Bücher

Das Manga-Genie Naoki Urasawa Japans Meister des Suspense

S. 6 Billy Bat 13 c 2013 Naoki Urasawa_Studio Nuts, Takashi Nagasaki.jpg

Hitler und Einstein auf einer Parkbank - das gibt es wohl nur bei Naoki Urasawa, hier eine Szene aus "Billy Bat" (Achtung: japanische Leserichtung von rechts nach links).

(Foto: 2013 Naoki Urasawa Studio Nuts, Takashi Nagasaki)

In Japan ist Naoki Urasawa längst ein Star. In Deutschland noch nicht. Das sollte sich ändern. Denn kaum ein Mangaka erzählt so spannend wie der Japaner, der dieser Tage 60 Jahre alt wird. Zumal sein Werk viele Verbindungen nach Deutschland hat.

Der "Freund" ist der Erzfeind. Ein Sektenanführer, der die Welt unterwerfen will, der seine Feinde ermorden lässt und Städte mit Kampfroboter und biologischen Waffen angreift. Nur Kenji und eine Handvoll Vertraute stellen sich ihm entgegen. Ein fast aussichtsloser Kampf. Dabei kennt Kenji den "Freund" aus Kindheitstagen - als er und eine Gruppe Jungen planten, die Weltherrschaft zu erringen, mit Kampfroboter und biologischen Waffen. Nur welcher jener alten Kumpel hat die kindlichen Phantasien in die Tat umgesetzt und sich zum skrupellosen Anführer gewandelt? Da liegt der Kniff des Mangas "20th Century Boys": Weder Kenji noch die Leser bekommen den "Freund" je zu Gesicht. Stets bleibt er im Schatten verborgen, oder hinter einer Maske. Umso schwerer ist es für Kenji, ihn zu enttarnen.

naoki-urasawa.jpeg

Naoki Urasawa wurde in Japan vielfach ausgezeichnet. In Europa erhielt er etwa den Prix Intergénérations von Angoulême und den Max-und-Moritz-Preis.

(Foto: Shogakukan)

Es ist einer jener Tricks, mit denen Naoki Urasawa seine Spannung erzeugt. Und es funktioniert prächtig. Auch über mehrere Bände, über mehrere tausend Seiten hält der Autor und Zeichner scheinbar mühelos den Nervenkitzel aufrecht. Immer wieder findet er neue Wendungen, neue Figuren oder Perspektiven, mit denen er die Spannungsschraube noch etwas fester zieht, während gleichzeitig die Geschichte an Komplexität gewinnt. Je näher seine Protagonisten der Lösung eines Rätsels kommen, desto dichter wird das Netz aus Verbindungen und Querverweisen zwischen den einzelnen Elementen, bis schließlich das Geheimnis enthüllt wird.

Mit dieser Erzählweise ist Urasawa, der am 2. Januar 60 Jahre alt wird, zu einem Manga-Star geworden, zu einem Erneuerer der Kunstform. Er ist Japans Meister des Suspense, der anhaltenden Anspannung. In Deutschland allerdings gilt es ihn noch zu entdecken. Die Gelegenheit ist günstig: Von seinen vier auf Deutsch erschienenen Serien werden zwei derzeit neu aufgelegt, eine weitere wurde erst kürzlich mit dem 20. Band abgeschlossen.

S. 57 Monster_ ©2008 Naoki URASAWA Studio Nuts © Carlsen Verlag GmbH • Hamburg 2019.jpg

Eine Actionszene aus der Serie "Monster".

(Foto: © 2008 Naoki URASAWA Studio Nuts © Carlsen Verlag GmbH)

Die vorliegenden Serien stammen aus Urasawas späterer Schaffensphase, in der er sich spannungsreichen Geschichten für erwachsene Leser zugewandt hat. Teilweise arbeitete an mehreren Serien gleichzeitig. Entsprechend sind sie alle geprägt von ähnlichen Stilmitteln, die oft auf filmische Elemente zurückgreifen. Neben dem erwähnten Suspense-Effekt beeindruckt vor allem die erzählerische Vielfalt. Alle seine Geschichten sprengen die Genre-Grenzen. Elemente aus Thriller und Krimi, Mystery und Science-Fiction wechseln sich munter ab. Familiäre Konflikte und politische Themen finden nebeneinander Platz, genau wie actionreiche Abschnitte oder ruhigere Dialogpassagen.

Ein Faible für Deutschland

Zeichnerisch setzt Urasawa auf klare, schnörkellose Linien. Die Hintergründe leben von Detailreichtum und genauer Beobachtungsgabe, während die Figuren sehr realistisch gehalten sind. Im Mittelpunkt stehen oft die Gesichter und ihre Mimik, selbst kleine Gefühlsregungen werden nuanciert dargestellt. Alle Personen verfügen dabei über ganz eigene Merkmale, was sie unverwechselbar macht - wie überhaupt selbst Nebenfiguren im Laufe der Serie oft zu vielschichtigen, ambivalenten Charakteren werden und damit die komplexe Geschichte spiegeln.

Pluto, Band 1, S. 179 © 2004 Naoki URASAWA Studio Nuts, Osamu TEZUKA, Takashi NAGASAKI, Tezuka Productions.jpg

Der deutsche Inspektor Gesicht steht im Mittelpunkt von "Pluto".

(Foto: © 2004 Naoki URASAWA Studio Nuts, Osamu TEZUKA, Takashi NAGASAKI, Tezuka Productions)

Gerade für deutschsprachige Leser ist Urasawa aber auch interessant, weil sein Werk immer wieder Verweise auf Deutschland bereithält. Die Serie "Monster" etwa beginnt im Düsseldorf der 80er-Jahre - dem sogenannten Nippon am Rhein - und spielt auch an anderen deutschen und mitteleuropäischen Orten. In "20th Century Boys" arbeitet einer von Kenjis Kindheitsfreunden in Deutschland. Im Mittelpunkt von "Pluto" wiederum steht ein Europol-Ermittler aus Düsseldorf.

Dürfen Roboter hassen?

Letztere Serie eignet sich wegen ihrer geradlinigen Erzählweise auch wunderbar als Einstieg in die Urasawa-Welt. "Pluto" spielt in der Zukunft und basiert auf der beliebten Geschichte "Der größte Roboter auf Erden" des in Japan als Manga-Gott verehrten Osamu Tezuka ("Astro Boy", "Kimba"). Urasawa (und sein langjähriger Ko-Autor Takashi Nagasaki) machen aus dem gut 180-seitigen Abenteuer von 1964/65 ein achtbändiges Werk, das sein Original mit höchstem Respekt behandelt, es erzählerisch und künstlerisch jedoch aktualisiert und über es hinausgeht.

ANZEIGE
Pluto: Urasawa X Tezuka 1 (1)
14,90 €
*Datenschutz

Anders als im Original steht nicht Atom, die Hauptfigur von "Astro Boy", im Mittelpunkt, sondern der Düsseldorfer Europol-Fahnder Gesicht. Er soll die Mordserien an mehreren mächtigen Robotern und Wissenschaftlern aufklären. Das ist ganz in seinem Interesse, denn er ist einer der leistungsstärksten Roboter der Welt und gerät bald selbst ins Visier des Mörders. Interessanterweise behandelt Urasawa in der 2004 erschienenen Serie viele Themen, die heute höchst aktuell sind und in Zukunft noch an Brisanz gewinnen dürften: künstliche Intelligenz, das Verhältnis von Mensch und Maschine und was beide unterscheidet.

Ob Roboter fühlen können, ob sie Hass empfinden dürfen, wird zur philosophischen Kernfrage dieses so spannenden Mangas, der darüber hinaus auch noch Bezug auf aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen nimmt, etwa den Einmarsch der USA in den Irak 2003. Urasawa ist damit ein so rasantes wie kluges Meisterwerk gelungen, das in Japan und Europa etliche Preise erhielt. Die Serie erschien 2010 auf Deutsch und liegt komplett bei Carlsen vor (acht Bände, jeweils um die 200 Seiten, 12,90 Euro bis 16,90 Euro).

Die Grenzen der ärztlichen Ethik

S. 370 Monster_ ©2008 Naoki URASAWA Studio Nuts © Carlsen Verlag GmbH • Hamburg 2019.jpg

Dr. Tenma hat einem Jungen das Leben gerettet, der sich aber als wahres Monster entpuppt.

(Foto: ©2008 Naoki URASAWA Studio Nuts © Carlsen Verlag GmbH 2019)

Wie bei seinem erklärten Vorbild Tezuka behandeln auch Urasawas Werke bei aller Spannung und Action philosophische Fragen, sie berühren das innerste Wesen des Menschen. Das ist auch bei "Monster" erkennbar, zwischen 1994 und 2001 erschienen. Es ist ein eher frühes Werk des Zeichners, das ihm etliche Preise einbrachte und den internationalen Durchbruch bedeutete. Seine typischen Stilmittel sind bereits vorhanden, auch wenn ihnen noch die ausgefeilte Meisterschaft späterer Serien fehlt. An Spannung fehlt es aber nicht: Kenzo Tenma, ein japanischer Gehirnchirurg, der an einer Düsseldorfer Klinik arbeitet, rettet 1986 einem schwer verletzten Jungen das Leben - statt sich, wie von der Klinikleitung angeordnet, um den Bürgermeister zu kümmern, der bald darauf stirbt. Tenma, für den jedes Leben gleich viel wert ist, fällt daraufhin bei seinen Vorgesetzten in Ungnade, bis seine beruflichen Widersacher auf mysteriöse Weise ums Leben kommen.

ANZEIGE
Monster Perfect Edition 1 (1)
20,00 €
*Datenschutz

Neun Jahre später erschüttert eine Mordserie an kinderlosen Paaren Deutschland. Tenma, inzwischen Chef der Chirurgie, behandelt einen verletzten Verdächtigen. Dieser warnt ihn vor einem menschlichen Monster, das bereits alle Komplizen ermordet habe. Bald kommt Tenma dahinter, dass es sich um den Jungen handelt, dem er einst das Leben rettete. Weil er selbst vom BKA verdächtigt wird, macht sich Tenma auf eigene Faust auf die Suche nach dem Jungen, um ihn unschädlich zu machen. Dabei gerät er nicht nur an Rechtsextreme, sondern kommt auch brutalen Experimenten in einem Kinderheim der ehemaligen DDR auf die Spur - und erreicht die Grenzen seiner ärztlichen Ethik. Kein Wunder, denn Urasawa selbst sieht in dem Werk eine aktuelle Version von "Frankenstein". Carlsen bringt "Monster" derzeit als neunteilige Perfect Edition neu heraus (zwischen 400 und 430 Seiten, je 20 Euro), zuletzt erschien Band 2.

Jedes Puzzleteil trägt zum Gesamtbild bei

Der Verweis auf frühere Ereignisse, die furchtbare Auswirkungen haben, ist typisch für Urasawa. Viele seiner Geschichten spannen einen Bogen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Es ist dann Sache der Protagonisten, versteckte Verbindungen zu finden, um eine Mordserie oder ein Geheimnis aufzuklären. Auf wunderbare Weise gelingt ihm das in der bereits eingangs erwähnten Serie "20th Century Boys". Aus den abenteuerlichen Plänen einer Jungs-Bande, die von der Weltherrschaft phantasiert, wird hier durch den "Freund" bitterer Ernst. Die Hauptfigur Kenji muss herausfinden, welcher seiner damaligen Kumpel hinter dem Sektenanführer steckt und damit weltweit für Anschläge und Morde verantwortlich ist.

ANZEIGE
20th Century Boys: Ultimative Edition: Bd. 1
19,00 €
*Datenschutz

Ausgehend von Kenjis Kindheitserinnerungen von 1969 entwickelt Urasawa ein düsteres Zukunftsszenario, vermischt politisches Drama mit Mystery und Science-Fiction. Dabei springt er zwischen verschiedenen Zeitebenen hin und her, wechselt immer wieder den Handlungsort und die Perspektive. Ganze Kapitel sind plötzlich aus der Sicht einer Nebenfigur erzählt, tragen am Ende aber entscheidend zur Geschichte bei. Es ist müßig, fast unmöglich, an dieser Stelle die Handlung zu umreißen, will man nicht zu viel verraten. Denn wie bei einem Puzzle trägt jedes einzelne Ereignis und jedes Erlebnis der Figuren zum Gesamtbild bei. Szenen, die zunächst rätselhaft wirken, fügen sich mitunter erst später logisch ein - bis das fertige Bild alle Hintergründe enthüllt.

S. 64 Billy Bat 10 (c) 2012 Naoki Urasawa_Studio Nuts, Takashi Nagasaki.jpg

Das Zeichen von Billy Bat birgt viele Rätsel.

(Foto: 2012 Naoki Urasawa Studio Nuts, Takashi Nagasaki)

Diese für Urasawa typische Erzählweise verlangt den Lesern Geduld und Aufmerksamkeit ab. Unverständlich wird es dabei aber nicht, weil Urasawa immer wieder Anhaltspunkte und Einordnungen einstreut oder Einzelaspekte enthüllt - die dann aber neue Rätsel aufwerfen. Der Wechsel zwischen schnellen Actionsequenzen und dramatischen Szenen macht "20th Century Boys" zu einem wahren Pageturner. Das Geheimnis um Aufstieg und Machenschaften des "Freundes" halten das Suspense-Level auch über mehrere Bände konstant hoch. Selten wurden Unterhaltung und Anspruch so meisterlich ineinander verwoben. In Japan wurden Dutzende Millionen Exemplare der Reihe verkauft, die Verfilmung wurde zum teuersten Film des Landes und der Zeichner erhielt etliche Preise. Panini bringt die ursprünglich 22-teilige Serie derzeit als Ultimate Edition mit jeweils zwei Bänden pro Buch heraus (zwischen 400 und 450 Seiten, je 19 Euro), zuletzt erschien Band 5.

Popkultur und Verschwörungstheorie

Hat Urasawa seine Erzählweise mit "20th Century Boys" zur Meisterschaft geführt, treibt er sie mit "Billy Bat" auf die Spitze. Nicht weniger als die Weltgeschichte der vergangenen 2000 Jahre behandeln die 20 Bände, die zwischen 2008 und 2016 in Japan erschienen. Beschränkt sich "20th Century Boys" noch weitgehend auf eine japanische Perspektive, weitet sich in "Billy Bat" der Blick auf die gesamte Erde - und darüber hinaus. Gemein sind beiden Serien die mannigfaltigen Einflüsse aus Thriller und Krimi, Familiendrama und nostalgischem Rückblick, aus popkulturellen Referenzen und der Lust an Verschwörungstheorien.

ANZEIGE
Billy Bat 1 (1)
12,00 €
*Datenschutz

In "Billy Bat" heißt der Protagonist Kevin Yamagata. Der Amerikaner mit japanischer Abstammung zeichnet 1949 einen beliebten Comic mit der fledermausartigen Titelfigur. Tatsächlich jedoch hat er die Figur schon einmal in Japan gesehen. Um die Urheberrechte zu klären, reist er in das Land. Doch nach und nach enthüllt er, dass dieser "Billy Bat" eine seit Jahrtausenden existierende Figur ist, die immer wieder entscheidend in die Geschichte eingegriffen hat. Schließlich wird Kevin selbst in den Bann der Fledermaus gezogen - die Comics, die er zeichnet, werden zu Vorhersagen realer Ereignisse, heimlich gelenkt von Billy Bat. Und er erfährt, dass das Geheimnis der Figur auf eine 2000 Jahre alte Schriftrolle zurückgeht, deren Besitz die Weltherrschaft bedeutet. Kein Wunder, dass der Comiczeichner bald in einen Strudel aus Mord und Intrigen hineingezogen wird.

Vielleicht kann nur Urasawa (hier wieder zusammen mit Takashi Nagasaki) eine Geschichte erzählen, die den Bogen von der Kreuzigung Christi über die vorindustrielle Welt, das Kennedy-Attentat und die Mondlandung bis zu 9/11 spannt. Alles hängt mit allem zusammen - denn auf mysteriöse Weise hat diese Fledermaus immer ihre Finger im Spiel. Das ist stellenweise arg kompliziert, und es ist wohl nur Urasawas Meisterschaft zu verdanken, dass er die vielen Handlungsstränge zusammenhält und aus dem dichten Geflecht aus Epochen und Figuren eine spannende, anspielungsreiche Geschichte zaubert, die über mehr als 4000 Seiten unterhält. Als Leser mag man sich gar nicht ausdenken, wie Urasawa das noch steigern will. "Billy Bat" liegt komplett in 20 Bänden bei Carlsen vor (zwischen 200 und 240 Seiten, 8,95 bis 12 Euro).

Quelle: ntv.de