Unterhaltung
(Foto: dpa)
Sonntag, 21. Januar 2018

Einzelgänger, Kiefern und Mafia: Lesestoff für graue Januartage

Ein Wiener Burgschauspieler bekommt es mit drei Frauen zu tun - natürlich gleichzeitig. Ein europäischer Bartforscher löst sich in Japan in Luft auf. Und zwei Journalisten erkunden Licht und Schatten Italiens. So lässt sich auch der tristeste Januar überstehen.

Absurditäten des Lebens

Millionen Leser haben sich bereits von Joachim Meyerhoffs autobiografischen Romanen mitreißen lassen, in denen der Wiener Burgschauspieler mit großer Erzähllust und viel Selbstironie Anekdoten aus seinem Leben aufschreibt: Wie er als jüngster Direktoren-Sohn auf dem Gelände einer Psychiatrie aufwächst und ganz spezielle Freundschaften mit den Insassen schließt. Oder wie er in seinem Austauschjahr in den USA bei einer streng religiösen Familie landet. Zuletzt berichtete er von seiner Studentenzeit, die er bei den Großeltern verbrachte, deren Alltag sich durch den Konsum alkoholischer Getränke strukturiert.

Die Zweisamkeit der Einzelgänger: Roman (Alle Toten fliegen hoch, Band 4)
EUR 24,00

 Nun ist der vierte und letzte Band erschienen. Während der Ich-Erzähler in "Die Zweisamkeit der Einzelgänger" erste, meist erfolglose Schritte als Schauspieler unternimmt, kommen drei Frauen ins Spiel - natürlich gleichzeitig. Logistisch ein Riesenproblem, von der Moral ganz zu schweigen. Zum einen ist da die erste große Liebe Hanna, eine kluge und überaus komplizierte Studentin. Zum anderen die exzentrische Tänzerin Franka, mit der er wilde Nächte erlebt. Und schließlich die Bäckerin Ilse, die ihn mit Puddingbrezeln rumkriegt.

Wie schon die vorhergehenden lebt auch dieser Roman von Meyerhoffs unnachahmlicher Art, der Tragik Komik abzugewinnen, die Absurditäten des Miteinanders offenzulegen und gnadenlos auf Pointe zu schreiben. Besonders die eingestreuten Episoden aus der Kindheit strapazieren die Lachmuskeln. (kse)

Auf zu den "Kieferninseln"

Der Wald von Aokigahara machte zuletzt wieder Schlagzeilen. Der bekannte Youtuber Logan Paul hatte den Wald besucht, dort die Leiche eines Selbstmörders entdeckt und gefilmt und das Video ins Internet gestellt. Es folgte ein riesiger Shitstorm, in dessen Folge Paul auch von Youtube abgestraft wurde. Der Wald am Fuße des Vulkans Fuji ist in ganz Japan als Selbstmord-Wald bekannt. Immer wieder zieht es Menschen hierher, die sich das Leben nehmen - was in Japan nach wie vor ein gesellschaftliches Problem ist.

Die Kieferninseln: Roman
EUR 20,00

Aokigahara spielt auch eine Rolle in Marion Poschmanns Roman "Die Kieferninseln", der es im vergangenen Jahr auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Doch der Autorin geht es weder um Sensationsgier oder Effekthascherei. Bei ihr ist der Wald die Station einer Reise zur Selbsterkenntnis. Diese Reise tritt Gilbert Silvester an. Der Bartforscher und Privatdozent hat geträumt, seine Frau würde ihn betrügen. Kurzentschlossen nimmt er den nächsten Langstreckenflug - nach Japan.

Dort trifft er auf den jungen Yosa, der gerade im Begriff ist, sich das Leben zu nehmen. Gilbert kann ihn davon abhalten. Doch während sich der Wissenschaftler vornimmt, auf den Spuren des Haiku-Dichters Basho eine Pilgerreise zu den berühmten Kieferninseln zu unternehmen, hat Yosa einen eigenen Reiseführer im Gepäck: Dieser führt ihn zu den bekanntesten Orten Japans, an denen Menschen Selbstmord begehen. Gemeinsam machen sich die beiden auf den Weg. Doch diese Reise ist nicht nur eine geographische. Sie ist auch eine philosophische und spirituelle, mitunter auch eine sehr witzige angesichts des Culture Clashs zwischen dem schnöseligen, akademischen Europäer und dem verschlossenen Studenten.

"Die Kieferninseln" mag nur ein schmaler Band sein, doch gerade in der Reduzierung, in der Konzentration kommt er einem Land näher, das Europäern immer noch sehr fremd erscheint. Poschmann streift dabei viele japanische Merkmale, ohne je in Klischees zu verfallen. Ganz im Gegenteil: Sätze wie "Laubfärbung ist reine Gegenwart" verraten mehr über die japanische Denkweise als ganze Reiseführer. Naturbetrachtungen wechseln sich ab mit skurrilen und melancholischen Momenten, die Reiseetappen des ungleichen Duos werden von Traumsequenzen und Briefen Gilberts an seine Frau durchbrochen, bis sich alles aufzulösen scheint und man auch als Leser den Text nur noch schwer zu fassen bekommt. Vielleicht war das alles ja auch nur ein Traum. Und da ist alles möglich, sogar Geschichten wie diese. (mli)

"Erklär mir Italien!"

Erklär mir Italien!: Wie kann man ein Land lieben, das einen zur Verzweiflung treibt?
EUR 20,00

Auf der einen Seite Schönheit und Dolce Vita, auf der anderen Seite Korruption und Mafia: Italien ist gleichzeitig betörend und verdorben - und für viele doch ein Sehnsuchtsort. "Wie kann man ein Land lieben, das einen zur Verzweiflung treibt?" Auf diese Frage suchen Giovanni di Lorenzo und Roberto Saviano in ihrem Buch "Erklär mir Italien!" Antworten.

Beide Autoren sind mit Italien tief verbunden und blicken doch aus einer außenstehenden Perspektive auf das Land: Der Journalist Roberto Saviano lebt seit dem Erscheinen seines Camorra-Enthüllungsromans "Gomorrha" 2006 unter ständigem Polizeischutz an wechselnden Orten in Italien und New York. "Zeit"-Chefredakteur Di Lorenzo, Sohn eines Italieners und einer Deutschen, zog als Elfjähriger mit seiner Mutter von Rom nach Hannover.

Für ihr Buch haben die beiden Publizisten über zwei Jahre lang Gespräche geführt - launige, kontroverse und bedrückende. Es geht viel um die Mafia und ihre Verknüpfungen mit der Politik, um Familie, Silvio Berlusconi und Klischees. Die Rollen der Dialogpartner sind dabei klar verteilt: Di Lorenzo fragt, Saviano erklärt. Und zusammen nähern sie sich interessanten Einblicken in ein Land, das man eigentlich "mit normalen Maßstäben nicht erfassen" kann, wie di Lorenzo in seinem Vorwort schreibt. (kse)

Quelle: n-tv.de