit ihrem Vater machen, habe ich mit meinem Opa gemacht. Es gab kein Loch, keine Sehnsucht. Es war schön, wenn mein Vater da war, aber seine Abwesenheit hat bei mir keinen Mangel verursacht.

Hatten Sie eine kindliche Vorstellung davon, was er macht, wenn er nicht da ist?

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Nein, überhaupt nicht. Ich glaube, das ist so eine kindliche Sache, dass man sich eine Wirklichkeit außerhalb der eigenen Realität ohnehin schwer vorstellen kann. Ich gab offiziell an, mein Vater sei freischaffender Übersetzer, aber ich hatte als Kind keine konkrete Vorstellung davon, was er macht. Es hieß, er muss weg, er hat zu tun. Von dem "zu tun" hatte ich keine Vorstellung.

Die Journalistin Christiane Baumann hat in ihrem Buch "Das Prinzip Verrat" 2015 anhand seines Nachlasses die tatsächliche Biografie Ihres Vaters nachgezeichnet. Er selbst hat darum ja immer neue Mythen gesponnen. Haben Sie Ihren Vater darin anders kennengelernt?

Ja, schon. Wobei ich ihn keinesfalls als völlig andere Persönlichkeit erlebt habe. Aber es erklärte sich aus diesem Material vieles, bei dem ich mich immer wieder gefragt habe: Warum ist das so?

Zum Beispiel?

Beispielsweise seine Unfähigkeit, mit Nähe umzugehen und Menschen an sich heranzulassen. Es fiel ihm schwer, Gefühle zuzulassen und zu zeigen. Das erklärt sich natürlich aus diesen Kindheitserfahrungen genauso wie seine Unfähigkeit, eine Vaterrolle einzunehmen. Er hat die eigene Erziehung als Horror erlebt, mit einem Vater, der getrunken und geschlagen hat. Mit dieser erfahrenen Brutalität ist es schwer, selbst Vater zu sein. Vielleicht wusste er gar nicht, was von ihm erwartet wird.

In vielen Nachrufen auf Ihren Vater stand, er sei mit seiner Heimkindkarriere der ideale Spitzel gewesen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Jein. Natürlich hatte er diese schwierige Kindheit, andererseits ist das immer so ein Totschlagargument. Für eine solche Karriere muss man sicher noch andere Prädispositionen mitbringen. Ich denke, so etwas ist immer vielschichtiger, auch wenn diese Kindheit mit Sicherheit ein fruchtbarer Boden für so eine Spitzelkarriere ist.

Warum hat es ihn zur Stasi gezogen?

Das wüsste ich natürlich auch gern. Er hatte dieses Talent, sich Wirklichkeiten zu schaffen, die ihm besser gefallen haben, als die, die ihn umgaben. Ein gewisser Reiz, würde ich sagen, immer neue Wahrheiten zu schaffen und sich die Welt ein bisschen mehr so zu machen, wie er sie schöner fand, mag hier eine Rolle gespielt haben. Andererseits hatte er diese Leidenschaft, eine mystische Aura um sich selbst zu entwickeln. Das war schon eine treibende Kraft.

Glauben Sie, dass er psychisch krank war?

Sicher hatte er Züge in seiner Persönlichkeit, die viele nicht als normal ansehen. Im landläufigen Sinn "normal" wollte er aber auch mit Sicherheit nicht sein.

Ihr Vater hat als Stasi-IM Unglück über andere Menschen gebracht. Der Dichter Reiner Kunze wurde nicht zuletzt seinetwegen ausgebürgert, er hat später Spitzelberichte veröffentlicht, die Ihr Vater geschrieben hatte. Fühlen Sie sich dafür in Sippenhaft genommen?

Im Allgemeinen nicht. Es gibt natürlich diese Komponente von Sippenhaft. Meine Mutter hat das mal andersherum in einem Brief an die DDR-Behörden geschrieben, als mein Vater noch als Oppositioneller galt und sie eine neue Arbeit und eine neue Wohnung suchte. Diese Zuschreibung hängt einem immer an. Es war viele Jahre schwierig, diesen Menschen zu begegnen. Ich kann ihnen gegenüber kein schlechtes Gewissen haben, ich habe nichts getan. Aber es hat mich emotional schon beschäftigt, was mein Vater anderen getan hat.

Wie erklären Sie sich, dass er seine Arbeit für die Stasi immer rundweg abgestritten hat?

Abgestritten wäre schon fast zu aktiv, will man sein Leugnen beschreiben. Das ist die Sache mit seinen Wirklichkeiten. Ich glaube, dass in seinen letzten Lebensjahren diese Ereignisse in seinem Bewusstsein nicht mehr präsent und relevant waren.

Sie haben an seinem Todestag morgens einen Anruf bekommen …

Ja, das vergesse ich natürlich nicht, auch wenn ich die Nachricht bereits seit Jahren erwartet hatte. Darauf hatte er in irgendeiner Weise hingearbeitet. Das war ja ein sehr langes Sterben, obwohl er erst 55 war.

Warum haben Sie sein Erbe ausgeschlagen, wollten Sie sich von ihm lossagen?

Nein. Ich wollte mein eigenes Leben anfangen. Ich war 22, als er starb. Er war überschuldet und hatte in zahlreichen Testamenten vielen Leuten alles Mögliche versprochen. Ich wäre heute noch nicht froh, wenn ich das angenommen hätte. Eine seiner schönsten Liebeserklärungen war für mich, dass er mich in seinen fiktiven Testamenten nicht mit ebenso fiktiven Gütern bedacht und über seinen Tod hinaus seinen Scherz mit mir getrieben hat.

Was erzählen Sie Ihrem Sohn von seinem Großvater?

Ich habe meinem Kind immer die Wahrheit über alles gesagt, was ich mit meinem Vater erlebt habe, ohne Auslassungen. Diese Erfahrungen mögen quantitativ nicht so gewaltig sein, aber sie sind sehr intensiv und speziell. Er hätte mehr da sein können, aber er hat mir nichts getan. Für mich ist er vor allem mein Vater.

Mit Tatjana Böhme-Mehner sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de

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