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"Jetzt gerade ist alles gut"Nachdenklichkeit gegen die Angst vor dem Tod

04.01.2026, 11:57 Uhr IMG-20181022-173026Von Solveig Bach
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Der-Autor-Stephan-Schaefer-bei-einer-Lesung-Sein-Roman-Bestseller-25-letzte-Sommer-wird-verfilmt-und-kommt-in-die-Kinos
Stephan Schäfer wäre beinahe an einer Sepsis gestorben. (Foto: picture alliance/dpa)

Es gibt Momente, in denen sich alles verändert. Ein Mann schneidet sich in den Finger und plötzlich hängt sein Leben am seidenen Faden. Aber welches Leben und was macht es eigentlich gut?

Sein Buch "25 letzte Sommer" katapultierte Stephan Schäfer 2024 auf die Bestsellerlisten. Der langjährige Medienmanager erfand sich damit als Autor neu. Sein Rezept: Das Nachdenken über Sinn, Arbeit und die begrenzte Lebenszeit von Menschen in eine Mischung aus Erzählung und Lebensreflexion verpacken. Der Roman verkaufte sich sensationell, wurde in 20 Ländern veröffentlicht und kommt in diesem Jahr als Film ins Kino.

Seitdem ist Schäfer auf diese Art von Plot abonniert. In seinem neuen Roman "Jetzt gerade ist alles gut" verarbeitet er statt des Abschieds von einer Managerkarriere eine lebensbedrohliche Krankheit. Ebenso wie seine Hauptfigur schnitt sich Schäfer in seiner Küche in den Finger. Was bei den meisten Menschen mit einem Pflaster erledigt ist, entwickelt sich jedoch bei ihm zu einer Sepsis. Innerhalb weniger Stunden pocht der Finger vor Schmerz und leuchtet dunkelrotschwarz. Aus der geplanten Abfahrt in einen langen Familienurlaub wird nichts.

Stattdessen kommt der Ich-Erzähler ins Krankenhaus und kämpft um sein Leben. Schäfer macht keinen Hehl daraus, dass er dieser Mann ist. Die winzige Verletzung ist mit Streptokokken infiziert, abgestorbenes Gewebe muss entfernt werden, eine Amputation des Fingers oder gar der Hand wird immer wieder diskutiert. Noch monatelang danach heilt die Wunde nicht richtig.

Was ist gut, was nicht?

Angesichts des Todes macht sich Nachdenklichkeit breit. Die Ärztin hatte gesagt: "Sie leben. Seien Sie dankbar!" Die Worte verändern etwas in ihm. Glaubt man dem Setting, ist er ein Mensch ohne Geldsorgen, mit einer Frau und Kindern, einer schönen Wohnung, einem Auto und einem Ferienhaus. Und doch hat er das bisher einfach als gegeben hingenommen, die Menschen wie die komfortablen Lebensumstände.

Und ist trotzdem nicht glücklich und zufrieden. Inspiriert von Rilke entscheidet er sich, Geduld zu haben, mit dem Ungelösten in seinem Herzen. Er versucht, "die Fragen selber lieb zu haben" und bewegt sich so in die "Antworten hinein".

Jede Begegnung wird von da an zur Aufgabe, die mit der Krankenschwester, die ihn im Krankenhaus versorgte, die mit dem Kellner, der nach dem Tod seiner Frau aus der Rente zurückkehrte, um unter Menschen zu sein, die mit der Mutter, den Kindern, der Schwiegermutter. Auch die Nichtbegegnung mit dem Freund, den er nach langen Jahren einfach verlor und um den er trauert, als sei er gestorben, dabei ist es ihre Freundschaft.

Es fehlt auch nicht der schwere Unfall auf der Autobahn, der einem vor Augen führt, wie schnell es vorbei sein kann. Jeder und jede weiß das und trotzdem muss man aufstehen und zur Arbeit gehen, ärgert sich über laute Nachbarn oder hat Zahnschmerzen.

Das Rezept zum Glücklichsein

Ein mittelalter Mann zieht Bilanz, was war oder ist gut, was nicht? Ihm dämmert, was auch die Glücksforschung immer wieder neu bestätigt: Nicht Geld oder Macht machen Menschen glücklich, sondern Beziehungen. Und wir tun besser daran, sie zu pflegen und zu schätzen.

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Schäfer musste das womöglich neu oder wieder lernen und es ist ihm zugute zu halten, dass er das nicht beschönigt und sich in seiner Suche so verletzlich zeigt. Es ist nicht unbedingt sein Versagen, dass die Erkenntnisse, die er gewinnt, beim Lesen manchmal fast banal erscheinen. So ist das vermutlich im Menschsein, dass man den Sonnenaufgang nach dem Tod eines lieben Menschen so überwältigend empfindet, wie die Möglichkeit, das Fahrrad seines Kindes zu reparieren nach einer lebensbedrohlichen Erkrankung. "Jetzt gerade, Papa, jetzt ist alles gut", sagt sein Sohn an einem ganz normalen Tag. Etwas von dieser Haltung versucht Schäfer zu übernehmen.

Memento mori, bedenken, dass man sterblich ist, das hält meist nicht lange. Der Alltag und der nächste Einkauf fressen all die Achtsamkeit, die Menschen so guttäte, die sie menschlicher und glücklicher machen würde. Es ist Schäfers Verdienst, die Leserinnen und Leser aus der eigenen Erschütterung heraus dran zu erinnern. Das kann er gut und die Menschen, die dieses Buch brauchen, werden es hoffentlich finden.

Quelle: ntv.de

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